Jungenbeschneidung zur ethnischen Gleichschaltung

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Beschneidungsaktion der indonesischen Armee (Video von 2023)

Die indonesische Armee wirbt im seit 1963 besetzten Westpapua für kostenlose Vorhautbeschneidungen, die sie auch selbst durchführt. Als Begründung muss wieder einmal die umstrittene AIDS-Präventions-Hypothese herhalten.

In den von ethnischen Minderheiten bewohnten indonesischen Provinzen im Westen der Insel Papua kommt es derzeit wieder zu Gewalt. In dem Teil der Insel, den Indonesien im Jahr 1963 besetzt hat, hat es weitestgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit nach Angriffen des Militärs in der Provinz Puncak ab 13. April wieder etliche Tote gegeben. In einem Flüchtlingslager starben auch ein fünfjähriges Kind und mehrere über 70-Jährige, wie die nationale Menschenrechtskommission Komnas HAM berichtet. Die indonesische Armee hat die Provinzen unter Kontrolle, militärisch und auch ökonomisch, unter anderem durch die Ausbeutung von Kokos- und Zuckerrohrplantagen. Derzeit ist das Militär dabei, für Großunternehmen die Abholzung von drei Millionen Hektar Urwalds zu sichern und damit erneut vielen indigenen Gruppen die Lebensgrundlage zu nehmen, das angeblich "größte Entwaldungsprogramm der Welt". Es ist vor allem Westpapua, das aus den kritischen Berichten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über Indonesien hervorsticht.

Reihenweise kostenlose Schnitte durch das Militär...

Die indonesische Armee verbreitet ihre Version von Westpapua in Propaganda-Videoclips, eine Brigade seit Januar auch in einem neuen Kanal mit Videos, die anscheinend mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt sind und bis zu 500.000 mal aufgerufen wurden. Beliebtes Thema darin: Wie die Armee angeblich Korruption bekämpft.

Das gesellt sich zu einer weiteren "Wohltat" der Armee in Videos auf YouTube: Kostenlose Vorhautbeschneidung der Jungen in der armen Landbevölkerung Papuas. Mit Armeelastern sammeln Soldaten die Kinder in Dörfern ein. Dann wird auf Pritschen und Tischen ihre Vorhaut abgeschnitten. Ob dies nun mit medizinischer oder religiöser Begründung unterfüttert ist – egal. Die Nachkommen der in West-Papua überwiegenden christlichen Volksgruppen werden genauso behandelt wie die meist von anderen Inseln stammenden Muslime. De facto ist das eine Gleichschaltung und ein Unsichtbarmachen der unterdrückten Minderheit.

…und Förderung durch Wissenschaftler

Teil dieser Kampagne wurden auch Wissenschaftler aus den USA und aus Indonesien, wenn auch mit anderen Motiven. Der emeritierte Chicagoer Professor Robert Bailey leitete eine Untersuchung, mit der herausgefunden werden sollte, wie es gelingen kann, über 14-jährige Jungen auf Westpapua von der Vorhautbeschneidung zu überzeugen. Seit 2007 hatte Bailey dies mit der Begründung der HIV-Bekämpfung vom kenianischen Kisumu aus getan, wo die Ethnie der Luo als Unbeschnittene eine erheblich höhere HIV-Rate hatten als beschnittene kenianische Ethnien im Umfeld. In drei afrikanischen Studien war zuvor festgestellt worden, dass Männer, die beschnitten sind, sich mit zu fast 60-Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit HIV infizieren als Unbeschnittene. Seither wird in vielen Publikationen dort jeglicher Fortschritt bei der HIV-Bekämpfung auf die Beschneidung zurückgeführt, während alle anderen gleichzeitig laufenden Kampagnen wie die Behandlung mit vorbeugenden Medikamenten oder das Propagieren von Kondomen statistisch ignoriert werden. So auch in der Westpapua-Studie.

