Am Vortag des Internationalen Frauentags versammelten sich in Hamburg bis zu 200 Menschen zum Women's March, organisiert von der Initiative International Women in Power (IWP)1 der Kulturbrücke Hamburg. Die Demonstration richtete sich gegen Unterdrückung und religiösen Fanatismus, trat ein für die universellen Menschenrechte von Frauen, weltweit und in Deutschland. Die Reden und Performances der Veranstaltung machten deutlich: Der Einsatz für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Säkularität bleibt eine gesellschaftliche Daueraufgabe, die Solidarität über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg erfordert.
Die Veranstaltung begann mit einer Begrüßung durch Eva Engelken, Autorin und Aktivistin, sowie Hourvash Pourkian, Gründerin von IWP und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Pourkian betonte, dass der erste Hamburger Women's March bereits 2017 stattfand – inspiriert vom amerikanischen Vorbild nach der Wahl Donald Trumps. Seitdem hat sich die Initiative zu einer festen Stimme für Frauenrechte in der Hansestadt entwickelt. Der Fokus lag diesmal besonders auf der Situation im Iran: "Seit einer Woche tobt dort ein Krieg. 90 Prozent der Bevölkerung begrüßen die Angriffe auf das Regime, weil sie Hoffnung auf Freiheit machen", so Pourkian. Sie verwies auf die anhaltende Unterdrückung von Frauen, religiösen Minderheiten und der LGBTQ+-Community im Iran und rief dazu auf, nicht wegzuschauen: "Frauenrechte sind universelle Menschenrechte. Sie sind unteilbar und nicht verhandelbar."
Bewegende Botschaft: Selinas Tanzperformance zu "Moamaye Shaah" erinnerte an die über 40.000 Menschen, die im Iran für Freiheit und Frauenrechte ihr Leben verloren. "Weiß für Hoffnung, Schwarz für Trauer", erklärte sie. Foto: © Frauke Bastians 
Die Tänzerin Selina, eine junge Iranerin, performte zu dem Lied "Moamaye Shaah" – ein symbolträchtiger Akt des Widerstands, der an die vielen Menschen erinnerte, die im Iran jetzt ihr Leben verloren haben. Die Performance war einer der emotional markanten Momente der Veranstaltung. Im Anschluss wurde sie von den Moderatorinnen und Übersetzerinnen in den Kontext der Proteste im Iran eingeordnet.
Frauenrechte in Deutschland: Rückschritte und Widerstand
Doch der Marsch richtete sich nicht nur nach außen. Katharina Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundestagsabgeordnete und finanzpolitische Sprecherin, warnte vor einem "Rückwärtsgang" in der Gleichstellungspolitik: "Wir erleben, wie Errungenes infrage gestellt wird – selbst in westlichen Demokratien." Beck kritisierte, dass Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft und Politik nach wie vor unterrepräsentiert sind. "Geld ist Macht. Frauen müssen sich trauen, finanziell unabhängig zu sein", appellierte sie an die Zuhörer:innen.
Astrid Warburg-Manthey
Astrid Warburg-Manthey, Frauenrechtlerin und Mitglied der neu gegründeten Partei FIF – Frauen in Führung, benannte strukturelle Gewalt in Deutschland: "Jede zweite bis dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens häusliche oder sexualisierte Gewalt. Das ist kein Randproblem, das ist Patriarchat." Katja Schulz von Sisters e.V. forderte darüber hinaus ein Umdenken in der Prostitutionspolitik und kritisierte das deutsche "Sexkaufmodell" als organisierte Ausbeutung. "Ein Körper ist keine Ware. Würde ist nicht käuflich." Ihr Verein bietet Betroffenen praktische Hilfe zum Ausstieg aus der Prostitution. Sie betonte, dass die Entmenschlichung von Frauen in der Prostitution tief in der Gesellschaft verankert sei und auch zu Gewalt in Partnerschaften beitrage. Ihr Appell endete mit dem Ruf: "Frau. Leben. Freiheit!"
Säkularität als Schutzraum für Frauenrechte
Ute Lefelmann, Mitgründerin der FIF-Partei, betonte auch die Bedeutung der Säkularität: "Religiös legitimierte Männerherrschaft sehen wir im Iran und in Afghanistan. Wir müssen uns fragen: Wollen wir zulassen, dass solche Ideologien in Europa an Einfluss gewinnen?" Die Partei setzt sich für einen "pragmatischen Feminismus" ein, der sich an der realen Lebenssituation von Frauen orientiert – unabhängig von ethnischem oder religiösem Hintergrund. "Die Freiheit von Frauen ist der Gradmesser einer freien Gesellschaft", so Lefelmann.
