Ahnungslose Schwärmerei

Die Begeisterung für den Dalai Lama und den tibetischen Buddhismus.

Anmerkungen von Colin Goldner.

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Zwischen drei- und fünfhunderttausend Anhänger soll der Buddhismus seit Anfang der 1990er allein im deutschsprachigen Raum gefunden haben. Vor allem in ihrer tibetischen Variante scheint die "Lehre des Buddha" dem aktuellen Zeitgeist sehr zu entsprechen: die Zahl der Sympathisanten für den sogenannten Vajrayana-Buddhismus, als dessen Oberhaupt der Dalai Lama firmiert, geht in die Millionen. Wesentlicher Grund hierfür ist die Dauerpräsenz "Seiner Heiligkeit" in den Boulevard- und Yellow Press-Medien, über die das Interesse an "östlicher Spiritualität" bedient und ständig erweitert wird.

 

Das "Journal für die Frau" beispielsweise geht in einem umfänglichen Report der Frage nach, was denn "eigentlich so faszinierend ist an dieser Religion" und kommt zu der profunden Einsicht, es sei die "Suche nach sich selbst, nach Sinn und Seelenheil", die "Sekretärinnen und Arzthelferinnen" [sic!] en masse in die buddhistischen Zentren deutscher Großstädte treibe. Noch näher an der Wahrheit dürfte die zum eigentlichen Metier des Magazins überleitende Erkenntnis liegen: "Und sie haben prominente Vorbilder. Richard Gere, geradezu die Inkarnation des männlichen Sex-Appeals, war einer der ersten, der sich zu der südostasiatischen Religion bekannte. 1984 kriegte er eine Midlife-Krise erst in den Griff, nachdem er Buddha kennenlernte". Und auch Harrison Ford, Sharon Stone, Sting, Tina Turner und David Bowie "üben sich in den sanften buddhistischen Ritualen". Vor allem aber in der Rock- und Popszene ist es en vogue, sich als Fan des Buddhismus und insbesondere des Dalai Lama zu outen: Patty Smith, Radiohead, Sonic Youth, Adam Yauch samt seinen Beastie Boys und viele andere mehr zählen zur begeisterten Anhängerschaft des tibetischen Gottkönigs; vorneweg der alpentümelnde Hubert von Goisern, oder auch Peter Maffay, für dessen CD "Begegnungen" der Dalai Lama gar ein eigenes Grußwort schrieb.

Die Stars im Scheinwerferlicht, so das "Journal für die Frau" wissend, "führen vor, was viele in unserer westlichen Kultur empfinden: Weder Ruhm noch Besitz sind eine Garantie für dauerhafte Zufriedenheit. Was uns fehlt, sind innere Ruhe, Frieden und das Gefühl, mit sich selbst und der Welt in Einklang zu sein". Und eben dies biete der Buddhismus im Übermaß: "Alles ist heiter, gelassen, friedlich, sanft, harmonisch, alles lächelt und will nur das Beste. Wenn chinesische Soldaten brutal über Tibet herfallen, bleiben die Bewohner freundlich und gelassen. Feindschaft nicht mit Feindschaft vergelten heißt eines ihrer Gebote".

Die Auflistung romantisierender Klischees und mystizistisch angehauchter Platitüden ist bezeichnend für die Rezeption buddhistischer Vorstellungen in weiten Kreisen ihrer Anhängerschaft. Ungeachtet der Frage, was bei ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Buddhismus vielleicht herauskommen könnte, strotzen die Auslassungen konvertierter Promis nur so vor bescheuerter Ahnungslosigkeit. Die Schauspielerin Cleo Kretschmer etwa, die sich in TV-Talkshows über ihre neugewonnenen buddhistischen Erkenntnisse verbreitet, weiß vornehmlich zu vermelden, daß es da um Mitgefühl und Liebe gehe, irgendwie, und der Dalai Lama schon ein toller Typ sei. Auf ganz ähnlichem Niveau liegen die Kenntnisse und Bekenntnisse buddhismusbegeisterter TV-Mimen wie Marie-Luise Marjan, Anja Kruse oder Sigmar Kolbach.

Selbst Martin Scorsese, Regisseur des Hollywood-Streifens "Kundun", der das Leben des Dalai Lama bis 1959 nachzeichnet, ergeht sich in völlig nichtssagenden Worthülsen: "Für mich ist der Buddhismus der Tibeter eine wunderbare Lebenseinstellung vom Frieden des Geistes und der Völker, von Liebe und Mitgefühl. Dogmen, Gier und Gewalt haben ausgedient". Drehbuch und Dreh, so Scorsese, hätten ihn von innen heraus geläutert, mit seinen bisherigen Brutalstreifen habe er nichts mehr zu schaffen. Die "Bild"-Zeitung schwelgte in höherer Dialektik: "Ein Ausnahmefilm: sinnlich und zugleich spirituell, authentisch und zugleich dokumentarisch". Zum Inhalt weiß Bild: "Erzählt wird das Leben des 14. Dalai Lamas (Jahrgang 1935). Schön chronologisch: Man fand ihn in einer Bauernhütte, als er zwei war. Aufgewachsen ist der Stellvertreter Buddhas in Tibets Hauptstadt Lhasa, hier wurde er auch von Mönchen auf sein Amt als politisches UND geistiges Oberhaupt des Landes vorbereitet. Nach Chinas Tibet-Invasion von 1949 ist er um eine friedliche Lösung bemüht, trifft 1954 sogar den Vorsitzenden Mao in Peking. Aber nachdem 1959 die Rotchinesen seine Heimat besetzen, flieht er nach Indien. Seitdem lebt er im Exil und kämpft für die Unabhängigkeit Tibets". Trefflichst gibt "Bild" die Geschichtskenntnis der Mehrheit der Dalai Lama-Fans wieder und bestätigt, was diese in Scorseses Schmalspur-Epos gelernt haben. Wirkliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Man versorgt sich mit gerade soviel an oberflächlicher Kenntnis, daß ein Bildschirm für die eigenen untergründigen Bedürfnisse und Sehnsüchte entsteht. Auf Tibet projiziert kann man sich diese als echtes Interesse am Schicksal des Landes und seiner Menschen vorgaukeln, um ohne größeren Aufwand zum "mitfühlenden Gutmenschen" zu mutieren. Bezeichnend, daß "Bild" den Dalai Lama als Autor und Werbeaugust verpflichtete: er erhielt eine eigene Kolumne im Blatt und griente monatelang von Reklametafeln und Litfaßsäulen herunter. Auch als „Gasteditor" des Lifestylemagazins "Vogue" trat er in Erscheinung.

Vor allem innerhalb der Esoterik- und Psychoszene gilt tibetischer Buddhismus, beziehungsweise das, was man davon weiß oder dafür hält, als übergeordnete "spirituelle Leitlinie". Ernsthafte Auseinandersetzung, womit auch immer, gibt es in dieser Szene freilich nicht, die oberflächliche Kenntnis von ein paar Begriffen und ein "Gefühl" für die Sache reichen völlig aus, sich "zugehörig" vorzukommen; vielfach versteht man sich dann schon als "engagierter Buddhist", wenn man einen "Free-Tibet"-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel spazierenfährt. Vorangetrieben wird der gewinnträchtige Boom durch eine Unzahl einschlägiger Publikationen: eingepasst in das übliche Sortiment an Astrologie-, Bachblüten- und Wunderheil-Literatur findet sich jede Menge "tibetisch" aufgemachten Unsinns auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt.

Für viele steht und fällt die Begeisterung für tibetischen Buddhismus mit der Figur des Dalai Lama. Das weltweit hohe Ansehen, das "Seine Heiligkeit" quer durch sämtliche politischen und weltanschaulichen Lager genießt, ist trotz aller Kritik, die in letzter Zeit gegen ihn vorgebracht wurde, völlig ungebrochen. Nach wie vor gilt er als Symbolfigur für Friedfertigkeit, Güte und in unendlicher Weisheit ruhende Gelassenheit. Seine Verlautbarungen gelten als Wahrheit schlechthin.

Derlei verklärende Sicht auf den Dalai Lama ebenso wie auf das "alte Tibet", das dieser repräsentiert, basiert wesentlich auf eklatanter Unkenntnis der tatsächlichen Gegebenheiten.

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Das Bild des "alten Tibet" (vor 1950), wie es, verbreitet über unzählige Bücher und Schriften, heute im Westen geläufig ist, zeigt das eines Paradieses auf Erden - des mythischen Shangri-La -, das den Menschen ein glückliches und zufriedenes Leben in Einklang mit sich selbst, mit der Natur und den Göttern zu führen erlaubt habe. Laut Dalai Lama sei dies dem fortwährenden Einfluß des Buddhismus zu verdanken gewesen, durch den eine "Gesellschaft des Friedens und der Harmonie" entstanden sei.

Die moderne Geschichtsschreibung weiß indes längst, daß Tibet bis zur Invasion der Chinesen keineswegs die paradiesische Gesellschaft war, die der Dalai Lama ständig beschwört. Für die große Masse der Bevölkerung war das "alte Tibet" tatsächlich eben jene "Hölle auf Erden", von der in der chinesischen Propaganda immer die Rede ist, und aus der das tibetische Volk zu befreien als Legitimation und revolutionäre Verpflichtung angesehen wurde für den Einmarsch von 1950.

Die herrschende Mönchselite beutete Land und Menschen mit Hilfe eines weitverzweigten Netzes an Klostereinrichtungen und monastischen Zwingburgen gnadenlos aus. Der relativ kleinen Ausbeuterschicht - ein bis eineinhalb Prozent - stand die große Masse der Bevölkerung als "Leibeigene" beziehungsweise "unfreie Bauern" gegenüber. Die Steuer- und Abgabenlasten, die diesen Menschen aufgebürdet wurden, drückten sie unter die Möglichkeit menschenwürdiger Existenz. Bitterste Armut und Hunger durchherrschten den Alltag in Tibet; es gab keinerlei Bildungs-, Gesundheits- oder Hygieneeinrichtungen (außerhalb der Klöster). Privilegierte beziehungsweise benachteiligte Lebensumstände wurden erklärt und gerechtfertigt durch die buddhistische Karmalehre, derzufolge das gegenwärtige Leben sich allemal als Ergebnis angesammelten Verdienstes respektive aufgehäufter Schuld früherer Leben darstelle.

Das tibetische Strafrecht zeichnete sich durch extreme Grausamkeit aus. Zu den bis weit in das 20. Jahrhundert hinein üblichen Strafmaßnahmen zählten öffentliche Auspeitschung, das Abschneiden von Gliedmaßen, Herausreißen der Zungen, das Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe und dergleichen.

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Der theokratische Feudalismus Tibets bestand in seiner bis 1950 herrschenden Form seit Mitte des 17. Jahrhunderts, als es der militanten buddhististischen Sekte der Gelupa (=Gelbmützen) mit Hilfe der Mongolen gelang, sämtliche innenpolitischen Gegner auszuschalten. Der seinerzeitige Anführer der Gelugpa, bekannt als der "Große Fünfte Dalai Lama", erklärte sich in der Folge zur höchsten geistlichen und weltlichen Autorität des Landes. Gleichwohl Tibet 1720 dem Militärprotektorat der Mandschu zugeordnet wurde und ab 1793 vollends zum Vasallenstaat Chinas geworden war, behielt das Regime der Lamas nach innen uneingeschränkte Macht.

