Fundus religiöser Absonderlichkeiten des ‚Christendumm'

Karl Julius Weber

* 16. April 1767 in Langenburg, Schwaben, Δ 20. Juli 1832 in Kupferzell;
Schriftsteller der späten Aufklärung. Bekannt geworden ist er durch sein 12-bändiges Hauptwerk: „Demokritos, hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen";

Darin verspottete er im ironischen Stil fast alle menschlichen Schwächen. Er gilt als einer der Ahnväter des Feuilletons.

Als Sohn eines Hofbeamten der hohenloheschen Residenzstadt Langenburg war es Karl Julius Weber möglich, das Gymnasium besuchen. Danach studierte er in Erlangen und Göttingen Jura. Seine Hoffnungen auf eine Universitätslaufbahn erfüllten sich jedoch nicht. Zwei Jahre arbeitete er als Hauslehrer in Genf, von wo er die Ereignisse der französischen Revolution mit ambivalenten Gefühlen aufmerksam verfolgte. 1792 kehrte er zurück und arbeitete als Privatsekretär, Regierungsrat, Hofrat an verschiedenen kleinen Residenzen.

Als Privatsekretär von Graf Christian zu Erbach-Schönberg, des Statthalters des Deutschen Ordens in Mergentheim und eifriger Benutzer der Bibliothek gewann er ungewöhnliche Einblicke in die Funktionen von Religion, Kirchengeschichte und kirchliche Staatsverwaltung. Erst Jahrzehnte später sind sie in seine Publikationen eingeflossen, wie „Die Möncherey oder geschichtliche Darstellung der Kloster-Welt" (3 Bde. 1819-1820), „Das Ritterwesen" (3 Bde. 1822-1824) und „Das Papsttum und die Päpste (3 Bde., die erst nach seinem Tode 1834 erschienen).

Bei seinem letzten Dienstherrn aus dem Hause Isenburg-Büdingen hielt er die ständigen Demütigungen nicht mehr aus, kündigte und sein Leben erhielt erneut eine andere Richtung. Er zog sich im Alter von 37 Jahren mit seiner Bibliothek, die auf 11 000 Bände anwachsen sollte zurück und lebte bei seiner verheirateten Schwester, zuletzt in Kupferzell.

Dennoch war Karl Julius Weber kein enttäuschter Einsiedler, sondern ein weitgereister, belesener Weltmann und aufklärender Moralist. Jährlich machte er eine Reise mit dem Postwagen, über die er ausführliche Berichte veröffentlichte (Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen; 4 Bde. 1826-1828). Sie wurden zu einer Art Reiseführer des Bürgertums in dieser Zeit.

Von 1820-1824 vertrat er das Oberamt Künzelsau im ersten Landtag des Königreichs Württemberg. Er war ein Aufklärer in der Zeit der romantischen Gegenaufklärung, dem nur ironischer Spott als Waffe gegen die menschliche Unvernunft, den religiösen Aberglauben und andere Verrücktheiten seiner Zeit geblieben war.

30 Jahre arbeitete er an seinem Hauptwerk, den „Nachgelassenen Papieren eines lachenden Philosophen", das in 12 Bänden (1832-1840) erschien und 15 Auflagen bis Ende der 1920er Jahre erlebte. An jeder Stelle des Mammutwerkes kann der Leser beginnen. Das Panorama der Themen ist breit gefächert. Es reicht von den Vorurteilen über die Nationen, den unterschiedlichsten Berufe, der Eitelkeit und dem Witz, über Voltaire und Rousseau, den damaligen Erfindungen und literarischen Gattungen, komischen Grabinschriften und der Faulheit zu dem unerschöpflichen Fundus religiöser Absonderlichkeiten des ‚Christendumm'. Das liberale Bürgertum hat die witzigen Formulierungen, die enzyklopädische Fülle der Zitate und die Kritik an der Adelsherrschaft genossen. Heute lassen sich die Texte auch anders lesen.

Als materialreiche Quelle zur Mentalitätsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts und einsamer Aufschrei über die unausgereifte und schwindende Aufklärung ist der ‚lachende Philosoph' noch nicht entdeckt.