Macht, Religion und Wissenschaft

Giordano Brunos Übergriff

Das klingt nur einsichtig, ist in Wahrheit ein kalter Machtanspruch. Wie nennen wir Atheisten die Schöpfung? Natur. Stimmt man dem zu, ist ein atheistischer Wissenschaftler „anmaßend“, wenn er die Natur/Schöpfung erklären will. Über den Schöpfer macht sich eine aufgeklärte Wissenschaft sowieso keine Gedanken, aber die „Schöpfung“ ist auch gleich tabu? Ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass es kein erkennbares intelligentes Design in der Evolution gibt, Anmaßung, Frevel? Kann diese Erkenntnis schon zur Verletzung religiöser Gefühle führen und damit vom Strafrichter (§ 188) geahndet werden? „Verhindern wir Übergriffe, werden wir keine Probleme haben!“ meint der Abt. Was meint er mit Problemen? Auch der Wohlmeinende kann dunkle Gedanken an die heilige Inquisition, Hexenprozesse und die Verbrennung Giordano Brunos nicht verdrängen.

Lötsch sieht in der christlichen Genesis dennoch ein "am ehesten den Naturwissenschaften nahekommenden Versuch, Welt zu erklären.

Der Museumsdirektor als Prediger

Beispielbild
Bernd Lötsch, Michael Häupl
Es wird an diesem Abend viel von Grenzüberschreitungen gesprochen. Lötsch zitiert daher die Bibel: „Dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Das genügt ihm nicht. Er setzt auch gleich die (anwesenden) Atheisten herab. „Weil der Mensch ein triebbestimmtes Tier ist, brauchen wir so etwas wie das Christentum. Ohne göttliche Funken hätten wir nie den Gipfel der Humanitas erklimmen können.“ Dieser göttliche Funke scheint nicht sehr wirksam zu sein. In der österreichischen Bevölkerung hat er weder 1934 noch danach gegen den Faschismus gewirkt. Dabei bekannten sich etwa 90% der Staatsbürger zum Christentum. Ich habe es als Grenzüberschreitung empfunden, das Lötsch uns Atheisten abspricht jemals den Gipfel der Humanitas zu erreichen.

Der Bürgermeister gegen Sozialdarwinismus

Es war daher beruhigend, dass es auch differenziertere Meinungen gab. So bekannte sich Bürgermeister Häupl zur Aufklärung und zu Kant. „Es gibt Ethik auch außerhalb der Religion!“ Auch gegen den Missbrauch von Darwin für ideologisch gefärbte Gesellschaftstheorien wandte sich der Biologe und Politiker:

Sozialdarwinismus hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Das ist ideologisches Verbrechen. Die Stadt Wien hat sich auch deswegen im Darwin Jahr engagiert, weil wir einen intellektuellen Dialog in der Stadt führen und forcieren wollen. Der Wissenschaftsstandort Wien ist wichtig - gerade weil er jenseits aller wissenschaftlichen Disziplinen über eine philosophische Klammer verfügt - die Wiener Vorlesungen sind gewissermaßen der philosophische Umbrella."

Einleuchtung und Abfindung

Am nächsten Tag telefonierte ich mit Rudi Schwarz und beklagte mich, dass Kleriker und Gläubige nicht aufhören können zu missionieren, aber gleichzeitig jeden Widerspruch als ungehörig denunzieren. Rudi war pragmatischer als ich: „Wos wüst, im Ersten Bezirk in Wien gibt’s 18 katholische Kirchen, 11 Kapellen, 10 Klöster, aber kein einziges Spital. Alles für’s Jenseits aber nichts für’s Leben.

Das leuchtet ein, aber abfinden will ich mich damit nicht.