Solange der chinesische Kaiserhof über die erforderliche Stärke verfügt hatte, war China - einschließlich seines tibetischen Protektorats - vom Rest der Welt fast vollständig abgeschottet geblieben. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts drängten indes mit England und Frankreich militärisch hochgerüstete Westmächte in den ostasiatischen Raum, deren aggressivem Zangengriff das alte China wenig entgegenzusetzen hatte; das Mandschu-Reich zerbröckelte rapide. Durch die Niederlage Beijings im chinesisch-japanischen Krieg von 1894 wurde der Zerfall des Mandschu-Reiches weiter vorangetrieben. Mit der formalen Abdankung Pu-Yis, des letzten chinesischen Kaisers, im Februar 1912 war es endgültig zerbrochen.

Am 14. Februar 1913, so zumindest wird der Sachverhalt kolportiert, habe der seinerzeitige 13. Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets verkündet. Unbeeindruckt von dieser "Proklamation" beharrte die neue republikanische Regierung Chinas auf ihrem - sozusagen aus dem Kaiserreich ererbten - Hoheitsanspruch.

Die völkerrechtlich relevante Frage, ob Tibet zwischen 1913 und 1951 einen eigenständigen und unabhängigen Staat darstellte oder nicht - es ist diese Frage in Hinblick auf die Rechtmäßigkeit der chinesischen Invasion von 1950 von entscheidender Bedeutung - läßt sich nicht letztgültig klären. (Die UNO, die als einzige Körperschaft solche Klärung vornehmen könnte, hat sich der Frage tibetischer Souveränität zu keinem Zeitpunkt angenommen.)

Neben dem aus der Geschichte hergeleiteten Selbstverständnis der Volksrepublik China, demzufolge Tibet seit jeher - spätestens seit 1720 - als untrennbarer Bestandteil des chinesischen Territoriums gilt, wird der Einmarsch von 1950 noch durch weitere Faktoren legitimiert; deren entscheidender war der Anspruch, das tibetische Volk von einem doppelten Joch zu befreien: zum einen aus dem imperialistischer Machtansprüche (vor allem Großbritanniens und der USA), zum anderen aus dem der feudalistischen Leibeigenschaft einer Ausbeuterclique aus Adel und (Gelbmützen-)Klerus. Die "Befreiung" Tibets war für die Truppen Maos nicht nur logische Konsequenz sondern revolutionäre Verpflichtung gewesen.

Ab Mitte der 1950er Jahre wurde in Tibet mit Hilfe der CIA - und mit Billigung des Dalai Lama - ein großangelegter Untergrundkampf gegen die Chinesen geführt. Zwei der Brüder des Dalai Lama organisierten von Indien bzw. den USA aus den Guerillakrieg. Im Frühjahr 1959 verließ der Dalai Lama selbst - von langer Hand und mit Hilfe der CIA vorbereitet - Lhasa und begab sich ins indische Exil. Es folgten ihm bis Ende des Jahres rund 30.000 Tibeter, bis heute haben rund 120.000 Tibeter ihren Wohnsitz im Ausland genommen.

Die insbesondere im Zuge der Kulturrevolution in den 1960er Jahren von der Volksbefreiungsarmee in Tibet verübten Gewalt- und Zerstörungsakte sind durch nichts zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Gleichwohl ist den exiltibetischen Verlautbarungen und denen der internationalen Tibet-Unterstützerszene prinzipiell zu mißtrauen: Sie sind, sofern sie nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, in der Regel heillos übertrieben und/oder beziehen sich auf längst nicht mehr aktuelles Geschehen. Die Behauptung der Exilregierung des Dalai Lama, das "tägliche Leben der Tibeter im eigenen Land" sei bestimmt durch "Folter, psychischen Terror, Diskriminierung und eine totale Mißachtung der Menschenwürde" ist reine Propaganda zur Sammlung von Sympathiepunkten beziehungsweise Spendengeldern; es spiegeln solche Anwürfe nicht die gegenwärtige Realität Tibets wider. Auch die Anwürfe von Zwangsabtreibungen und flächendeckender Sterilisierung tibetischer Frauen, von Überflutung des Landes durch chinesische Siedler, von systematischer Zerstörung des tibetischen Kulturerbes entsprechen nicht den Tatsachen.

