Zum 170. Todestag

Heinrich Heine: Der Verkünder von Emanzipation und Freiheit

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Heinrich Heine (13. Dezember 1797 – 17. Februar 1856)
Heinrich Heine

Jeder kennt die Verse "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin…" oder "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…" aus "Deutschland. Ein Wintermärchen." Sie stammen von einem der ganz Großen der deutschen und auch europäischen Literatur: Heinrich Heine. Heute als weitgehend verstaubter Dichter begriffen, dessen Werke als Mängelware verramscht werden, tut man ihm mehr als unrecht. Liest man seine literarischen Hinterlassenschaften, wird man mehr als einmal überrascht, welche literarische Potenz, welche Brillanz seines dichterischen Vermögens, welchen freiheitlichen Geist seine Werke darstellen. Sein Todesdatum am 17. Februar 1856 jährt sich heute zum 170. Mal. Ein gegebener Anlass, um an ihn zu erinnern.

Düsseldorf, 1797. Heinrich Heine wird in ein jüdisch-bürgerliches Milieu hineingeboren, in eine Familie, die der Aufklärung aufgeschlossen gegenübersteht, aber auch mit tiefer Religiosität jüdischen Glaubens ihre Kinder erzieht. Das Düsseldorf der damaligen Zeit stand unter französischer Besatzung, was bedeutende Freiheiten für jüdische Bürger im Geist der französischen Revolution mit sich brachte. Das preußische Judenedikt von 1812, selbst nach dem Sieg über Napoleon, gewährte ihnen eine Reihe bürgerlicher Freiheiten, wenn auch von den Behörden nur widerwillig umgesetzt. Am Judenhass in der Bevölkerung änderte das wenig. 1819 entladen sich gewalttätige Ausschreitungen und Progrome gegen jüdische Bürger, ihre Synagogen, Geschäfte und Wohnungen werden zerstört. Der gleichberechtigte Zugang zu Staatsämtern für Juden erzeugte bei christlichen Bürgern Konkurrenzneid und verband sich mit tradiertem christlichem Judenhass. Dieses Klima prägt Heine Zeit seines Lebens. Die Generation Heines war die erste, die das jüdische Getto verlassen konnte; Schikanen ausgesetzt war er aber von früher Jugend an, was ein tiefes Gefühl der Nichtzugehörigkeit erzeugte.

Heine studiert sieben Jahre lang Jura in Bonn, Berlin, Göttingen und Weimar und promoviert zum Dr. jur. Als Mittelloser war Heine auf die finanzielle Unterstützung seines betuchten Onkels Salamon aus Hamburg angewiesen, einer der wohlhabendsten Kaufleute seiner Zeit. Aber kaufmännisches Geschick, das er bei seinem Onkel erlernen sollte, war etwas, was Heine ganz und gar nicht besaß. Dennoch, auch wenn sich Heine als wenig dankbar erwies, unterstützt sein Oheim ihn lebenslang. Menschlich nahe kamen sich beide nie, zudem beschimpfte Heinrich Heine Hamburg Zeit seines Lebens als "verludertes Kaufmannsnest, am Tage eine große Rechenstube und in der Nacht ein großes Bordell".

Seine ersten Gedichte erscheinen bereits 1816 im Hamburger Wächter, aber mit seiner Gedichtsammlung "Buch der Lieder", 1827 gedruckt, und noch ganz im Zeitgeist der Romantik verhaftet, gelingt ihm der Durchbruch und verschafft ihm große Popularität.

Lyrik und Prosa

In dieser Zeit ist Heines Schaffen mit der Suche nach der "blauen Blume", empfindsamer Innerlichkeit, der Zärtlichkeit von Liebesgedichten, in Verse gekleidete innere Regungen und poetischen Wunschträumen befasst. Es war der Geist dieser Epoche. Dennoch war es auch eine Zeit im Umbruch. Die zunehmende Industrialisierung veränderte das Buch- und Verlagswesen. Im Zuge der Massenproduktion von Büchern entstanden immer mehr Leihbibliotheken, Arbeiterbildungsvereine und Volksbüchereien, die Grundlage für Heines enormen Erfolg. Er war nun mit seiner Literatur von Mondglanz, Blümelein, Sonnenschein und Herzensleid im schriftstellerischen Olymp angekommen, und das nicht nur in Deutschland: Das "Buch der Lieder" gilt als größter Erfolg der europäischen Liebeslyrik im 19. Jahrhundert.

