Ein halbes Jahr nach dem Münchner Missbrauchsgutachten

Und wer spricht mit den Opfern?

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Ende Januar 2022 wurde das zweite Münchner Missbrauchsgutachten veröffentlicht, ein Zeugnis des Wegschauens und Versagens von kirchlichen wie staatlichen Stellen. Vorfälle wurden vertuscht, Kirchenleute blieben trotz Vorwürfen ohne Ermittlungen in Amt und Würden, Behörden sahen tatenlos zu. Während Kirchenleute Betroffenheit bekunden, fordern Opfer die Einrichtung einer unabhängigen Ombudsstelle. Eine Bilanz.

Gewiss, das Bistum ist seither nicht untätig geblieben, so lässt sich das Resümee von Michaela Huber zusammenfassen. Die Vorsitzende der Unabhängigen Aufarbeitungskommission der Erzdiözese München und Freising nennt als Erfolg etwa die Einrichtung einer neue Anlaufstelle für Missbrauchsbetroffene und deren Angehörige. Missbrauchsopfern stünden außerdem Angebote außerhalb des kirchlichen Systems offen, darunter Traumatherapien und Hilfen bei Entschädigungsanträgen. Andererseits beklagt Huber anhaltende Defizite im Kontakt der Betroffenen mit den verantwortlichen Kirchenbossen, namentlich Kardinal Reinhard Marx, Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann.

Richard Kick, Angehöriger des unabhängigen Betroffenenbeirats des Erzbistums, fordert darüber hinaus die Einrichtung einer unabhängigen staatlichen Ombudsstelle für Missbrauchsopfer. Unterstützung erhält Kicks Forderung von den Oppositionsparteien im bayerischen Landtag, von SPD, FDP und Grünen, während die Regierungsfraktionen den Vorschlag ablehnen. Ein Sprecher des CSU-geführten Sozialministeriums sagte hierzu gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass genügend staatliche Beratungsstellen für Missbrauchsopfer zur Verfügung stünden. Dennoch ist die Idee laut Landtagspräsidentin Ilse Aigner nicht komplett vom Tisch.

Anfang Juni stellten bayerische Minister dezidierte Forderungen an die Kirchen. Ende Juni forderte der bayerische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) Haftstrafen bis zu drei Jahren für Leiter von Schulen, Kirchen und Vereinen, wenn sie bei Kindesmissbrauch in ihren Einrichtungen untätig bleiben.

Etwa zur gleichen Zeit nahm Innenminister Joachim Herrmann (ebenfalls CSU) die Kirchen in die Pflicht. Bei einem Gespräch von Innenministern der Länder mit der Bischofskonferenz forderte er die Kirchen auf, ihre Mitarbeiter zur Anzeige aller Missbrauchsfälle anzuweisen. Inzwischen muss Herrmann jedoch selbst gravierende Versäumnisse einräumen: Ein erstes, schon 2010 erstelltes Gutachten über die Taten im Erzbistum sei erst mit neun Jahren (!) Verspätung von der Münchner Staatsanwaltschaft angefordert worden, so der Vorwurf. In dieser Zeit seien sieben mutmaßliche Fälle von Körperverletzung verjährt.

Dem Innenminister brachte dies die Kritik der politischen Opposition ein. Gabriele Triebel, religionspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, sprach von einem "Versagen auf ganzer Linie." Bereits im Frühjahr 2020 hatte der Strafrechtler Holm Putzke, Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, den staatlichen Organen eine "Beißhemmung" gegenüber den Kirchen attestiert.

Der Skandal schlägt Wellen bis über die Grenzen von München und Freising hinaus. Inzwischen wollen auch andere Bistümer in Bayern, Würzburg, Passau und Bamberg eigene Gutachten erstellen lassen. In Würzburg plant die unabhängige Aufarbeitungskommission die Vergabe einer juristischen Untersuchung nach Münchner Vorbild. Die Evangelische Landeskirche in Bayern bereitet gemeinsam mit den Landeskirchen in Baden-Württemberg und der Pfalz eine Missbrauchskommission vor, in der Betroffene gleichberechtigt am Tisch sitzen sollen.

Wie viele Betroffene es tatsächlich gibt, kann nur vermutet werden

Nach Veröffentlichung des Gutachtens hatte das Erzbistum München und Freising noch im Januar eine Anlauf- und Beratungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch eingerichtet. Nach Angaben der Mitarbeiterin Elisabeth Dreyßig haben sich dort bis Anfang Juli 223 Personen gemeldet. Dabei handelt es sich um 139 Männer und 84 Frauen, darunter 93 Betroffene und 6 Angehörige. Von den Betroffenen seien 60 Prozent älter als 60 Jahre, berichtet Dreyßig. Einige melden sich erst jetzt zu Wort, nach Jahrzehnten. "Niemand hat ihnen geglaubt. Diese Kinder waren völlig allein", resümiert Dreyßig.

Die Beschuldigten sind zu 53 Prozent Priester, 29 Prozent sind Ordensleute und 11 Prozent kirchliche Mitarbeiter, etwa Lehrkräfte und Pädagogen in Kindergärten. Einige Menschen hätten sich außerdem direkt an das Bistum gewandt, berichtet Generalvikar Klingan. Bei diesen 48 Personen sei jedoch nicht klar, ob es sich um bislang unbekannte Fälle handelt oder um solche, die bereits anderswo erfasst sind.

Wie viele Betroffene es tatsächlich gibt, kann nur vermutet werden. Die Studie von Januar spricht von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern, wobei Fachleute von erheblich größeren Zahlen ausgehen. Substanzielle Kritik üben die Autoren am Umgang führender Kirchenchefs mit den Missbrauchsfällen. Namentlich genannt sind die ehemaligen Erzbischöfe Joseph Ratzinger (der emeritierte Papst Benedikt XVI.) und Friedrich Wetter sowie der amtierende Erzbischof Kardinal Reinhard Marx.

Laut Amtschefin Herrmann zahlt das Erzbistum pro Betroffenem 5.000 bis 50.000 Euro aus, insgesamt 246.000 Euro seit dem Jahr 2020. Ein deutlich größeres Loch im Kirchenetat hinterlassen die Einbußen bei der Kirchensteuer durch schwindende Mitgliederzahlen, ein Trend, der durch mangelhafte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals deutlich beschleunigt wurde. Für 2022 rechnet man mit einem Minus von 25 Millionen Euro gegenüber 2021 bei insgesamt 622,2 Millionen Euro aus Kirchensteuern.

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