Es bewegt sich manches. Weiß man wohin?

 

Und du schreibst heute auch noch in Deutsch?

Ja, es ist Deutsch geblieben. Das heißt, ich habe zuerst auf Spanisch geschrieben, aber da bekam ich keinen Verleger und nichts. Wenn man damals Manuskripte nach Argentinien schickte, bekam man keine Antwort. Durch die Heirat habe ich dann später ja auch eine deutsche Staatsangehörigkeit bekommen und damit ist vieles einfacher geworden.

Ich bin nicht ins Exil gegangen

Die Europäische Union müsste sich für dich doch zum eigentlichen Lebensraum erweitert haben? Weniger lästige Grenzen, vielfach das gleiche Geld, ... Eine Entwicklung, die doch durchaus in deinem Sinne sein müsste?

Ja, denn dadurch ziehe ich ja gar nicht so weit, sondern bleibe ich immer im gleichen Umfeld ... in letzter Zeit bin ich auch öfters in Polen und anderen östlichen Ländern. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es so einfach möglich ist, auch dorthin zu reisen.

Was machst du jetzt in Polen?

Dort werden viele meiner Stücke gespielt, es kommt dort immer wieder etwas.

Die Polen mögen halt geniale Sachen.

Ich weiß nicht ..., jedenfalls hat es sich gut angelassen und ein Stück von mir haben alle berühmten älteren polnischen Schauspielerinnen gespielt. TEE IN RICHMOND heißt es auf Deutsch. Und jetzt im September kommen wieder zwei Stücke von mir und dann werde ich wieder dort sein. Das ist schon eine sehr schöne Sache, nur verstehe ich leider kein Wort! Unter den Schauspielern gibt es auch dort tolle Leute. Ich bin immer gern in einem Milieu, in dem ich mit Schauspielern zusammen komme.

Es gibt jetzt ein ganz neues Stück?

Es ist das Stück über Nobel, „Mr. and Mrs. Nobel“ und das wurde am Nationaltheater in Oslo angenommen.

Worum geht es in dem Stück?

Das geht um Alfred Nobel und die Bertha von Suttner. Sie war eine bekannte Friedensaktivistin und sie haben sich kennen gelernt, als sie 33 war und er 43. Er hat sich sofort in sie verliebt und ihr sofort einen Antrag gemacht. Sie muss eine sehr einzigartige Person gewesen sein. Im letzten Moment ist sie aber weg und hat den Herrn von Suttner geheiratet, mit dem sie dann zehn Jahre in den Kaukasus gezogen ist. Als sie von dort zurückkam, traf sie Nobel wieder und da ging die eigentliche Beziehung erst los, auf jeden Fall die intellektuelle Beziehung. Sie war die erste, die ihm die Idee mit den Nobelpreisen vorgeschlagen hat. Das seltsame war ja, dass er Dynamitfabrikant war und steinreich wurde durch den Verkauf von Kriegsmaterial, sie dagegen Friedenskämpferin. Das ist eine sehr interessante Konstellation.

Intellektuell sind den beiden in der Beziehung die Themen sicherlich nicht ausgegangen ...

Ja. Es war schwierig, daraus ein Theaterstück zu machen. Ich musste zu einigen Tricks greifen.

Das hört sich nach Lügen an ...

(Fröhliches Lachen) Und ob! Obwohl, hier habe ich auch viel Realität zu verarbeiten gehabt. Insofern ist es eine Mischung von Lüge und Wahrheit.

Das erste Theaterstück, das ich auf der Bühne gesehen habe, war mein eigenes

Gibt es typische Situationen, die dich auf Themen bringen, die du dann bearbeiten willst? Etwas, was du liest, was du hörst, wovon dir berichtet wird...?

Ja! Immer mal wieder. In diesem Fall hat die Maria Becker mich gefragt, ob ich nicht ein Stück über die Bertha von Suttner für sie schreiben könnte.

Wie kam es dazu, dass du überhaupt Theaterstücke geschrieben hast?

Als ich in Buenos Aires auf die Universität ging und Medizin studierte, habe ich angefangen Stücke zu lesen. Ich hatte eine ziemlich lange Fahrtstrecke und die reichte gerade, dass ich immer ein Theaterstück lesen konnte. So habe ich viele Stücke gelesen, war aber nie im Theater, bis mein erstes Stück aufgeführt wurde. Als erstes Bühnenstück habe ich tatsächlich eines von mir gesehen. Und es war wahnsinnig schlecht inszeniert!

Esther, wann wurde für dich der Berufswechsel von der Ärztin zur Schriftstellerin klar?

(Denkt nach) Ich hatte nach dem Abschluss meines argentinischen Medizinstudiums in Deutschland ein Stipendium bekommen. Als das Stipendium nach einem Jahr ausgeschöpft war, wurde es nicht verlängert und da musste ich arbeiten. Da ich Medizinerin war wurde ich sehr leicht als Pharmareferentin genommen, die den Ärzten die neuen Medikamente angepriesen hat. Da hatte ich gleichzeitig viel Zeit und konnte noch etwas Anderes machen, da habe ich angefangen zu schreiben.
Das ging alles nicht so schnell. Erst habe ich ein Bühnenstück geschrieben, das wurde gar nicht angenommen, und dann habe ich den „dressierten Mann“ geschrieben. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin. Jemand hat mir damals gesagt: Warum schreibst du nicht mal die Sachen alle auf, die du andauernd sagst – wir haben uns immer gestritten -, das würde sicherlich ein interessantes Buch werden und so habe ich es geschrieben. Zuerst haben es alle Verlage abgelehnt, alle Verlage! Dann habe ich selber die Druckfahnen drucken lassen, noch einmal weggeschickt und dann war ein Angebot von Bertelsmann da. Das habe ich angenommen. Am Anfang wurde es nicht viel verkauft, der Verlag hat dafür auch keine Reklame gemacht, bis dann eine Fernsehsendung kam, zu der war Germaine Greer eingeladen, die aber im letzten Moment absagte. So kam ich dorthin und habe diskutiert. Danach ging es los. Vorher war ich total anonym und als ich am nächsten Tag in Wien auf der Straße ging, da hat mich jeder, buchstäblich jeder erkannt. Es war so unglaublich, so ein Wechsel, den ich niemandem wünsche. Dann fing es mit der ganzen PR für das Buch an und als es ruhiger wurde, habe ich weiter geschrieben. Ich musste auch gar nichts Anderes mehr machen, weil ich genügend Geld verdient hatte, um als Schriftstellerin zu leben.

Dieses Buch, „Der dressierte Mann“, steht heute in der größten Buchhandlung in Berlin unter Soziologie und da das dort alphabetisch geht, steht dort Theweleit, Klaus neben Vilar, Esther und daneben Weber, Max.

Ja, gut! Sehr schön.