20 Jahre Humanistischer Pressedienst

Zweimal rollte der große "Rote" durchs Land

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Der Start der Buskampagne am 30. Mai 2009 in Berlin
Buskampagne 2009

In diesem Jahr feiert der Humanistische Pressedienst (hpd) sein 20-jähriges Jubiläum. Die Redaktion möchte diese Zeit Revue passieren lassen und jeden Monat auf einen Artikel oder ein Thema hinweisen, der beziehungsweise das die Gesellschaft mitverändert hat. Heute blicken wir auf die Buskampagnen 2009 und 2019 zurück.

Am 4. Mai 2009 kündigte der hpd erstmals die Buskampagne an. Die Idee dazu stammte aus Großbritannien: Dort hatte die "Atheist Bus Campaign" im Oktober 2008 viel Aufmerksamkeit erregt. Die britische Journalistin Ariane Sherine und der Evolutionsbiologe und Buchautor Richard Dawkins starteten die Kampagne als Antwort auf eine christlich-evangelikale Buswerbung.

In Deutschland wurden verschiedene Verkehrsunternehmen in zahlreichen größeren deutschen Städten angefragt, ob diese mit dem Spruchband "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott" auf den Bussen fahren würden. Doch die Initiatoren erhielten fast ausnahmslos Ablehnungen. Deshalb entschied man sich, selbst einen Bus anzumieten und auf die Reise durchs Land zu gehen – ausschließlich spendenfinanziert.

Philipp Möller
Philipp Möller, Foto: privat

Philipp Möller, der damals kurzerhand zum Pressesprecher der Aktion wurde, sagt heute darüber: "Diese Entscheidung war keine aktive, sondern wurde uns aufgezwungen. Wir hatten nach dem britischen Vorbild ganz klassisch versucht, Werbeflächen auf Linienbussen anzumieten. 17 deutsche Verkehrsbetriebe haben uns abgelehnt, später kam noch das Verbot der Deutschen Bahn dazu. Spätestens da war klar: Wir können warten und uns über die Doppelmoral aufregen – oder wir machen es einfach selbst. Aus diesem 'Wenn die uns nicht fahren, fahren wir eben selbst' wurde der Plan, einen eigenen Bus zu chartern und drei Wochen quer durch die Republik zu touren."

Nach einer Pressekonferenz am 28. Mai 2009 startete die Tour des "Großen Roten" am 30. Mai in Berlin und führte bis 18. Juni entgegen des Uhrzeigersinns einmal quer durch die Bundesrepublik, durch 24 Städte. "Die Pressekonferenzen im Doppeldecker, das Lampenfieber beim ersten Talkshow-Auftritt, die Reiseromantik im Oberdeck des Busses, wenn man im Lärm des alten Dieselmotors mit 90 km/h der untergehenden Sonne entgegenfährt – um sich am nächsten Tag schon wieder ins Getümmel zu stürzen", das seien, so Möller, schöne Erinnerungen der Aktion. Von der Idee bis zur ersten Tour-Etappe vergingen nur wenige Monate. "Was ich aus dieser Geschwindigkeit für heute mitnehme, ist allerdings ambivalent. Einerseits: den Mut, einfach loszulegen, statt jahrelang Konzeptpapiere zu schreiben. Andererseits: Eine bunte Tour mit einem Bus erzeugt Schlagzeilen, und diese Schlagzeilen waren damals goldrichtig und dringend nötig – aber das ist 17 Jahre her, und seitdem hat sich wahnsinnig viel verändert. Wir haben damals in wenigen Monaten ein riesiges Medienereignis erzeugt, aber kein einziges der strukturellen Probleme, gegen die wir angetreten sind, hat sich dadurch erledigt", erinnert sich Möller heute.