Die Dalai Lamas als "Gottkönige" Tibets sind demokratisch durch nichts legitimiert; sie werden, ebenso wie die sonstigen Groß-Lamas, aufgrund astrologischer und sonstiger Zufallsdeutungen von der Gelugpa für ihre Rolle ausgewählt. Auch der gegenwärtige Dalai Lama, der sich als vierzehnte Inkarnation seiner Amtsvorgänger vorkommt, wurde als Zweieinhalbjähriger auf solchem Wege ausfindig gemacht. Bis heute hat er sich, trotz allen Demokratisierungsgeredes, noch nicht einmal in den exiltibetischen Kommunen durch eine Wahl oder Volksabstimmung legitimieren lassen.

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Die Doktrin der Gelugpa ist ein abstruses Konglomerat aus Geister- und Dämonenglauben, verbunden mit menschenunwürdigen Unterwerfungsritualen. Wie jede Religion basiert sie wesentlich auf raffiniert und gezielt geschürter Angst vor dem Jenseits. Horrende Monster-, Vampir- und Teufelsvorstellungen durchziehen die Lehre des tibetischen Buddhismus. Wer die Gebote der Lamas nicht befolge, finde sich unweigerlich in einer der sechzehn Höllen wieder. Eine davon bestehe aus einem "stinkenden Sumpf von Exkrementen", in dem man bis zum Hals versinke; zugleich werde man "von den scharfen Schnäbeln dort lebender riesiger Insekten bis aufs Mark zerfressen und zerpickt". In anderen Höllen wird man verbrannt, zerschlagen, zerquetscht, von Felsbrocken zermalmt oder mit riesigen Rasiermessern in tausend Stücke zerschnitten. Und das, über Äonen hinweg, immer wieder aufs Neue. Was derlei pathologischer Karmawahn in den Köpfen einfach strukturierter, ungebildeter Menschen anrichtet - ganz zu schweigen von den Köpfen drei- oder vierjähriger Kinder, die man damit vollstopft -, läßt sich nur mit Schaudern erahnen.

Systematisch werden durch den tibetischen Buddhismus geistes- und seelenverkrüppelte Menschen herangezüchtet. Wesentlicher Bestandteil des Ritualwesens, zu dem auch verschiedenste - in der Regel zutiefst frauenverachtende - Sexualpraktiken zählen, ist die Einnahme "unreiner Substanzen". Dazu gehören die "Fünf Arten von Fleisch" (Stier-, Hunde-, Elephanten-, Pferde- und Menschenfleisch) sowie die "Fünf Arten von Nektar" (Kot, Gehirn, Sexualsekret, Blut und Urin). Als tieferer Grund für derlei tantrische Riten gilt die zu erwerbende Erkenntnis, daß "kein Ding an sich rein oder unrein ist und alle Vorstellungen von solchen Gegenständen lediglich auf falscher Begrifflichkeit beruhen".

Opfer solch kollektiven Wahngeschehens ist eine ganze Gesellschaft, die seit Jahrhunderten unter dem Joch dieses von Mönchsgeneration zu Mönchsgeneration weitergegebenen Irrsinns steht. Opfer sind letztlich aber auch die Mönche und Lamas selbst, die, abgerichtet seit frühester Kindheit und jeder Chance auf eigenständiges Denken und Handeln beraubt, das psychopathische Wahnsystem, in dem sie sich bewegen, nicht als solches erkennen können; die, ganz im Gegenteil, ihr verbogenes und verkrüppeltes Selbstverständnis, ihre Kot- und Blutrituale für einen Ausdruck höheren Bewußtseins halten, unabdingbar auf dem "Weg zur Erleuchtung".

Längst ist im übrigen erwiesen, daß die Sexualpraktiken, deren die tibetischen Lamas sich befleissigen, keineswegs nur visualisiert sind, wie sie behaupten. Seit je werden hierzu ganz reale Mädchen und Frauen herangezogen. Entscheidend, so der Dalai Lama in interner Verlautbarung, sei es, sich vor dem Fehler des Samenergusses zu hüten, denn: "Ohne Ejakulation ist es kein Sex, auch wenn es so aussieht". Komme es dennoch zum "Auswurfe des Spermas", solle man dieses aus der Vagina der "Weisheitsgefährtin" herausschlürfen. Das Mönchsgebot der Enthaltsamkeit bleibe so gewahrt.

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Wenig bekannt sind die Kontakte, die der Dalai Lama zu alten und neuen Nazis unterhält. Damit ist noch nicht einmal seine Freundschaft zu Heinrich Harrer gemeint, der als SA-Mann (seit 1933!) und späterer SS-Oberscharführer überzeugter Nazi gewesen war (auch wenn er das bis zu seinem Tod Anfang 2006 abstritt). 1939 war Harrer im Zuge einer SS-Bergsteiger-Expedition zum Nanga Parbat in Nordindien (heute Pakistan) in britische Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er 1944 nach Tibet entfliehen konnte. Anfang 1950 gab es ein erstes persönliches Treffen mit dem damals 15-jährigen Dalai Lama, aus dem sich ein mehr oder minder regelmäßiger Englisch- und Geographieunterricht entwickelte. (Im November 1950 verließ Harrer Lhasa, seine vielgerühmte Tätigkeit als "Lehrer und Vertrauter des Gottkönigs" hatte etwas mehr als ein halbes Jahr gedauert.)

Gemeint sind vielmehr die freundschaftlichen Kontakte, die der Dalai Lama im Exil zu den Mitgliedern der SS-Expedition Ernst Schäfer pflegte, die 1938/39 in Lhasa zugange war. Die Nationalsozialisten, Himmler vorneweg, hatten größtes Interesse an Tibet gehegt, wo man, basierend auf den theosophischen Schriften Helena Blavatskys, das Hirngespinst verfolgte, es hätten Überlebende des untergegangenen Kontinents Atlantis im tibetischen Hochland sagenhafte unterirdische Reiche geschaffen, in denen ihr uraltes höheres Wissen bewahrt würde. Insofern wähnte man auch den Ursprung der "nordischen Rassenseele" in Tibet beheimatet Selbstredend gab es auch handfestes politisches bzw. militärisches Interesse an "Innerasien". In den Kinos wurden ständig irgendwelche Tibet-Filme gezeigt (vor allem Bergsteigerfilme aus den 20er und 30er Jahren), es gab zahllose Ausstellungen und Veröffentlichungen zum "Dach der Welt".

Das heutige große Interesse an Tibet hat (wenn auch mit anderen Vorzeichen) seine Wurzeln mithin in der flächendeckenden Tibet-Propaganda der Nazis.

Der Dalai Lama, dessen Regent Reting Rinpoche im Jahre 1939 die Schäfer-Delegation offiziell im Potala empfangen hatte, weigert sich bis heute, irgendwelche Auskunft zu den damaligen Unterredungen zu geben. Bis in die 1990er Jahre hinein pflegte er stattdessen regen Kontakt zum letzten Überlebenden der Expedition von 1939, zu dem 1998 verstorbenen SS-Hauptsturmführer Bruno Beger, der 1971 als NS-Kriegsverbrecher ("Rassenspezialist von Auschwitz") verurteilt worden war. Man traf einander oftmals zu persönlichen Gesprächen, jeweils in herzlichster Atmosphäre.

