Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Rahmen ihrer Frühjahrs-Vollversammlung einen neuen Vorsitzenden bestimmt: Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim. Georg Bätzing, der bisherige Vorsitzende, war nicht mehr zur Wahl angetreten. Volker Brokop ordnet die neue Personalie aus säkularer Perspektive ein.
"Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche."1 – Mit diesem, für einen Bischof bemerkenswerten, Satz hat Heiner Wilmer, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz der katholischen Kirche, zwar recht, aber wenn er es schon so deutlich ausgesprochen hat, kann die Lösung nicht darin bestehen, genau diese DNA, also die Machtstruktur der römischen Kirche, möglichst unangetastet zu lassen.
Die Deutsche Bischofskonferenz ist als nationales Gremium ein reines Beratungs- und Koordinierungsgremium mit begrenzter Autorität, also ohne eigene Lehrvollmacht sowie ohne Entscheidungsgewalt über die Weltkirche. Sie kann gemeinsame Positionen formulieren und Empfehlungen aussprechen, nicht aber vatikanische Entscheidungen überstimmen oder auch nur entscheidend beeinflussen.
Heinrich Theodor, genannt "Heiner", Wilmer wird als Brückenbauer zwischen Reformern und Konservativen beschrieben, womit freilich unklar bleibt, wofür er konkret steht. Generell gilt, wenn man für etwas ist, ist man notwendigerweise auch gegen etwas. So ist es wenig sinnreich, sich einerseits für mehr Frauenrechte auszusprechen, aber andererseits ein System zu unterstützen, zu dessen Wesenseigenschaften es gehört, genau diese Rechte zu verhindern. Auch Reformer der katholischen Kirche, seien es vermeintliche oder wahrhaftige, sind Teil des Problems, solange sie nicht die Kirche in ihrer bisherigen Form in Frage stellen. Vor allem bezüglich der Frage der Zugänglichkeit von Frauen zum Priesteramt ist es kontraproduktiv, das kirchliche System als eine patriarchalische und streng hierarchisch strukturierte Männerdomäne erhalten zu wollen.
Als Bischof des Bistums Hildesheim hat Wilmer Positionen vertreten, die auch aus säkularer Perspektive durchaus begrüßenswert erscheinen. So befürwortet er die Einsegnung homosexueller Partnerschaften, vermeidet aber ein klares Bekenntnis zur sogenannten Ehe für alle und eine entsprechende Forderung an Rom. Auch ist er für eine Lockerung des Pflichtzölibats, eine Stellungnahme zum Verhältnis der Kirche zur Sexualität oder gar eine Problematisierung dieses Verhältnisses als Entwicklungsfixierung – besonders in Bezug zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche! – wird man von ihm aber kaum erwarten dürfen.
Ein geschickter Schachzug?
Vielleicht ist die Wahl von Heiner Wilmer aus Sicht der katholischen Kirche ein geschickter Schachzug, indem sie jemanden zum Aushängeschild erklärt, der zwar als reformwillig gilt, allerdings ohne eine echte Bedrohung für das Lehramt oder die Amtskirche darzustellen.
Ein kleiner Exkurs zur Erinnerung: Der frühere Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann trat in seiner Zeit als Bischof von Mainz moraltheologisch differenzierter auf als die meisten seiner damaligen Amtskollegen. Vor allem in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung galt er zwar durchaus als dialogorientiert, wenngleich sicher nicht als fundamentaloppositionell. So lehnte er die Beratungsregelung (§ 218 StGB) nicht grundsätzlich ab, wohingegen man in Rom eine klare Distanz zur staatlichen Regelung verlangte. Nach seiner Ernennung zum Kardinal allerdings begann Lehmann die Unvereinbarkeit der kirchlichen Beratungsscheine mit der vatikanischen Vorgabe zu betonen, und er unterstützte die Entscheidung Johannes Pauls II., die kirchliche Schwangerenkonfliktberatung aus dem staatlichen System zurückzuziehen.
Die Vermutung also, dass mit der Beförderung eines Bischofs zum Kardinal, und wohl auch die Ernennung zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der Versuch der Domestizierung von Abweichlern einhergeht, lässt sich nicht von der Hand weisen.
In seinem ersten Pressestatement als neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gab sich Heiner Wilmer erstaunlich zurückhaltend in seinen Formulierungen, gemessen jedenfalls an dem, was ihn als Bischof von Hildesheim positiv ausgezeichnet hatte. Aus säkularer Perspektive lassen vor allem seine Erklärungen zur Demokratie aufhorchen, und auch der folgende Satz, der die These bestätigt, dass er offenkundig keinerlei Interesse daran hat, seinen Reformwillen deutlich Richtung Rom zu signalisieren: "Miteinander Unterwegs sein, Verantwortung teilen, Entscheidungen gemeinsam tragen." – Gemeinsam tragen, schön und gut, aber warum nicht Entscheidungen gemeinsam treffen? Zumal wenn "gemeinsam" bedeuten würde, Frauen und Männer, Amtsinhaber und Laien, da aber sei offenbar Gott vor, oder wahlweise der Heilige Geist, auf den sich Wilmer in seinem Statement mehrfach als Entscheidungsinstanz berief.
