Kommentar

Make Love, Not War

Der religionskritische Blogger Amed Sherwan mischte sich unter eine Pro-Palästina-Demo, um ein Statement für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts zu setzen. Dabei wurde er nicht nur verbal, sondern auch körperlich attackiert. In einem Kommentar erklärt er die Hintergründe seiner Aktion.

Ich bin mit vielen Feindbildern aufgewachsen. Eins davon waren die Araber als ständige und konkrete Bedrohung. Aber auch die Juden und natürlich der Staat Israel waren für mich böse, obgleich ich gar keine Berührung damit hatte. Denn für Muslime gilt die Solidarität mit Palästina quasi als Teil der DNA. Und im Zuge der zunehmenden Islamisierung war das auch bei uns so geworden. Jemanden als Juden zu beschimpfen war daher in meiner Kindheit fast so furchtbar, wie ihn als Ungläubigen zu beleidigen, obwohl beides natürlich nicht ganz so schlimm war wie die Bezeichnung als schwul.

Und trotzdem ich selbst als Ungläubiger verfolgt wurde und flüchten musste, nahm ich meine Feindbilder erst mal mit. Ich ekelte mich auch hier in Deutschland vor Schwulen und sah auf Juden herab. Ich bezeichnete mich als Freidenker und Atheisten. Aber ich hatte mich von der Religion abgewendet, ohne mich wirklich von den damit verbundenen Denkmustern zu befreien.

Falsche Freunde

Ich war noch immer voller Feindbilder. Das größte davon waren aber nun die Muslime. Doch ich war umgeben von Muslimen und Menschen, die den Islam spannend fanden – auf der einen Seite andere Geflüchtete und auf der anderen Seite Menschen, die alle Geflüchteten willkommen hießen und dem Islam total unkritisch gegenüber standen. Das frustrierte mich sehr und ich suchte Kontakt zu Leuten, mit denen ich mein neues Feindbild teilen konnte. 

Ich war deshalb total begeistert, als ich Menschen traf, die meinen Hass teilten. Leider musste ich schnell danach feststellen, dass sie sich nicht wirklich kritisch mit dem Islam beschäftigten, sondern die vielen Probleme unter Muslimen nur nutzten, um ihr Feindbild vom bösen Ausländer zu legitimieren. Und in diesen Erlebnissen mit AfD und Co. merkte ich plötzlich, dass ich mit meinem Flüchtlingsgesicht eigentlich auch immer mitgemeint war.

Anders war es bei den Leuten, die aus Solidarität mit Israel zur Islamkritik gekommen waren. Hier fühlte ich mich zum ersten Mal richtig verstanden und erlebte eine komplett neue Sicht auf den Nahostkonflikt. Ich war so euphorisch, dass ich meine Wohnung am liebsten mit Israelfahnen geschmückt hätte und von dem Traum besessen war, irgendwann nach Israel auszuwandern. Doch dann befreundete ich mich mit einem jungen Palästinenser und hörte die Geschichte seiner Familie. Da verstand ich, dass auch hier nichts schwarz-weiß war.

Jenseits von Gut und Böse

Seither weiß ich, dass Feindbilder nie eine Lösung für Probleme sind. Und ich versuche, mich wirklich zu befreien – nicht nur vom Glauben, sondern von dem Hass, den angeblichen Wahrheiten und schlichten Weltbildern. Die Komplexität der Welt erschlägt mich manchmal. Es ist nicht immer einfach auszuhalten, dass die Welt nicht aus Bösen und Guten besteht. Und es ist schade, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Und trotzdem lebt es sich so einfach besser.

Ich kann muslimische Traditionen genießen, ohne an die spirituellen Konzepte dahinter zu glauben. Ich kann meine Eltern lieben und muslimische Freunde haben, obwohl ich ihre Weltsicht furchtbar finde. Aber sie müssen im Gegenzug lernen zu akzeptieren, dass ich die Welt anders sehe als sie. Es wäre sicherlich einfacher, den Kontakt abzubrechen und den Dialog aufzugeben. Aber ich glaube daran, dass ich etwas bewegen kann. Auch wenn ich manchmal zu drastischen Mitteln greifen muss.

Toleranz muss erkämpft werden

Inspiriert hat mich dabei insbesondere der Kontakt zur LGBTTIQ*-Szene. Es nutzt nichts, sich zu verstecken und auf eine Veränderung der Welt zu hoffen. Toleranz und Offenheit muss laut und bunt und provokativ erkämpft werden. 

"Ich möchte Probleme aufzeigen, aufwecken und zum Nachdenken anregen. Und dafür muss ich manchmal dahin gehen, wo es weh tut."

Die meisten anderen Ex-Muslime in meinem Freundeskreis outen sich nicht. Sie leben in Parallelwelten und verstellen sich vor der Familie und der muslimischen Community. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass oft viele Ex-Muslime zusammen sitzen, ohne es zu merken, weil alle die muslimische Etikette wahren. Und einige wenige haben sich komplett von ihrem bisherigen Umgangskreis entfernt und hocken nur noch unter Gleichgesinnten.

Das will ich nicht. Ich will mich weder verstellen, noch alle meine bisherigen Bezüge aufgeben. Ich diskutiere im Freundeskreis und agiere in muslimischen Zusammenhängen. Ich möchte Probleme aufzeigen, aufwecken und zum Nachdenken anregen. Und dafür muss ich manchmal dahin gehen, wo es weh tut.

Am Wochenende haben Palästinenser in meiner jetzigen Heimatstadt am "Tag des Bodens" demonstriert und sind dabei traditionell von vielen anderen Muslimen unterstützt worden. Ich verstehe das Leid der Palästinenser und wünsche mir auch ein Ende des Nahostkonflikts. Aber ich glaube an friedliche Lösungen statt Eskalation. Daher habe ich mir ein Foto mit einem Juden und Palästinenser, die sich küssen, als Plakat gemacht, mit dem Spruch "Make Love, Not War" versehen und mit auf die Demo genommen. 

Nein, ich bin nicht naiv. Ich habe gewusst, dass sich einige der Demonstrierenden daran stören könnten. Doch wie kann man besser an eingefahren Vorstellungen rütteln als mit diesem Bild: Befreit euch von dem Hass, befreit euch von den Feindbildern, befreit euch von den religiösen Tabus! Ich habe mich alles andere als konfrontativ verhalten und war auf Diskussionen eingestellt. Aber es war gar nicht an Dialog zu denken. Ich bin nicht nur verbal, sondern auch körperlich attackiert worden.

Seither erreichen mich Drohungen und einige meiner besten Freunde trauen sich nicht mehr, sich öffentlich mit mir zu zeigen. Ich werde sie dafür aber nicht hassen. Doch ein bisschen leid tun sie mir schon. Denn ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert!