Aufklärung und Kritik 4/2025 erschienen

Von Popper bis Gerechtigkeit

Das aktuelle Heft von Aufklärung und Kritik (A&K), der umfangreichen Vierteljahreszeitschrift der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg (GKPN), ist erschienen. Die Redaktion hat dem hpd wieder das Vorwort zur Verfügung gestellt.

Dieses Heft beginnt mit einem Text von Karl R. Popper, mit dem Titel "Wie ich Philosoph wurde, ohne es zu wollen", übersetzt von Hans-Joachim Niemann, der auch ein kurzes Nachwort anfügt. Dies ist das Manuskript von Poppers erstem von zwei Vorträgen, die er 1992 anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises hielt. Das Thema für die Geehrten war, ihren Werdegang darzulegen. Popper beginnt mit der Schilderung seiner vielfältigen Interessen und Ausbildungen, seiner Scheu vor einem Fachstudium der Philosophie und seinem brennenden Interesse für philosophische Fragen. Dann stellt Popper seine Problemlösungsmethode dar, die dazu führte, dass er oft jahrelang mit einem Hauptproblem beschäftigt war, ehe sich schließlich eine Lösung dafür herauskristallisierte, während er zwischenzeitlich andere Fragen in anderen Fachgebieten löste. So wurde er durch seine Liebe zum Problemlösen letztlich zum Philosophieprofessor mit einem ganz eigenen Blick auf die Wahrheit und die Gültigkeit von Lösungen.

Tobias Jung setzt mit diesem vierten Teil "Immanuel Kant und die Naturwissenschaft. Bemerkungen zu den Bedingungen der Möglichkeit der Physik als Wissenschaft in der Kritik der reinen Vernunft" seine Reihe fort. Hier untersucht er, ob und inwieweit Kants zweite Analogie der Erfahrung, also sein Kausalgesetz, trotz der Fortschritte der Mathematik und Physik ihre Gültigkeit bewahren könnte. Dazu zieht er mathematische Beispiele zur Bewegung, Fälle von starker und schwacher Kausalität, die Chaostheorie und die Quantentheorie heran.

Ebenfalls mit der Frage der Gültigkeit von Kants Kausalgesetz angesichts der wissenschaftlichen Fortschritte setzt sich Prof. Dragan Jakovljević in "Determinismus, apriorische Annahmen und Weltbild" auseinander. Dabei geht er von der kritischen Analyse eines Werks Grete Henry-Hermanns aus, in dem diese eine mögliche Vereinbarkeit von Quantenmechanik und Kants Aussagen zur Kausalität nachweist. Der Autor macht im Folgenden keinen Hehl daraus, dass er an der Kompatibilität jeglichen auf Kants Erkenntnissen aufbauenden Rationalismus mit den neuen Entwicklungen der Physik zweifelt, und versucht dies zu belegen.

In seinem Aufsatz "Der diskrete Charme des Widersprüchlichen und die Freuden der Skepsis. Skizzen zur Kulturtheorie und Logik des Komischen" geht Prof. Rudolf Lüthe von verschiedenen Funktionen des Lachens aus, um Komik und Humor als heitere, aufklärerische Strategien nachzuweisen. Auch ihre Verwandtschaft zur Skepsis und ihr Beitrag zu einem gelingenden Leben werden gewürdigt, ehe am Schluss noch ihre Zugehörigkeit zur ästhetischen Dimension des Menschseins dargelegt wird.

Martin Rodan unternimmt es in "Der unverstandene Aufklärer. Spinozas Ethik als Wegweiser zu Freiheit und Glückseligkeit", dieses Werk für heutige Leser aufzuschlüsseln. So entwickelt er anhand der verschiedenen Bücher des Werkes Spinozas Bild des menschlichen Geistes als dreigeteiltem, stellt die jeweiligen Funktionen in Spinozas Weltbild heraus und vergleicht sie mit dem modernen Weltbild. Besonderes Gewicht legt er auf dessen Gottes- beziehungsweise Existenzbegriff und würdigt die Ethik als Wegweiser zu einem "guten Leben".

Kritisch setzt sich Konrad Lotter in seinem Aufsatz "Heideggers Anti-Humanismus aus der Perspektive der Schwarzen Hefte" mit Heideggers Brief über den Humanismus von 1946/47 auseinander. Zunächst arbeitet er dessen völlige Ablehnung von jeglichem Humanismus, auch seines eigenen früheren, anhand von vier Grundgedanken heraus, woraus sich ein neues Menschenbild ergebe: Der Mensch sei ohnmächtig gegenüber dem Schicksal und ohne Verantwortung für sich und andere. Anschließend zeigt der Autor anhand von Texten Kontinuitäten der NS-Ideologie in Heideggers Denken auf.

Eine andere Seite oder Lesart dieses Denkens stellt Moritz René Pretzsch in "Gibt es für den Menschen der Moderne noch ein In-der-Welt-zu-Hause-sein? Heimweh als Urquell philosophischen Fragens im Denken von Martin Heidegger" vor. Darin befasst er sich zuerst mit Ursprung und Entwicklung des Begriffs "Heimweh", dann mit der Bedeutung des Heimwehs in der Philosophie Heideggers. Dabei beleuchtet er besonders dessen Zusammenhang von Heimweh, Heimat und Sprache für den Menschen in der technisierten Welt.

