Kommentar

Der "Spielplatz" und die Wutbürger

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Spielplätze in Köln heißen jetzt "Spiel- und Aktionsflächen" (Symbolbild)
Symbolbild

In Köln sollen Spielplätze zukünftig nicht mehr Spielplätze heißen und Netz und Medien diskutieren über Sinn und Unsinn einer solchen Aktion. Ist es ein wichtiger Schritt zu mehr Inklusion oder handelt es sich um den nächsten Schildbürgerstreich weltfremder Bürokraten? Ein Plädoyer, den "Wutbürger" neu zu denken.

Die Stadt Köln hat ein neues Schild-Design präsentiert, auf dem zukünftig statt "Spielplatz" oder "Kinderspielplatz" nun "Spiel- und Aktionsfläche" stehen soll und das Internet und die Presse stehen mal wieder Kopf. Von Bild bis Zeit wurde berichtet und in den Sozialen Medien diskutiert, ob die Aufregung um die angebliche "Abschaffung" des Wortes "Spielplatz" (Bild) nun eine rechte Kampagne sei oder doch berechtigte Kritik an der nächsten unsinnigen Aktion, die sich Inklusion auf die Fahne schreibt, aber mit Inklusion wenig zu tun hat.

Der Hintergrund ist dabei recht unstrittig. Die Stadt Köln hat zusammen mit dem Verein Junges Köln im Februar 2025 ein Konzept erarbeitet, dessen Ziel unter anderem "Zugangserleichterung zu Spielflächen durch kinder- und jugendgerechte Ansprache" sei. Ergebnis des konsultativen Prozesses war der Vorschlag für neu gestaltete Schilder, über den berichtet wurde, und für den 38.000 Euro zur Verfügung gestellt wurden. Gut investiertes Geld?

Man kann nun argumentieren, dass es natürlich positiv ist, wenn Kinder und Jugendliche in Prozesse der Kommunalpolitik eingebunden werden und somit Selbstwirksamkeit als Staatsbürger erfahren. Andererseits kann man sich schon auch ob des Ergebnisses verwundert die Augen reiben. Jugendliche empfinden die Beschilderung der Flächen als "Spielplätze" als ein ernstzunehmendes Zugangshindernis bei der Nutzung von Spielflächen? Denke ich an meine Jugend und unsere Nutzung von Spielplätzen zurück, fällt es mir schwer das zu glauben.

Ich hätte ja viele Probleme verstanden: mangelnde Sauberkeit, uninspirierte Ausrüstung, keine Barrierefreiheit, unzureichende Beleuchtung und schlechte Einsehbarkeit (wobei letztere zwei Punkte für uns als Jugendliche seinerzeit wohl eher als Bonus verbucht worden wären). Aber die Beschilderung? Ein bisschen fehlt mir hier der Glaube, dass dieses Ergebnis nicht durch die Vorstellungen der Erwachsenen zumindest stark mit beeinflusst worden sein soll. Zu sehr passt mir das Ergebnis in einen Zeitgeist, der über Sprachmagie versucht, gesellschaftliche Probleme zu beheben. In diesem Fall den Zugang zu Spielflächen.

Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, dass die Änderung der Beschilderung Spielplätze zugänglicher macht. Und scheinbar bin ich mit dieser Einschätzung nicht alleine. Entsprechend harsch fielen Teile der Kommentare in den Sozialen Medien aus. Auch die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker hatte sich zwischenzeitlich zu Wort gemeldet: "Ich persönlich finde die Bezeichnung 'Spielplatz' klar und verständlich und habe angesichts der Herausforderungen, vor denen Köln steht, kein Verständnis dafür, dass sich die Verwaltung mit der Neugestaltung von Spielplatzschildern beschäftigt."

Daraufhin handelte sie sich den Vorwurf ein, vor einer "rechten Kampagne" eingeknickt zu sein. Aber ist die Wut mancher Menschen auf solche Entscheidungen so unverständlich? Muss es sich dabei immer und zwangsläufig um "rechte Kampagnen" handeln?

Bedenkt man, dass die 38.000 Euro aus öffentlichen Mitteln kamen, so kann man schon verlangen, dass mit diesen Steuergeldern (auch wenn es sich um einen sehr kleinen Teil eines Etats einer Großstadt wie Köln handelt) verantwortungsvoll umgegangen wird. Bedenkt man darüber hinaus, dass der Betrag ungefähr dem Jahresgehalt einer Referentinnenstelle entspricht, so kann man festhalten, dass diese Referentin in diesem Jahr auch etwas anderes (vielleicht Sinnvolleres?) hätte tun können.

Weiterhin kann man festhalten, dass Nettolohn beziehungsweise -gehalt je Arbeitnehmer in Deutschland 2024 laut Statista durchschnittlich bei nur knapp über 32.000 Euro lagen und dass der Großteil der Tätigkeiten, die unter dem Durchschnittslohn vergütet werden, eher weniger angenehm und körperlich wie psychisch fordernder sein werden als ein relativ gemütlicher Job einer Referentin in einer Kommunalverwaltung. Auch ist davon auszugehen, dass ein großer Teil dieser Tätigkeiten von Personen ausgeführt werden wird, die eher bildungsfernen Milieus zugerechnet werden können und vermutlich mit bildungsbürgerlichen Sprachnormen eher weniger am Hut haben werden.

Sind Aufregung und Wut über die Kölner Entscheidung damit angemessen? Nun ja, wer was für angemessen hält, das muss nicht nur jeder für sich entscheiden, sondern das wird auch eine Frage des Standpunktes sein. Vielleicht werden Wut und Aufregung aber verständlicher, wenn man sich überlegt, was dem entgegensteht. Aus vielen Kommunen gibt es Berichte, dass es schwer bis unmöglich ist, zeitnah Termine bei Bürgerämtern für banale Dinge – wie eine Wohnungsummeldung, eine Führerscheinerneuerung oder Ähnliches – zu bekommen und wer mit Spezialbehörden wie der Ausländerbehörde zu tun hat, der kann üblicherweise Horrorgeschichten im halben Dutzend erzählen. Wird aber die Verwaltung in weiten Teilen als dysfunktional empfunden, dann kann es zu Wut führen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass durchaus verfügbare Arbeitskraft falsch eingesetzt wird. Der Einzelfall, der vielleicht selbst nicht so wichtig ist, steht dann symbolisch für das große Ganze.

Das soll nicht heißen, dass die Bild mit ihrem Kampagnen-Journalismus nicht ihren Anteil an der Aufregung gehabt hätte, aber nur, weil die Bild die Aufregung anfacht, heißt das eben noch nicht, dass die Aufregung per se unangemessen sei. Oder um das dem "demokratischen Sozialismus" nahestehende Magazin Jacobin zu zitieren: "[Man] kommt nicht schon als 'Wutbürger' auf die Welt. Die Unzufriedenheit der Menschen muss aus den Verhältnissen selbst stammen." Um es anders zu formulieren: Die Ablehnung der Umstände erwächst aus den Umständen selbst. Woher sonst? Vielleicht ist die Aufregung um die Spielplätze aber auch eine Chance, den Begriff des "Wutbürgers" nochmal neu zu denken.

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