Klar und unmissverständlich: "Frau. Leben. Freiheit." und "Ich bin RELIGIONS-FREI!" – Teilnehmerinnen des Hamburger Women's March 2026 setzten mit selbstgemachten Plakaten ein Zeichen für Säkularität und universelle Frauenrechte. Foto: © Frauke Bastians 
Auch Gudrun Schittek (Grüne Bürgerschaftsfraktion) und Irene Appiah (SPD) unterstrichen in ihren Reden die Notwendigkeit, Frauenrechte als universelle Menschenrechte zu verteidigen. Appiah erinnerte daran, dass viele Frauen nicht nur Sexismus, sondern auch Rassismus, Antisemitismus oder soziale Ausgrenzung erlebten. "Gleichstellung bedeutet, niemanden zu übersehen."
Schittek führte auch Erfolge des gemeinsamen Engagements auf: So wurden die Revolutionsgarden auf die Terrorliste der EU gesetzt – eine Forderung, für die sich die Hamburger Bürgerschaft gemeinsam mit anderen politischen Kräften erfolgreich eingesetzt hatte. Das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) und andere Propagandazentren des iranischen Regimes in Hamburg wurden geschlossen. Schittek schloss sich dem Vorschlag an, die Blaue Moschee an der Alster in ein "Jina-Masa-Amini-Freiheitszentrum" umzuwandeln – als Ort des Gedenkens an die Opfer des Regimes und zur Aufklärung über Extremismus, Islamismus und Antisemitismus.
Menschenrechte über politischen Grabenkämpfen: Solidarität statt Spaltung
Die Demonstration zog vom Gänsemarkt zum Rathaus, wo sich bereits eine größere Gruppe iranischer Exilanten versammelt hatte. Die Stimmung war geprägt von Solidarität, aber auch von Spannungen: Während einige Teilnehmer:innen Unterstützung für Reza Pahlavi forderten, distanzierte sich die IWP-Demonstration von politischen Lagerbildungen. "Es geht um Frauenrechte, nicht um Parteipolitik", machte eine Teilnehmerin klar.
Ute Lefelmann
Später sprach Nati aus Afghanistan, die den eigenen Beitrag mit persönlichen Erfahrungen zu Freiheit, Geschlechterrollen, Diskriminierung und Migration verband. Im Zentrum standen Selbstbestimmung, Sichtbarkeit und das Recht, ohne Angst und Ablehnung leben zu können. Der Redebeitrag endete mit einer Tanzdarbietung und der Einladung zum gemeinsamen Tanzen. Nasanin Bergmann lud die Demonstrant:innen außerdem ein, Gefühle bewusst wahrzunehmen und loszulassen.
Laleh Arefi, eine iranische Aktivistin, betonte die Bedeutung von Inklusion: "Wir wollen ein freies Iran – für alle, unabhängig von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität." Ihr Appell: "Menschenrechte kennen keine Einschränkungen. Sie gelten für alle."
Frauenrechte sind Menschenrechte – und müssen täglich neu erkämpft werden
Der Hamburger Women's March 2026 war ein Zeichen der Solidarität, aber auch ein Aufruf zum Handeln. Die Redner:innen waren sich einig: Frauenrechte sind keine "kulturelle Debatte", sondern eine Frage der Menschenwürde. "Frauenrechte wurden nie geschenkt. Sie wurden immer erkämpft", fasste Astrid Warburg-Manthey zusammen. In einer Zeit, in der autoritäre Strömungen weltweit an Boden gewinnen, bleibt der Einsatz für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Säkularität eine gemeinsame Aufgabe – in Hamburg, in Deutschland und darüber hinaus.
1 Die Initiative International Women in Power (IWP) wurde 2011 zum 100-jährigen Jubiläum des Internationalen Frauentags gegründet und setzt sich für universelle Frauenrechte und Gleichberechtigung ein. Die neu gegründete Partei FIF – Frauen in Führung positioniert sich als säkulare Kraft für die Stärkung von Frauenrechten in Politik und Gesellschaft.






