20 Jahre Humanistischer Pressedienst

Wie der Zentralrat der Ex-Muslime Debatten veränderte

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Mina Ahadi ist seit dem Jahr 2007 Vorsitzende des von ihr mitgegründeten Zentralrats der Ex-Muslime.
Mina Ahadi

In diesem Jahr feiert der Humanistische Pressedienst (hpd) sein 20-jähriges Jubiläum. Die Redaktion möchte diese Zeit Revue passieren lassen und jeden Monat auf einen Artikel oder ein Thema hinweisen, der beziehungsweise das die Gesellschaft mitverändert hat. Nach einem ersten Erinnern an die "Prügelnonne" und den kirchlichen Missbrauchsskandal befasst sich dieser Text mit dem Zentralrat der Ex-Muslime.

Am 28. Februar 2007 wird der Zentralrat der Ex-Muslime (ZdE) im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt. Wenige Wochen später folgt in London die Gründung des Council of Ex-Muslims of Britain (CEMB). Er bezeichnet sich selbst als "Netzwerk von Menschen, die entweder den islamischen Glauben aufgegeben haben oder die niemals Muslime waren, wenngleich sie aufgrund ihrer Herkunft aus einem sog. 'islamischen Land' gemeinhin der 'Gruppe der Muslime' zugerechnet werden".

Dass sich als "Muslime" wahrgenommene Menschen öffentlich lossagen ist eine mediale Sensation. Unter anderem greift der Spiegel die Gründung auf und veröffentlicht einen Artikel mit dem Titel: "Ex-Muslime sagen Islamverbänden den Kampf an".

Am 22. Februar 2007 kündigt der Humanistische Pressedienst (hpd) an, dass auf dem Podium bei der Pressekonferenz neben Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung – gbs) die beiden Vorsitzenden des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi und Arzu Toker, sitzen werden. "Zudem werden weitere Ex-Muslime auf der Pressekonferenz anwesend sein und der Presse für Interviews zur Verfügung stehen." Die gbs unterstützt die Gründung und die Arbeit des Zentralrats der Ex-Muslime seit Beginn.

Der Focus berichtete bereits am 12. Februar 2007 – also vor der Pressekonferenz – über die geplante Gründung. Dem hpd, der von Anfang an und bis heute über die Arbeit des Zentralrats berichtete, sagte Michael Schmidt-Salomon damals dazu: "Wir hatten mit Focus eine völlig andere Absprache. Aber solche Dinge passieren halt mitunter. Man muss damit leben und das Beste daraus machen! Immerhin wurde durch Focus eine große Aufmerksamkeit für die Pressekonferenz am 28.2. geschaffen."

"Kritische Islamkonferenz"

Und diese Aufmerksamkeit erhielt der Zentralrat in den folgenden Jahren wiederholt. Nicht zuletzt im Jahr 2008, als die erste "Kritische Islamkonferenz" unter dem Motto "Aufklären statt verschleiern" in Köln stattfand. Dort sprachen unter anderem Mina Ahadi, Michael Schmidt-Salomon, Ralph Giordano, Hartmut Krauss und Klaus Bees. Bei diversen Podiumsdiskussionen waren Maryam Namazie (CEMB), Ehsan Jami (Centraal Comité voor Ex-moslims, Niederlande), Afsane Vahdat (ZdE Skandinavien), Shahnaz Moratab (ZdE Deutschland), Fatma Bläser, Thomas Maul, Arzu Gazi, Assia Maria Harwazinski, Margalith Kleijwegt, Günter Wallraff und viele andere beteiligt.

Bereits 2013 fand die zweite "Kritische Islamkonferenz" in Berlin statt. Als Redner traten auf: Hamed Abdel-Samad, Mina Ahadi, Lale Akgün, Necla Kelek, Michael Schmidt-Salomon, Arzu Toker und Ali Utlu. Seyran Ateş stellte dort das erste Mal ihre Vision einer liberalen Moschee vor. Der Titel lautete diesmal "Selbstbestimmung statt Gruppenzwang. Gegen Islamismus und Fremdenfeindlichkeit". An dieser zweiten Kritischen Islamkonferenz war der hpd als Mitveranstalter und Medienpartner direkt beteiligt. In einem Resümee der Veranstaltung hieß es: "Es war wohl das erste Mal, dass ausgewiesene Religions­kritiker mit liberalen Muslimen öffentlich diskutierten. Während es bei der ersten Kritischen Islam­konferenz vor allem darum ging, vor einer 'falschen Toleranz' zu warnen, versuchte die diesjährige Tagung, Gemeinsam­keiten zwischen Islam­kritikern und liberalen Muslimen herauszuarbeiten."