Zunehmend, mit Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse, empfindet er diese literarische Form aber als einengend, als Korsett. "Wie sehr das Zeug auch gefällt, so macht's doch noch lang keine Welt", schrieb er. Seine volksliedhaften Gedichte, die raffiniert gesetzten und kunstvollen Verse bekommen zunehmend ironische, beißend-scharfe Töne, die nun mehr in Prosa formuliert sind. Der reformierte, postromantische Stil widmet sich neuen Themen, die den Zeitgenossen auf den Nägeln brennen. Heines Sprachkunst gleicht mehr einem scharf geschliffenen Florett und weniger einem groben Säbel, mit dem darauf eingedroschen wird. Mit zum Teil höhnischer Satire, und als boshafter Spötter karikiert er den Nationalhass von "Franzosenfressern", die in nationalistischer Weise Frankreich zu knechten gedachten, um die Errungenschaften der französischen Revolution auszulöschen. Er schreibt gegen die Aristokratie an, die glaubte von Geburt an Privilegien zu besitzen, die dem gemeinen Volk vorenthalten wurden. Die unveräußerlichen Menschenrechte und Bürgerrechte, Demokratie, die Abschaffung preußischer Zensur und die Freiheit der öffentlichen Meinung sind sein Ding.

Er ist durch und durch ein Kind der französischen Revolution, und das in einem restaurativen Deutschland unter einem preußischen König, Fürstenherrschaft, einem buckelnden Spießbürgertum und einem bigotten Kirchenstaat. Gegen den Hass zwischen den Völkern, für ein großes Völkerbündnis und die "heilige Allianz der Nationen" sollte ein neues, freies Europa, ein geeintes freies Deutschland entstehen. Eine derartige Literatur hatte es bislang noch nicht gegeben. Sowohl seine Poesie wie seine Prosa waren bahnbrechend. Der neue literarische Stil ermöglicht ihm neue Ausdrucksmöglichkeiten. Und immer ist er auch auf die Wirkung beim Leser bedacht. Heine ist sowohl Klassiker, Aufklärer als auch Revolutionär und Spaßvogel, Provokateur und Romantiker. Und das ist er mit aller unbarmherzigen Überzeugung und mit großem Gefühl. Als Weltverbesserer ist er ein unbelehrbarer Enthusiast.

Die unveräußerlichen Menschenrechte und Bürgerrechte, Demokratie, die Abschaffung preußischer Zensur und die Freiheit der öffentlichen Meinung sind sein Ding.

Er ist zudem ein Brückenbauer zwischen französischer und deutscher Kultur. Im Sinn von gegenseitigem Verständnis erklärt er den Franzosen die Schönheit des Nibelungenliedes. Mit seiner "Romantischen Schule" und seiner "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" macht er französischen Lesern ein unbekanntes Deutschland bekannt. Deutsche Philosophen wie Lessing und die kulturellen Errungenschaften des Protestantismus durch Luther sind ebenfalls seine Themen. Heinrich Heine kann durchaus als einer der Vorreiter des europäischen Gedankens gelten. Eine kritiklose Zustimmung zu deutscher Philosophie bedeutet seine Darstellung aber durchaus nicht. Für ihn ist sie zwar "unermesslich gründlich" und "stupend tiefsinnig", aber "was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat?"

Durch Bücher und zahlreiche Zeitungsartikel publizierte er im Sinne eines echten Aufklärers. An ihm schieden sich immer die Geister, weil er entschieden war. Seine Kunst war ein politisches Instrument. Als deutscher Dichter wurde aufs heftigste beschimpft und mit aller Macht bekämpft, und bei hartnäckigen Auseinandersetzungen ging es zum Teil mächtig zur Sache; die Kontrahenten schenkten sich nichts.

Bei aller Streitlust vergaß Heine nie die Freuden des Alltags. Ganz in der Wirklichkeit beheimatet, feiern und besingen seine Prosa und seine lyrischen Bilder Apfeltörtchen, Krebssuppe und auch das weibliche Geschlecht. Ein Kostverächter war er in der Tat nicht. Das Politische und das Poetische verband sich problemlos mit den Genüssen des Lebens. Für ihn gehörten Kunst und Wirklichkeit zusammen. Sein Einsatz für soziale Reformen und Freiheitsrechte waren verbunden mit alltäglichen Sinnesfreuden, die er gegen bigotte Heuchelei, widernatürlichen Zwang und Asketentum verteidigte. Der Kirche war er somit mehr als nur ein Dorn im Auge.

