BERLIN. (hpd) Eine neue Studie des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung will ermittelt haben, dass die mitteleuropäische Bevölkerung aussterben wird und dafür - auch in Deutschland - die muslimischen "Fremden" überhand nehmen werden. Ein Fehlschluss.
"Die Bevölkerung muslimischer Gemeinschaften wächst. Zugleich haben im vergangenen Jahrzehnt die terroristischen Angriffe muslimischer Gruppen zugenommen. Beides hat eine Diskussion über den Zusammenhang von Religion, demografischer Entwicklung und den Sicherheitsinteressen der westlichen Welt und deren Werte ausgelöst."
Hier einen Zusammenhang zu konstruieren ist schon für sich allein nicht nur grob fahrlässig. Ich würde das schon als Demagogie bezeichnen. Weil – nach dieser Logik – die Zunahme eines fundamentalistischen und politischen Islam es allein darin liegt, dass das Bevölkerungswachstum in der westlichen Welt rückläufig ist.
"Nachdem Religion und patriarchale Familienwerte jahrzehntelang scheinbar aussichtslose Rückzugsgefechte gegen den Wertewandel der Moderne geführt haben, könnten konservative oder gar fundamentalistische Wertesysteme nun auf dem Umweg über die demografische Entwicklung wieder an Bedeutung gewinnen."
Leider ist dieses Denken salonfähig geworden; ich erinnere nur an Sarrazins gleichlautende Äußerungen. Neben dem sicherlich nicht zu unterschätzenden Einfluss, den der Islam in großen Teilen der Welt spielt, soll doch bitte nicht vergessen werden, dass auch der christliche Fundamentalismus erstarkt; weltweit. Im südlichen Afrika und in den Elendsvierteln des südamerikanischen Kontinents sind es nicht Mullahs, die dafür sorgen, dass es keine Geburtenkontrolle gibt. Davon ausgehend könnte man also auch darauf schließen, dass die Moderne von der katholischen Kirche bedroht ist.
Nur, das zu beweisen scheint nicht das Ziel der Studie gewesen zu sein.
Die Ursache für die schwindende Bedeutung der Religion im täglichen Leben wird auf der einen Seite dem steigenden Bildungsstand der Bevölkerung, auf der anderen Seite dem zunehmenden Wohlstand zugeschrieben. Denn aus sozialwissenschaftlicher Sicht besteht die wesentliche soziale Funktion von Religion darin, Menschen bei der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen und Unsicherheiten des Lebens zu unterstützen.
Die Autoren der Studie weisen selbst darauf hin, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen der Säkularisierung der Gesellschaft und einem steigenden materiellen Wohlstand. Richtig ist auch, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Streuung der Einkommensverteilung und der Gefährdung der Gesellschaft durch fundamentalistisch-religiöse Weltanschauungen. Wie man daraus allerdings schließen kann, dass nur allein der Islam der Moderne gefährlich sei, wird nicht klar, zumal im Text sogar auch darauf eingegangen wird, dass (auch) andere fundamentalistische religiöse Strömungen nachweislich eine höhere Reproduktionsrate haben.
Allerdings führt der Text dann im Folgenden aus, dass insbesondere in den islamischen Ländern die Geburtenrate ansteigt – ohne aber zu verschweigen, dass selbst in Iran die Geburtenrate sinkt und derzeit bei 1,7 Kinder je Frau liegt. Das ist ein Wert, der auch in Europa gilt.
So schließt der Text dann auch mit der Feststellung, dass mit einer besseren sozialen Eingliederung der muslimischen Bevölkerung in die Gesellschaft die Geburtenraten rückläufig entwickelt. Was ja auch mit der Aussage, dass soziale Sicherheit und Anerkennung wichtiger als religiöse Ausrichtungen sind, konform geht.
"In Deutschland leben schätzungsweise fünf Millionen Menschen, die sich zum Islam bekennen. In manchen Stadtvierteln könnten sich Muslime und ihre Nachkommen in den nächsten Jahrzehnten durchaus zu einer Bevölkerungsmehrheit entwickeln. Doch in dem Maße, wie Menschen muslimischer Abstammung wirtschaftlich und sozial integriert werden, wie sie Teil einer Gesellschaft mit einem egalitären Geschlechterverhältnis werden, dürfte sich auch ihre Fertilität reduzieren. Mit wirtschaftlicher und sozialer Integration dürfte auch die Bedeutung von patriarchal-fundamentalistischen Einflüssen der Religion abnehmen. Ebenso sinken dürfte bei besserer Integration das Konfliktpotenzial, welches von einer Konzentration gering gebildeter, arbeitsloser junger Männer in bestimmten Stadtvierteln ausgeht."
Dies sind meiner Meinung nach sehr deutliche Hinweise darauf, dass es weniger darum geht, eine Gefahr des Islam heraufzubeschwören; sondern vielmehr darüber nachzudenken, wie eine Integration erfolgreich ermöglicht werden kann. Nur scheint das nicht das politische Ziel des Berlin-Institutes zu sein. Lieber malt man das Schreckensbild der aussterbenden „Urdeutschen“ an die Wand. Das verkauft sich besser und ist der BILD ganz sicher die eine oder andere Schlagzeile wert. Man hat wieder einen Schuldigen, ein Feindbild und muss sich im Übrigen nicht um soziale Probleme kümmern.
Deshalb ist Albrecht Müller von den Nachdenkseiten zuzustimmen, wenn er davon spricht, dass es sich beim Berlin-Institut nicht um eine wissenschaftliche, sondern eine Publicrelations-Einrichtung handelt. Prof Dr. Gerd Bosbach attestiert dem Berlin-Institut sogar bewusste Irreführung.
Frank Navissi
Alle Zitate sind der Studie "Glaube, Macht und Kinder. Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt? - Diskussionspapier des Berlin-Institutes" entnommen.