Video der gbs: "10 Jahre Ex-Muslime: Die Geschichte einer internationalen Menschenrechtsbewegung"

Apostasie als Asylgrund

Eine der Forderungen des Zentralrats war es, dass die Abkehr von der Religion (Apostasie) als Asylgrund gelten soll, wenn im Herkunftsland Apostasie als Verbrechen verfolgt wird. Fiona Lorenz berichtete für den hpd über den Fall des iranischen Dissidenten Siamak Zare. Dieser hatte 2007 im Rahmen einer Aktion des Zentralrats der Ex-Muslime öffentlich bekannt, dem Islam abgeschworen zu haben. "Das Verwaltungsgericht Kassel urteilte, dass die Abkehr vom Glauben in Zares Fall kein Asylgrund sei, da das 'religiöse Existenzminimum', etwa 'das Gebet mit Gleichgesinnten', nicht in Gefahr gerate."

Dieser Kampf um die Anerkennung der Apostasie als Asylgrund zieht sich bis heute durch die Justiz Deutschlands. Im Oktober 2016 zum Beispiel berichtete der hpd über "Heldenmütige Atheisten unter uns". Constanze Cremer schrieb über Fälle, in denen Menschen, die aus sogenannten "muslimischen Ländern" geflohen waren, von Abschiebung bedroht waren, weil die Abkehr vom Islam von deutschen Gerichten nicht als Asylgrund anerkannt wurde. Diese Art der Rechtsprechung trug auch dazu bei, dass die Säkulare Flüchtlingshilfe gegründet wurde. Sie setzt sich für Menschen ein, die vor Religion fliehen.

Es gab immer wieder einzelne Erfolge bei entsprechenden Gerichtsverfahren: "Siamak Zare, einer der aktiven Unterstützer der Aktion 'Wir haben abgeschworen!' des Zentralrats der Ex-Muslime, darf nicht in den Iran abgeschoben werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hob in seinem Bescheid die zuvor erfolgte Abschiebungsandrohung gegen Zare auf und erkannte ihm die 'Flüchtlingseigenschaft' zu", gab die gbs im Frühjahr 2010 bekannt.

Aber auch im Jahr 2017 noch berichtete Daniela Wakonigg für den hpd von einer Gerichtsverhandlung aus Münster, bei der es wieder um "Atheismus als Asylgrund" ging. Bei diesem Gerichtstermin war Mina Ahadi in ihrer Funktion als Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime anwesend und sprach in die Mikrofone der anwesenden Pressevertreter: "Wer sich entscheidet, dem Islam abzuschwören, durchlebt einen schmerzhaften Prozess. Nicht nur, weil einem das alles von Kindesbeinen an als wahr verkauft wurde, und deshalb ein Teil von einem selbst kaputt geht, sondern auch und vor allem, weil es in muslimischen Ländern durch den Abfall vom Glauben massive Probleme mit der eigenen Familie und dem Staat gibt und man sozusagen zum Abschuss freigegeben ist. Für westliche Gesellschaften sind diese Menschen dagegen eine große Bereicherung, denn sie sind meistens sehr modern eingestellt."

Es scheint etwas ruhiger um den Zentralrat der Ex-Muslime geworden zu sein. Auch wenn die Schließung des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) ohne die langjährige Arbeit des Zentralrats kaum denkbar gewesen wäre. Im vergangenen Jahr wurde der Arbeitskreis Politischer Islam (AK Polis) gegründet, der auf den Schultern des Zentralrats der Ex-Muslime steht und seine Arbeit in neuer Qualität und auf politischer Ebene weiterführt. Was nicht bedeutet, dass es die Ex-Muslime nicht mehr braucht.

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