Gemeint sind desweiteren die nachweislichen Begegnungen des Dalai Lama mit Miguel Serrano, seines Zeichens Vorsitzender der chilenischen "Nationalsozialistischen Partei". Serrano, ehedem Botschafter Chiles in Österreich, gilt als Vordenker des sogenannten "Esoterischen Hitlerismus"; in seinen Publikationen halluziniert er, der "Führer" sei nach wie vor am Leben und plane von einer unterirdischen Basis in der Antarktis aus mittels einer gigantischen Flotte an UFOs die Weltherrschaft zu erringen. Gemeint sind vor allem auch die Kontakte des Dalai Lama zu dem japanischen Terroristen und Hitler-Verehrer Shoko Ashara, den er mehrfach und in allen Ehren in Dharamsala empfing. Er stattete Asahara mit zwei hochoffiziellen Empfehlungsschreiben aus, in denen er ihn als "kompetenten religiösen Lehrer" pries und der japanischen Regierung empfahl, seiner AUM-Shinri-kyo-Sekte "den wohlverdienten steuerbefreiten Status und die gebührende Anerkennung" zu gewähren. Durch diese Empfehlungsschreiben trug er wesentlich zum Aufstieg der AUM-Sekte zu einer der (potentiell) gefährlichsten Terrorgruppen bei, die es jemals gegeben hat. (Die U-Bahn-Attentate in Tokyo vom 20. März 1995 - es hatte seinerzeit zwölf Tote und über 5.000 teils Schwerstverletzte gegeben - waren nur das Vorspiel zu einem geplanten Massenmord an 20 Millionen Menschen gewesen: die Sekte wollte die gesamte Einwohnerschaft Tokyos mit Botulismusbakterien bzw. mit Zyklon B (eine Reverenz an Hitlers Gaskammern) auslöschen, womit Asahara seinen Anspruch als buddhokratischer Weltendiktator zu unterstreichen beabsichtigte.) Zu einer klaren Verurteilung Asaharas (der inzwischen zum Tode verurteilt wurde) und seiner Mörderbande konnte der Dalai Lama sich bis heute nicht durchringen.

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2007, nach tibetischem Kalender das "Feuer-Schwein-Jahr", scheint ein besonderes Glücksjahr zu sein: Gleich dreimal kommt "Seine Heiligkeit" auf Deutschland hernieder.

Mitte Mai war dem "Gottkönig" unerwartete Ehre zuteil geworden: in einer groß aufgemachten Gala in Leipzig zeichnete die "Bild"-Zeitung ihren altgedienten Kolumnisten mit einem hauseigenen „Medienpreis" aus. Zusammen mit „Seiner Heiligkeit" wurden Daimler-Vorstand Dieter Zetsche, Comedian Hape Kerkeling, die Musikgruppe „Silbermond" und Eisläuferin Kathi Witt mit dem Preis bedacht. Als Laudator für den Dalai Lama fungierte Reinhold Messner, moderiert wurde das Ganze von Spinat-Ikone Verona Feldbusch-Pooth. Unter den Ehrengästen jede Menge „Promis", die es ohne "Bild" als solche gar nicht gäbe: Roland Koch, Peter Maffey, Heino etc.; bezeichnenderweise zählen zu den Preisträgern früherer Jahre Günther Jauch und Kai Pflaume.

Ende Juli nun steht ein weiterer Deutschland-Besuch auf dem Programm: "Seine Heiligkeit" erteilt in Hamburg Unterweisungen in „Buddhistischer Philosophie und Praxis" (5 Tage 225 Euro). Was da in etwa zu hören sein wird, zeigt ein O-Ton-Ausschnitt aus einer ähnlichen Veranstaltung in Harvard: "Ein Bewußtsein wird dadurch bestimmt, dass ein Objekt erscheint, unabhängig davon, wie das Objekt erscheint, korrekt oder falsch. Zum Beispiel tritt bei einem Bewußtsein, das fälschlich an inhärente Existenz glaubt, die Erscheinung von inhärenter Existenz auf; der Glaube an inhärente Existenz kommt erst durch die Erscheinung von inhärenter Existenz zustande. Da diese Erscheinung dem Bewußtsein tatsächlich erscheint, wird von der Konsequenz-Schule gesagt, dass es in bezug auf diese Erscheinung gültig ist; es wird sogar gesagt, dass es eine unmittelbar wahrnehmende gültige Erkenntnis in bezug auf diese Erscheinung ist. Somit ist selbst ein verkehrtes Bewußtsein, das an die inhärente Existenz seines Objekts glaubt, gültig in bezug auf die Erscheinung von inhärenter Existenz. Es ist eine gültige Erkenntnis in bezug auf die Erscheinung von inhärenter Existenz, weil es gültig ist in bezug auf die bloße Tatsache, dass ihm inhärente Existenz erscheint. Trotzdem ist es ein verkehrtes Bewußtsein, da es eine inhärente Existenz niemals gegeben hat und niemals geben wird".

