Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider erklärt in einem Blogbeitrag, nur eine "deutsche Orthodoxie" könne Deutschland vor moralischem und geistigem Verfall retten. In einem wirren Text attackiert er die "Ehe für alle", das Gendern und einen christlichen Universalismus. Als Gegenmodell verklärt er die orthodoxen Kirchen in Abgrenzung zur westlichen Christenheit und offenbart dabei ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild.
Was für eine seltsame Frage, wird mancher beim Lesen der Überschrift denken und man kann es ihm nicht verübeln. Aber der Abgeordnete im Landtag von Sachsen-Anhalt und kulturpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Hans-Thomas Tillschneider, hat einen Blog-Beitrag beim Institut für konservative Wirtschaftspolitik so überschrieben: "Nur noch die Orthodoxie kann Deutschland retten!" – versehen mit einem KI-Bild, das ein altes Ehepaar neben bürgerlicher Kleinfamilie zwischen Fachwerkhäusern auf dem Weg in ein Kirchengebäude zeigt, neben dem eine Deutschlandfahne weht.
Nun kann man sich fragen, wovor man Deutschland eigentlich retten müsste, aber wenn man den Text von Tillschneider liest, dann wird man sehr schnell fündig und erfährt, dass "Schuldkult", "Nationalmasochismus" und "geistige Auflösung" unser Land anscheinend bedrohen. Eine "rechtgläubige Synthese aus Deutschtum und Christentum ist die einzige Kraft", die diesem Verfall entgegenstehen könnte. Wer dabei aber nun an die großen Amtskirchen denkt, der ist auf dem Holzweg. Denn diese – in der AfD-Diktion "Kirchensteuerkirchen" genannt – sind laut dem AfD-Mann im Fall der evangelischen Kirche "bereits unrettbar verdorben" beziehungsweise im Fall der katholischen Kirche "zumindest in Deutschland mehrheitlich erlösungsbedürftig". Wo aber die großen Amtskirchen nicht weiterhelfen, da bleibt nur die Orthodoxie – meint zumindest Tillschneider.
Um genau zu sein sinniert er über eine "eigenständige deutsche Orthodoxie", die an "vor-lateinische germanische Wurzeln" anknüpfen müsse. Er bringt in diesem Zusammenhang die "Wulfilabibel" an, eine Übersetzung vor allem des Neuen Testamentes ins Gotische aus dem 4. Jahrhundert. Anlass dafür ist, dass die Amtskirchen gegen göttliche Gebote und die göttliche Ordnung verstoßen würden, ja "die EKD und die Bischofkonferenz geben die Sünde als Rechtleitung und die Rechtleitung als Sünde" aus, leiden mithin unter "Perversion". Das alles, weil die EKD die "Ehe für alle" begrüßt, die "eine Entwertung der Ehe" darstelle, da diese dadurch "gleich gültig neben alle erdenklichen Sexualgemeinschaften gestellt wird".
Auch eine Tirade gegen das Gendern darf nicht fehlen: "Das Gendern zielt auch und gerade in seinen unauffälligsten Formen direkt auf die durch Gott im Akt der Schöpfung gesetzte Zweigeschlechtlichkeit des Menschen. Indem die EKD sich offen zur 'geschlechtergerechten Sprache' bekennt, stellt sie sich gegen Gott und beteiligt sich am Versuch, einen neuen Menschen zu schaffen, der sich in leerer Selbstvergötzung von Gott abwendet und meint, nicht mehr an das gottgegebene Geschlecht gebunden zu sein."
Nun gendert der Autor dieses hpd-Textes selber nicht, wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, dass eine künstlich verkomplizierte Sprache dazu dienen solle einen neuen Menschen zu schaffen. Für Tillschneider wird damit jedoch "die Kirche, die dem satanischen Regenbogenimperium Widerstand leisten sollte" zu dessen "Avantgarde", und alles nur, weil sich in den Amtskirchen Stimmen mehren, welche die Politik der AfD für nicht mit einem christlichen Menschenbild vereinbar halten.
Überhaupt verurteilt er einen christlichen Universalismus und die Tatsache, dass die Bischofskonferenz und die EKD "jedes Bekenntnis zu den Völkern" verdammen würden. Zum Glück aber gibt es "einen großen Strom der christlichen Tradition und einen starken Zweig der Christenheit, der von diesem Verfall nicht betroffen ist. In diesen Kirchen sind Regenbogenfahnen undenkbar. Würde sie jemand hissen, würden sich sofort beherzte Gläubige finden, die sie herunterreißen. Dort wird die Familie geheiligt, die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen fraglos vorausgesetzt, die eigene Nation geehrt, der Teufel bekämpft, dort werden die Heiligen verehrt und dort wird Gott die Ehre erwiesen". Gemeint sind die orthodoxen Kirchen, die auf den byzantinischen Zweig der Kirchengeschichte zurückgehen, wie er sich bei der Trennung in Ost- und Westkirche, dem sogenannten Großen Schisma von 1054, bildete.
Man merkt, dass Herr Tillschneider gar fürchterbar an der Moderne leiden muss, wenn er auf X den tiefgründigen Gedanken teilt, dass ihm beim "Nachdenken über die Moderne" aufgefallen sei, dass "modern" ein Anagramm von "morden" sei. Ob er für solche tiefen Gedanken wohl Zeit im orthodoxen Dreifaltigkeitskloster verbracht hat, wie es auch Götz Kubitschek und Björn Höcke getan haben sollen?
Der Text Hans-Thomas Tillschneiders lässt einen als säkularen Leser sprachlos zurück, weil man gar nicht weiß, wo man ob des gesammelten Unsinns mit einer Kritik sinnvoll ansetzen sollte. Die Amtskirchen sind dem Autor dieses Textes jedenfalls bisher nicht als Hort des überbordenden Progressivismus aufgefallen. Immerhin haben wir aber dank Tillschneider eine Idee davon, wann die gute alte Zeit war, in die manche aus der AfD zurück möchten: vor 1054, vor dem Großen Schisma.








Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.