Zudem ist die medizinische Begründung dort noch dünner: Die HIV-Rate unter den Menschen in Westpapua ist lächerlich klein, verglichen mit der Rate in afrikanischen Regionen. Bei den Luo waren zu Beginn ein Drittel der Männer infiziert. Baileys Studie nennt eine Rate von 2,3 Prozent in Papua als ausreichende Begründung für die Entfernung der Vorhäute. Andere Gründe für die im Vergleich zu Gesamt-Indonesien "zehnmal so hohe" AIDS-Rate werden erst gar nicht genannt. 

Ethische und epidemiologische Bedenken

Ohnehin halten Kritiker die Beschneidung von laut der Weltgesundheitsorganisation mittlerweile 35 Millionen afrikanischen Jungen und Männern für sehr bedenklich. Der britische Professor für Ethik Brian Earp hat viele Publikationen dazu veröffentlicht. Er hat sich das Konzept der Beschneidungsstudie in West-Papua durchgelesen und sagt dem hpd: "Vielleicht sollte man mal ihre eigenen Rechte und Sitten respektieren. Das ist keine neutrale Medizin. Es ist nicht so als ob man eine Tablette nimmt. Und übrigens sind auch Tabletten zur HIV-Prävention verfügbar."

Und eine höhere HIV-Ansteckungsrate ist durch vieles andere stärker bestimmt als dem Umstand, ob die Männer noch eine Vorhaut haben oder nicht, sagt der Epidemiologe Michel Garenne in Paris: "Wenn ein Mann regelmäßig mit einer Frau Geschlechtsverkehr hat, die infiziert ist, wird er sich zu fast 100 Prozent bei der Frau anstecken – ob er nun beschnitten ist oder nicht."

Beschneidung ist keine Impfung

Was eine zu 60 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit von Ansteckung bedeutet, ist allerdings bei Verantwortlichen in Westpapua so nicht angekommen. Johanes Philips Reza Waruwu, Direktor einer Familienplanungsorganisation in Jayapura, Westpapua, beteiligte sich aktiv an der Studie: "Die Menschen wissen, dass dies eine der Möglichkeiten ist, um die Übertragung von HIV zu verhindern."

Beschneidung als eine Art Impfung gegen HIV? In Afrika hat sich diese Meinung als gefährlich erwiesen. Sie führte dazu, dass manche Beschnittenen ungeschützten Sexualverkehr hatten – und sich dann mit HIV infizierten.

In einem Interview Anfang 2024 zeigt sich Professor Robert Bailey bewusst darüber, dass er seine Studie in einer problematischen Region durchführt. "Die javanische Mehrheit beutet die Menschen aus und ihre Rohstoffe und Natur. Sobald es in Westpapua größere Unabhängigkeitsdemos gibt, geht die indonesische Armee so weit, Menschen zu töten."

Das Schweigen der Menschenrechtler

Der indonesische Vertreter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Jakarta, Andreas Harsono, ist zunächst empört über die Studie, von der er vorher nichts wusste. Er will unbedingt informiert werden und dann eine Stellungnahme abgeben zur Beschneidungskampagne in Westpapua. Doch später schweigt er. Er hat zuvor den Gesundheitsexperten von Human Rights Watch konsultiert. Der Gefragte verweist auf die Studien von 2007 – und schweigt anschließend ebenfalls. Er sitzt in New York, und in den USA ist Beschneidung fast so üblich wie im muslimischen Indonesien.

Das Argument von Professor Bailey: Es gehe lediglich darum festzustellen, ob sich Heranwachsende von ihren eigenen Dorfältesten von der Beschneidung überzeugen ließen oder nicht. "Wir versuchen, ein indigenes Modell zu entwickeln. Nach Ende unserer Pilotstudie ist es ganz Sache der Leute in Papua, ob sie es machen. Wenn nicht, überhaupt kein Problem für mich."

Anschließend schweigt auch Bailey gegenüber meinen Presseanfragen nach den Ergebnissen. Auch die indonesischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studie antworten nicht auf Mails. Im April 2025 schließlich wird das Ergebnis ihrer Pilot-Studie veröffentlicht. Man kann den Versuch als gescheitert ansehen: Nur 94 heranwachsende Schüler im Studiengebiet in Nabire ließen sich beschneiden. Angestrebt gewesen waren 400.

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