Es bewegt sich manches. Weiß man wohin?

 

Ich würde lieber Phantasie sagen.

Ja, warum nicht. Es gibt so viele Wörter dafür, warum nicht auch Phantasie? Lügen gebrauche nur ich.

Das nicht. Volker Sommer hat vor einiger Zeit einen Rundfunkbeitrag für Kinder geschrieben „Warum Affen lügen können“, in dem er auf die genetische Nähe von Primaten und Menschen hinweist und es in dem Beitrag an der Fähigkeit der Menschenaffen demonstriert, dass sie wie auch die Menschen lügen können. Da ist das Lügen sehr positiv besetzt, denn das macht den Menschen aus, dass er das kann. Die Empathie, das Mitfühlende des Menschen, sei gerade deshalb entwickelt worden, um bewerten zu können, ob der Andere einen nun anlügt oder nicht.

Diesen Text muss ich mir unbedingt besorgen.

(Verblüfft) Ist das nun sehr britisch?

Nein, es ist einfach schriftstellerisch, egal welcher Kultur oder Sprache. (Fröhliches Lachen) Die meisten Schriftsteller würden das sofort zugeben.

Was mich an dem Begriff der Lüge stört, das ist der Kontext von Vermeidungs- oder Belohnungsstrategien, wenn man etwas Falsches, also die Unwahrheit sagt. Wenn ich etwas schreibe, also etwas kreiere, ...

... was nicht wirklich passiert ist, ...

... ja, da sind wir einer Meinung, aber ich sage dann von meinen Gefühl her nichts Falsches. Aus meinem Wissen oder aus der Recherche oder dem Gefühl heraus, stelle ich die Figuren so dar, dass sie korrekt und fair dargestellt sind. Das sie erfunden sind, das hat damit nichts zu tun, ...

Nun, du bekommst doch aber Vorteile, wenn du als Schriftsteller bewusst lügst. Wenn du gute Geschichten zusammenlügst, werden deine Sachen verkauft, du kannst davon leben und wirst sogar noch gefeiert. (Fröhliches Lachen)

Für mein Empfinden ist bei dir eine Distanz zu dem, was du schreibst, die ich zu dem, was ich schreibe, so nicht habe.

In Sachbüchern kann ich nicht lügen, da kann ich keine Wahrheiten erfinden. Das muss schon an der Realität orientiert sein. Sonst wäre es kein Sachbuch. Aber heutzutage schreibe ich ja viel mehr Fiktion.

Liegt es vielleicht auch daran, dass du in manchen Fragen „quer“ zum Mainstream der Gesellschaft denkst? Dass du weiter denkst, aus einer anderen Perspektive heraus? Das ist es wohl auch, was die Feministinnen damals so gegen dich aufgebracht hat, dass du als Frau nicht ihrer Meinung warst?

Das liegt vielleicht auch an dem vielen Umziehen. Man ist dann nicht so vor Ort verankert, bleibt immer ein Außenseiter. Das hilft natürlich beim quer denken, weil man leichter relativieren kann. So verschieden sind die Kulturen schon, in denen ich lebe, dass man relativieren muss.

Du meinst, wenn du immer an einem Standort gewesen wärst, dort anerkannt wärst, dann würdest du dort auch eingebunden gewesen sein in eine bestimmte Auffassung von Korrektheit, die du dann wahrscheinlich weniger einfach aufgegeben hättest?

Mmh...

Denn die Konsequenz, hinaus geworfen zu werden aus dieser Community, ...

So bin ich schon als Kind aufgewachsen. Meine Mutter hat mit mir mehrmals das Land und den Erdteil gewechselt. Ich bin in Argentinien geboren, dann hat meine Mutter Heimweh gehabt und wir sind wieder zurück nach Deutschland und nach ein paar Jahren sind wir dann wieder nach Argentinien und so hat sich von Anfang an alles immer relativiert. Und das ging dann so weiter. Auch in Argentinien war ich ja nicht so ‚eingebaut’, da ich ja alles auch schon in Deutschland anders erlebt hatte. Von da aus ging es wieder zurück und hin und her, innerhalb Europas, aber ich habe auch zwei Jahre in New York gelebt, und so geht es immer etwas an der dortigen Realität vorbei, was ich dann mache.

So habe ich es nicht gemeint, denn wenn es an der Realität vorbei gehen würde, würde sich niemand dafür interessieren ...

... und niemand würde sich darüber aufregen. Ich meinte, dass es an der Realität bestimmter Kreise vorbei geht, sich nicht anpasst. Ich spreche verschiedene Sprachen, habe verschiedene Berufe ausgeübt, es gibt so viele Variationen in meinem Leben, dass ich immer ein bisschen ein Außenseiter war. Nicht sehr, ein bisschen.

Die Angriffe der Feministinnen waren damals ja so hart – das Haus, in dem du wohntest, wurde mit Farbbeuteln beschmissen und du bekamst Morddrohungen -, dass du Deutschland verlassen hast. Hast du für dich das Gefühl gehabt, du gehst ins Exil?

Nein, da es ein Umzug war, war es nicht ganz so schlimm. Ich bin damals ja auch nur in die Schweiz gegangen, das war nicht so weit weg und kein Exil. Damals, als erstes, bin ich im deutschsprachigen Raum geblieben.