In "Arendt – Vordenkerin einer europäischen Föderation und transnationalen Staatsbürgerschaft" zeigt Bruno Heidlberger eine politische Debatte zur Heimatlosigkeit auf. Er bespricht Arendts Thesen über die Entwicklung des Nationalstaates vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und die daraus resultierenden Katastrophen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs mit deren Folgen für die politische Entwicklung Europas. Außerdem wird herausgearbeitet, wie die Vielzahl der nach 1945 gestrandeten Menschen und eigene Asylerfahrungen Arendt dazu brachten, Bürgerrechte im europäischen Raum ganz neu zu denken.

Mit der Gegenwart befasst sich Christian Zeller in seinem Beitrag "Wie links-grüne Diskursverengung Rechtspopulismus stärkt. Ein Versuch über Meinungsfreiheit und Lagerbildung". Er zeigt rechts- und linksidentitäre Bewegungen als feindliche Brüder vom selben Stamm und erläutert die Interaktionsdynamik des Diskurses. Mit Hilfe sozialpsychologischer Mechanismen der Lagerbildung erklärt er die zunehmende Spaltung und Diskursverengung, und die daraus resultierenden Gefahren für die liberale Demokratie.

In "Gottes Güte und das Geschenk der Freiheit" untersucht Prof. Gerhard Streminger Gründe, die europäische Christen und Muslime zum Festhalten an ihrem Glauben an einen allgütigen Schöpfergott bewegen (können), sowie auch häufig angebotene Lösungen des Theodizee-Problems. Insbesondere beschäftigt ihn das Argument der menschlichen Freiheit als Begründung allen Leidens.

Der Aufsatz von Iraklis Pantazis und Jan Kerkmann "Die dunkle Metaphysik. Ein philosophiehistorischer Versuch zur Wiedergewinnung der Dunkelheit (Heraklit, Heidegger) gegenüber den Denkern des Lichts (Platon, Augustinus, Hegel) Teil 1" hat zum Ziel, durch Aufzeigen und Hinterfragen des strikt binären Ansatzes der Denker des Lichts eine neue Auseinandersetzung um die Rolle des Verborgenen und Chaotischen zur Erkenntnisgewinnung zu ermöglichen und einen Paradigmenwechsel anzuregen. In diesem ersten Teil werden exemplarische Informationen zu den jeweiligen philosophischen Ansätzen dargestellt.

Den Abschluss des Hauptteils bildet Ludwig Coenens Artikel "Vorstellungen von menschlicher Seele bei Bayle (Teil 2) – Erstaunliche Entdeckungen zu unterschiedlichen Theorien der Seele im 'Wörterbuch' von P. Bayle". Zu diesen Entdeckungen zählt der Absatz über Rorarius, der im 16. Jahrhundert die Frage der Vernunftbegabung der Tiere diskutierte, dessen Gegensatz zu den Argumenten der Cartesianer, oder die ausführliche Darstellung und Kritik der Leibniz'schen Vorstellungen zur Seele. Zum Abschluss untersucht der Autor noch Bayles Stellung in der Traditionslinie des Atheismus.

Jutta Georg eröffnet das FORUM mit "Philosophische Perspektiven auf Gerechtigkeit", in denen sie Gerechtigkeitskonzepte von der Antike bis in die Moderne auf die Frage hin untersucht, ob es Gerechtigkeit überhaupt gebe. Prof. Harald Seubert würdigt in "Hermann Kesten. Ein Beitrag zum 125. Geburtstag" diesen Nürnberger Intellektuellen auf sehr persönliche Art und Weise. In "Mündigkeit als Leitidee für gesellschaftliches Handeln und Gefährdungen in handlungstheoretischer Perspektive" untersucht Prof. em. Gerhard Tulodziecki den Zusammenhang von Mündigkeit und gesellschaftlichem Handeln, Faktoren für die Be- oder Verhinderung von mündigem Handeln und Strategien, um dieses zu fördern. Auch Stephan Schmider setzt sich in "Humanismus und Post-Humanismus: Eine Analyse im Kontext der Sozialen Arbeit" mit mündigem Handeln auseinander, und zwar in der sozialen Arbeit, die traditionell am humanistischen Menschenbild orientiert sei, von posthumanistischen Ansätzen aber stark herausgefordert werde.

In seinem Essay "Wie gegen Desinformation kämpfen? Adonisgärtchen gegen Algorithmen – Platon, Aufklärung als Prozess und der Kampf um Wahrheit" entwickelt Prof. Thomas Bohrer einen Vorschlag, wie der aufklärerische Prozess mit Hilfe der Ziele des eigenständigen Denkens, kommunikativen Handelns und einer kritischen Haltung gegenüber Machtstrukturen am Laufen gehalten werden kann. Karlheinz Rehwald beleuchtet in "Wie hilfreich ist die Schrift Kants 'Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?' zum Verständnis von Aufklärung?" kritisch Kants Antworten und in "Rousseau reloaded – Eine Ergänzung zu Jörn Sacks Kritik in A&K 2/2025" noch einmal die dort kritisierten Thesen Prof. Pfahl-Traughbers. Prof. Anton Grabner-Haider stellt in "Religiöser und profaner Wahn: Destruktive Gestalten der westlichen Kultur" die Wirkung von wahnartigen Ideen auf einige prägende Gestalten der europäischen Kulturgeschichte sowie deren negative Wirkung dar. Ulrike Ackermann-Hajek betont in "Die 'Wahnsinnigen' in Religions- und Philosophiegeschichte und die conditio humana – Gedanken über ihre Wirksamkeit" andere Seiten ihrer Bedeutung in der Tradition.

Der Band schließt wie immer mit interessanten Rezensionen und Buchvorstellungen und wichtigen Mitteilungen der GKPN.

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