Ein Dokumentarfilm über drei Covid-Forscher

Wenn die Warner zu Sündenböcken werden

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Wissenschaftler beim Einfangen von Fledermäusen zu Forschungszwecken
Wissenschaftler beim Einfangen von Fledermäusen zu Forschungszwecken

In seiner neuen Dokumentation "Blame" widmet sich der Schweizer Regisseur Christian Frei der gefährlichen Erosion des Vertrauens in die Wissenschaft. Der Kinofilm begleitet führende Forscher, die vor der Pandemie warnten und schließlich selbst zur Zielscheibe von Desinformation und Verschwörungsmythen wurden. Entstanden ist eine Reflexion über menschliche Psychologie, politisches Kalkül und das verzweifelte Bedürfnis nach einfachen Erklärungen in einer komplexen Welt.

"Desinformation ist zu einer gezielten Waffe geworden, um Wissenschaftler anzugreifen und zu diskreditieren – aus politischem Kalkül." Dieser Satz steht wie ein Motto über dem Dokumentarfilm "Blame", der seit gestern im Kino läuft. Darin widmet sich der Schweizer Regisseur Christian Frei den Ereignissen um die Covid-Pandemie. In starken Bildern begleitet er drei Wissenschaftler, die jahrelang vor dem Ausbruch einer Pandemie warnten – bis man sie am Ende selbst zu Sündenböcken machte.

Der Film nimmt seinen Anfang 2003, beim SARS-Ausbruch in Hongkong. Damals identifizierten drei prominente Forscher eine Fledermaushöhle in China als Ursprung des Virus: die chinesische Virologin Zhengli Shi vom Virus-Forschungslabor in Wuhan, Linfa Wang, Experte für Zoonosen sowie der Zoologe Peter Daszak, der später Präsident der NGO EcoHealth Alliance wurde. Ihre Ergebnisse, veröffentlicht im renommierten Fachmagazin Nature, schärften den Blick auf die Rolle von Fledermäusen als gigantische Reservoirs für Viren, die auch auf den Menschen überspringen können.

Doch nicht die Tiere sind das Problem, wie "Blame" eindrücklich zeigt. Durch Abholzung und Errichtung von Viehfarmen dringt der Mensch immer tiefer in unberührte Lebensräume vor. Linfa Wang warnte bereits früh vor dem nächsten tödlichen Virus.

Nach Ausbruch von Covid-19 Ende 2019 verbreitete sich mit dem Virus zeitgleich eine Flut von Spekulationen und Verschwörungsmythen – eine "Infodemie". Angetrieben von der Virologin und "Whistleblowerin" Li-Meng Yan kursierte schnell ein gefährliches Narrativ. Das neue Virus SARS-CoV-2 sei demnach eine Biowaffe aus chinesischen Laboren. Populistische und rechte Akteure wie der frühere Trump-Berater Steve Bannon und der TV-Moderator Tucker Carlson griffen diese Thesen begeistert auf. Und ausgerechnet diejenigen, die jahrelang gewarnt hatten, wurden selbst zu Sündenböcken gemacht und beschuldigt.

Das Bedürfnis, in der globalen Krise einen Schuldigen zu finden, katapultierte die Wissenschaftler in ein Narrativ, das weit über ihre eigentliche Forschungsarbeit hinausging. Zhengli Shi geriet ins Visier, und Peter Daszak sah sich sogar mit Morddrohungen konfrontiert.

Anfeindungen und Repressalien: All dies schildert Regisseur Frei in eindringlichen Bildern. Aber warum hat die Pandemie das Vertrauen in die Wissenschaft weltweit erschüttert? Auch dieser Frage geht der Film nach: Wir Menschen sind darauf programmiert, Muster zu erkennen. Wer früher beim leisesten Rascheln im Gebüsch floh, überlebte – auch wenn es ein Fehlalarm war. Aber eine einzige Unvorsichtigkeit konnte das Leben kosten. Es hat sich also bewährt, wenn wir Zusammenhänge sehen, wo keine sind.

Emotionale Verschwörungsmythen, wie sie etwa von Robert F. Kennedy Jr. erfolgreich in Buchform vermarktet wurden, sind für unser Gehirn attraktiver als komplexe wissenschaftliche Erklärungen. Der Molekularbiologe und Blogger Philipp Markolin spricht im Film treffend von "Aufmerksamkeitsabzockern".

So leidenschaftlich Frei die Wissenschaft verteidigt, so bedeutend ist auch die die politische Dimension. So widmet sich der Film ausführlich den Anfeindungen gegen Peter Daszak und seine Organisation EcoHealth Alliance, der schließlich staatliche Fördergelder entzogen wurden.

Doch war das wirklich nur ein politisches Manöver? In dieser Frage bleibt die Dokumentation eine tiefer gehende Auseinandersetzung schuldig. Der US-Kongress und die Gesundheitsbehörde werfen EcoHealth Alliance vor, dass sie jahrelang gegen Förderrichtlinien verstoßen und Berichte über Viren-Wachstumsraten zurückgehalten habe. Und: Während die "Biowaffen-Theorie" eines Robert F. Kennedy wissenschaftlich haltlos bleibt, wird die Frage nach einem möglichen Laborunfall in Fachkreisen heute ernsthaft diskutiert.

"Blame" (das Englische "to blame someone" heißt auf Deutsch: "jemandem die Schuld geben") endet mit einem engagierten Plädoyer für eine Rückkehr zur Sachlichkeit. Christian Frei fordert eine offene Debattenkultur ein: Wir müssen als Gesellschaft wieder lernen, komplexe wissenschaftliche Fragen zu diskutieren, ohne in Hass und Desinformation zu verfallen. Das gilt für die Aufarbeitung der Corona-Pandemie ebenso wie für die Herausforderungen der Zukunft.

Christian Frei: "Blame", Dokumentarfilm, Schweiz 2026, 123 Minuten, FSK 12

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