"Unsere Demokratie in Deutschland ist ein Weg, den wir mitgehen wollen, auf dem wir auch selbst uns einüben müssen", erklärte Wilmer weiter, wogegen er aber bezüglich aller wirklich wichtigen Entscheidungen, inklusive der Wahl eines Vorsitzenden der Bischofskonferenz, mehrfach ausdrücklich seine Mitbrüder erwähnte, womit die Frauen also erwartungsgemäß kategorisch ausgeschlossen werden. Heiner Wilmer schwebt also offenkundig ein metaphorisches oder selektives Demokratieverständnis vor, kein strukturelles. Demokratie beschwört er als moralischen Wert, nicht aber als innerkirchliches Organisationsprinzip.
Widerspruch zwischen demokratischer Rhetorik und patriarchaler Praxis
Auffallend ist, dass Heiner Wilmer den Widerspruch zwischen demokratischer Rhetorik und patriarchaler Praxis gar nicht zu bemerken scheint, der solange bestehen bleibt, wie das Weiheamt ausschließlich den Männern vorbehalten bleibt. Solange Frauen keinerlei Stimmrecht bei der Wahl kirchlicher Leitungsämter haben, solange sie keine Ämter innehaben können, die mit Entscheidungsgewalt verbunden sind, solange also alle Machtpositionen ausschließlich Männern vorbehalten sind, besteht ein objektiver Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit als strukturelle Tatsache, der die Glaubwürdigkeit demokratischer Appelle unterminiert.
Wenn Bischof Wilmer sich glaubwürdig für eine Demokratisierung der Kirche stark machen will, müsste er an Rom unter anderem die Forderung eines Wahlrechts für alle stellen, mithin also Gewaltenteilung, Rechenschaftspflicht, Machtkontrolle, vor allem aber die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Auf die Frage einer Journalistin vom Deutschlandfunk, die darauf verwies, dass der neue Vorsitzende nach eigener Aussage bei der Frage nach Frauen in Weiheämtern auf den Heiligen Geist vertrauen würde, antwortete er, dass er darüber erfreut sei, dass die Weltsynode das Thema Frauen in Ämtern und Diensten auf der Tagesordnung habe, er aber nach wie vor davon überzeugt sei, dass auch heute noch der Heilige Geist wirke und er, Bischof Wilmer, sich auf die Überraschung des Heiligen Geistes freue.
Eine solche Aussage eines Vorsitzenden eines Gremiums, das als bedeutende soziale Gruppe in vielen Bereichen gesellschaftlichen und auch politischen Einfluss ausübt, kann in einer säkularen Gesellschaft nicht unwidersprochen bleiben. Heiner Wilmer delegiert die Verantwortung für wichtige innerkirchliche Entscheidungen nicht etwa an die Bischöfe und Kardinäle oder an die Kurie und den Papst, sondern letztlich an ein magisches Wesen, von dessen Existenz vernunftbegabte Menschen kaum wirklich überzeugt sein dürften. Nicht die Kirche schließt dementsprechend die Frauen von den Weiheämtern aus, soll man offenbar ernsthaft glauben, sondern der Heilige Geist höchstselbst. Man muss wahrlich kein Atheist sein oder für säkulare Anliegen eintreten, um hier einen geradezu empörenden Akt klerikaler Augenwischerei zu erkennen.
Alles in allem mag es sein, dass Heiner Wilmer in der Deutschen Bischofskonferenz für frischen Wind sorgt, wenn er seine nicht linientreuen Positionen beibehält, aber dass dieser Wind auch nur als sanfte Brise bis nach Rom wirkt, darf bezweifelt werden. Zwar steht Wilmer für eine Neuevangelisierung der Gesellschaft, aus säkularer Perspektive aber ist zu begrüßen, dass die Bedeutung vor allem der katholischen Kirche – wesentlich bedingt durch den Missbrauchsskandal – kontinuierlich abgenommen hat. In den letzten zehn Jahren hat die katholische Kirche rund 15 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Bedenkt man zusätzlich, dass nicht wenige Menschen durch das kirchliche Arbeitsrecht zur Mitgliedschaft gezwungen werden, wenn sie in von der Kirche getragenen Einrichtungen tätig sind und sie also faktisch nicht als wahrhaft Gläubige verstanden werden können, ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass nicht die Gesellschaft verkirchlicht, sondern zumindest die deutsche Kirche weiter verweltlicht wird.

1 Heiner Wilmer, Interview im Kölner Stadt‑Anzeiger vom 20.11.2018







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