Je mehr er sich von seinen poetischen Wurzeln entfernt, umso mehr muss er sich jedoch als Totengräber seiner romantischen Anfänge begreifen. Ein französischer Zeitgenosse bezeichnet ihn mit satirischem Unterton als einen romantique défroqué, als "abtrünnigen Romantiker", für Heine eine zutreffende Beschreibung.

Heine, der Jude im Exil

Antisemitismus und Judenhass waren in der Zeit Heines ein durchaus gängiges Phänomen. Beleidigungen, Ausgrenzungen und Stigmatisierungen von jüdischen Bürgern, die die Gettos der Jahre zuvor verlassen konnten, waren eine Alltagserfahrung. Bereits in früher Jugend erlebt Heine diese Anfeindungen häufig. Zu seinen Lebzeiten vollzogen sich lediglich erste Schritte in Richtung Emanzipation, der Prozess verlief aber äußerst schleppend und zögerlich. Gesellschaftliche Emporkömmlinge spürten hiervon nichts und wurden weiterhin öffentlich geschnitten. Sein Bekenntnis zum Deutschtum, zu deutscher Literatur, Philosophie, Sprache und Geschichte stand in krassem Widerspruch zu der gesellschaftlichen Wahrnehmung als Jude, häufig gepaart mit dumpfem Provinzialismus. Als Deutscher wollte er anerkannt werden, das jedoch wurde ihm weitgehend verweigert. Seine isolierte gesellschaftliche Stellung war geprägt von einem permanenten Kampf um bürgerliche Anerkennung. Seine politischen Überzeugungen und große Teile seiner Lyrik kann man nur vor diesem Hintergrund verstehen; sein Leiden, sein Verschmähtsein wurde in Literatur verwandelt. Seine spezifische Lage war instabil, bedroht und stand auf schwankendem Boden. Als freien Bürger empfand sich Heinrich Heine, der Ausgestoßene, nie.

Eine derartige Literatur hatte es bislang noch nicht gegeben.

Schon früh, in seinen Zwanzigern, spielt Heine mit dem Gedanken Deutschland zu verlassen. In diesem Zusammenhang muss sein letzter Versuch bürgerliche Akzeptanz zu erlangen verstanden werden. Er entscheidet sich zum protestantischen Glauben zu konvertieren, was in großer Stille im Haus eines Pfarrers vollzogen wird. Gebracht hat es ihm nichts. Jetzt war er nach eigenem Bekunden verhasst bei Jud und Christ, und die Schikanen blieben. Er bereute sehr, dass er sich hatte taufen lassen. Der Kampf um sein Dasein hatte eine weitere Niederlage erfahren. Alle Bemühungen eine Anstellung als promovierter Jurist oder im diplomatischen Dienst zu bekommen, bleiben vergeblich. Ende 1830 wird Heine mehr und mehr zur öffentlichen Reizfigur und gerät zunehmend in Konflikt mit den Zensurbehörden, die eine freie Schriftstellerei unmöglich machten. Es wurde Zeit zu gehen; Heine geht ins Pariser Exil. In Frankreich lebt er als Poet und Journalist. Als Literat wird er hier sehr geschätzt.

In dieser Zeit entsteht auch eines seiner wichtigsten Werke: "Deutschland. Ein Wintermärchen", in dem er nach zwölfjähriger Abwesenheit seine Reise 1843 von Paris nach Hamburg zu seiner Mutter literarisch beschreibt. Seine Menschlichkeit, seine Lebensfreude und seinen Glauben an bessere Verhältnisse drückt er im Wintermärchen auf beeindruckende Weise aus:

"Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelsreich errichten."

Seine letzten Jahre ab 1848 sind von schwerer Krankheit und körperlichem Leiden geprägt. Ein quälendes Nervenleiden, abgemagert, gehunfähig und mit eingeschränkter Sehfähigkeit ist er am Ende in seiner "Matratzengruft" ans Bett gefesselt und wird von seiner Frau gepflegt.

Heinrich Heine verstirbt am 17. Februar 1856. Beerdigt wird er auf dem kleinen Pariser Friedhof im Stadtteil Montmartre.

Seine Popularität reichte bis weit ins folgende Jahrhundert. Selbst in der Nazizeit war es nicht möglich, seine Bekanntheit auszulöschen. Als einer der verbrannten Dichter war er den Nazis extrem verhasst. In Schulbüchern wurde sein Gedicht der Loreley zwar nicht gestrichen, aber mit dem Zusatz "Dichter unbekannt" versehen.

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