Sollte es, wie üblich, auch eine Frage-Antwort-Stunde geben, sind freiformulierte Weisheiten der folgenden Art zu gewärtigen:Auf die Frage beispielsweise, was "Seine Heiligkeit" Muslimen raten könne, die zunehmend unter Generalverdacht stünden und jederart Schikanen und Drangsalierungen ausgesetzt seien, meinte er: „Mehr Geduld. Sie sollten nicht entmutigt sein. Ich denke, es ist der richtige Zeitpunkt, ernsthaft umzusetzen, was der Koran sagt. Dann werden ihre Nachbarn letztlich merken, 'ah, diese Muslime sind ziemlich friedfertig und sehr gute Bürger der Gesellschaft'. Zwischenzeitlich, wenn jemand angreift, dann verteidigt euch sehr sorgfältig. Ha ha ha. Ihr wißt, dass die Anwendung von Mitgefühl sehr grundlegend ist. Aber wenn ein tollwütiger Hund kommt, und wenn ihr dann sagt 'Mitgefühl, Mitgefühl', dann sage ich, das ist töricht".

Als Höhepunkt der Veranstaltungswoche wird Rockgitarrist John Mc Laughlin in einem Konzert "die Botschaft S.H. des Dalai Lama vom Frieden in musikalischer Form ausdrücken". Eintritt: 49 Euro.

Anläßlich seiner Reise nach Norddeutschland hatte der Dalai Lama sich auch bereit erklärt, als Gastredner an einem unmittelbar vor seiner Unterweisungswoche stattfindenden „Internationalen Kongress zur Rolle buddhistischer Frauen innerhalb der Glaubensgemeinschaft" an der Universität Hamburg teilzunehmen. Dieser Kongress, organisiert von führenden Vertreterinnen unterschiedlichster buddhistischer Denominationen und mit Teilnehmerinnen aus aller Welt, hatte sich zum Ziel gesetzt, die eklatante Ungleichbehandlung buddhistischer Nonnen gegenüber ihren männlichen Kollegen - eine volle Ordination ist für Frauen nach wie vor nicht möglich - aufzuheben oder zumindest eine gemeinsame „Unterstützungserklärung" (supportive declaration) für solches Bestreben zu erarbeiten. Weshalb die Nonnen ausgerechnet den Dalai Lama als key note speaker eingeladen hatten, der seit einer ersten Konferenz zum Thema im Jahre 1987 (!) keinen Finger für ihr Anliegen der Gleichberechtigung gerührt hatte - er hätte solche Gleichberechtigung, zumindest innerhalb seines eigenen Bezugssystems, längst per Dekret beschließen können - , blieb unerfindlich.

Nach seinem Auftritt in Hamburg wird der Dalai Lama nach Freiburg im Breisgau weiterreisen, um im örtlichen Buddhistenzentrum irgendeine neu errichtete Pagode einzuweihen. Und im September wird er schon wieder im Lande sein: für sein "Bemühen um die Anerkennung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in der Religion" erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Münster verliehen.

 

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Colin Goldners kritische Biographie "Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs" ist leider vergriffen. Sie wird in aktualisierter und erweiterter Form im Spätherbst 2007 bei Alibri, Aschaffenburg, neu erscheinen.