Und wie kam es, dass er nicht nur Pressesprecher, sondern neben dem Berliner Grafiker Peder Iblher und dem damaligen Chefredakteur des hpd Carsten Frerk einer der Organisatoren und das Gesicht der ersten Buskampagne wurde? "Mein Einstieg lief über Facebook, wo sich damals Leute sammelten, die – inspiriert von Ariane Sherines britischer 'Atheist Bus Campaign' – etwas Ähnliches in Deutschland auf die Beine stellen wollten. Ich habe mich eingeklinkt, mitgemacht, und irgendwann saß ich neben Peder und Carsten im Kernteam. Dass ich am Ende eines der Gesichter wurde, hatte weniger mit einem Plan zu tun als mit Pragmatismus: Es brauchte Leute, die vor die Kamera treten und das Wort 'Atheist' aussprechen können, ohne das Gesicht vor Angst oder Wut zu verziehen."

Was hat die Buskampagne bewirkt?

Am Ende der Buskampagne zog der Humanistische Pressedienst dann unter anderem folgendes Resümee:

  • 15 bis 20 Millionen Menschen in Deutschland wurden mit der Kampagne erreicht
  • 805.194 mal wurde die Website buskampagne.de (...) aufgerufen
  • 500.000 Menschen haben den Bus auf der Straße gesehen
  • 3.873 Kilometer hat der Bus zurückgelegt
  • 1.750 Leute haben an einer Busrundfahrt teilgenommen
  • 4 mal wurde verbal Gewalt angedroht
  • 0 Gläubige wurden zum Atheismus bekehrt

Wenn man heute auf das Jahr 2009 zurückblickt, stellen sich Fragen danach, welche Auswirkungen die Buskampagne langfristig hatte. Hat die sich daraus ergebende Öffentlichkeit dazu geführt, dass Deutschland insgesamt säkularer beziehungsweise Nichtreligiöse sichtbarer wurden? "Ich würde differenzieren. Sichtbarkeit – eindeutig ja. Vor 2009 war 'Atheist' in Deutschland eine Zuschreibung, die man allenfalls unter der Hand heimlich zugab. Die Kampagne hat das mit verändert: Auf einmal konnte man darüber lachen, streiten, Talkshows machen. Nichtreligiöse waren plötzlich eine Gruppe, die sichtbar wurde, statt nur statistisch zu existieren."

Strukturell säkularer sei Deutschland durch die Buskampagne allerdings nicht geworden. "Die Kirchen kassieren in diesem Jahr 666 Millionen Euro an Staatsleistungen und die Kirchensteuer wird in diesem Jahr wieder mit nahezu 5 Milliarden Euro aus allgemeinen Steuergeldern subventioniert werden. Im kirchlichen Sonderarbeitsrecht dürfen mehr als 1,5 Millionen Beschäftigte in Caritas und Diakonie weiterhin nach 'Loyalitätspflichten' gemaßregelt werden – ein Sonderstatus, den kein anderer Arbeitgeber dieses Landes genießt. Und in den Schulen entscheidet immer noch der Glauben der Eltern über den Religionsunterricht der Kinder." Viele der Gründe, die 2009 zur Buskampagne geführt hatten, bestehen heute noch immer, beklagt Möller.

Das Wertvolle an dieser Tour waren für ihn aber nicht nur die Schlagzeilen, "sondern auch die Menschen, die ich dabei kennengelernt habe: Carsten Frerk, Michael Schmidt-Salomon, Seyran Ateş, Rainer Rosenzweig, Necla Kelek… das sind nur einige Namen aus einem riesigen Netzwerk, das sich damals geformt hat und mit dem ich heute noch zusammenarbeite – mit anderen Strategien und in erweiterten Konstellationen, aber mit derselben Leidenschaft und demselben Ziel: einem säkularen Staat, so wie er im Grundgesetz vorgeschrieben ist." Auch für den Autor dieser Zeilen war die Buskampagne der Beginn seiner Tätigkeit innerhalb der säkularen Szene.

Der hpd war in jedem Moment der Reise mit dabei. So auch zehn Jahre später, als anlässlich des 100-jährigen Verfassungsbruchs durch die noch immer nicht abgelösten Staatsleistungen an die Kirchen eine zweite Buskampagne ins Leben gerufen wurde. 2019 ging sie von institutioneller Ebene aus: die Giordano-Bruno-Stiftung war Initiatorin. Der hpd war Medienpartner und hielt die Leserinnen und Leser über die aktuellen Ereignisse auf dem Laufenden (alle Artikel dazu finden sich unter dem Schlagwort "Buskampagne").

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