"We want Europe to remain European, to regain its civilizational self-confidence, and to abandon its failed focus on regulatory suffocation." Dieser Satz stammt nicht aus einem rechten Blog oder einem Wahlkampfspot, sondern aus der neuen National Security Strategy (NSS) der Vereinigten Staaten. Und er wirkt wie ein Schlüsselsatz: nicht, weil er eine zutreffende Beschreibung Europas liefert, sondern weil er Europas Rolle in der Weltpolitik neu rahmen könnte.
Denn in diesem Dokument geht es nicht mehr um den "Westen" als Wertegemeinschaft, deren Mitglieder ihre Sicherheit, Freiheit und Ordnung gemeinsam verteidigen. Es geht um Sphären, Interessen und Hebel. Damit verabschiedet sich die NSS von der liberalen Grundannahme, dass internationale Politik vor allem durch Institutionen, Regeln und gegenseitige Einbindung stabilisiert wird. Der Ton ist ein anderer: weniger Ordnungspolitik, mehr Machtpolitik. Nationalstaaten rücken wieder als die eigentlichen Akteure ins Zentrum. Einfluss entsteht über wirtschaftliche und militärische Hebel. Partnerschaften werden messbar gemacht.
Europa erscheint dabei nicht als gleichberechtigter Partner, sondern als Raum, der aus Sicht Washingtons stabilisiert, diszipliniert, geöffnet und politisch in eine "gesündere" Richtung gedrückt werden soll. Für Europa bedeutet dies nicht nur anstößige Rhetorik. Es ist ein Signal: Erwachsen werden. Jetzt.
Von der Werteallianz zum Interesseninstrument
Schon der Grundton der neuen NSS ist weniger institutionell-nüchtern, als man es von früheren Strategiedokumenten gewohnt ist. Anstelle von regelbasierter Ordnung und Allianzen als gegenseitigem Selbstzweck dominiert ein Leitmotiv: Amerika soll bevorzugt behandelt werden, und Allianzen müssen sich unmittelbar im nationalen Nutzen widerspiegeln. Das Papier kündigt das Ende der "Weltpolizei USA" an: "The days of the United States propping up the entire world order like Atlas are over."
Diese Strategie geht über die bekannte Forderung nach Burden Sharing hinaus. Sie beschreibt ein Netzwerk der Zusammenarbeit, in dem die USA als Einberufer und Unterstützer auftreten und Vorteile, etwa in Handel, Technologieteilung oder Beschaffungskooperation, als Anreiz für eine bestimmte politische Ausrichtung vergeben können. Den Subtext muss man nicht überinterpretieren: Wer sich einordnet, bekommt etwas. Wer widerspricht, zahlt.
Im Europa-Kapitel wird das besonders deutlich: Washington will Widerstand gegen die "aktuelle Entwicklung" Europas innerhalb der europäischen Nationen ausdrücklich kultivieren und begrüßt den wachsenden Einfluss "patriotischer Parteien". Das ist keine beiläufige Bemerkung, sondern ein politisches Programm: Außenpolitik wird hier offen mit dem Anspruch verbunden, Europas innenpolitische Richtung zu beeinflussen.
In dieser Logik wird sich auch die NATO verändern, nicht formaljuristisch über Nacht, aber politisch spürbar: vom Verteidigungsbündnis, das aus einer gemeinsamen Idee entstanden ist, hin zu einem Instrument amerikanischer Interessenpolitik.
Europa im US-Rahmen: Partner, aber unter Bedingungen
Das Europa-Kapitel der NSS 2025 wirkt weniger wie eine Einladung zur Partnerschaft als wie eine Gebrauchsanweisung. Europa soll stark sein – jedoch nicht als integrierter Machtpol, der eine eigene strategische Dynamik entfaltet, sondern als Bündel "ausgerichteter" souveräner Staaten. Die EU erscheint dabei nicht als natürlicher Ordnungsanker, sondern als Akteur, dessen Einfluss ausdrücklich kritisch gerahmt wird.
Entscheidend ist die Konsequenz: Zusammenarbeit wird nicht mehr primär über gemeinsame Werte, sondern über politische Anschlussfähigkeit und Nutzenlogik begründet. Damit verschiebt sich die Beziehungsebene. Europa wird stärker in die Rolle gedrängt, Erwartungen zu erfüllen – statt gemeinsam Regeln zu setzen. Gleichzeitig betont die NSS durchaus, Europas Freiheit und Sicherheit unterstützen zu wollen; gerade diese Kombination aus Beistand und Konditionalität ist neu. Wer diese Signale ernst nimmt, versteht auch, warum Europa jetzt mehr braucht als Appelle: Es braucht eigene Handlungsfähigkeit, um Partnerschaft auf Augenhöhe überhaupt möglich zu machen.
Europas eigentliche Herausforderung ist die Mündigkeit
In der NSS steckt, bei aller Zumutung, ein nützlicher, adaptierbarer Realismus: Wohlstand, Technologie, Industrie, Energie und Verteidigungsfähigkeit werden, wenn eine Mehrheit der internationalen Akteure die Welt so rahmt, zu Sicherheitsfragen.
Europa hat sich in den letzten Jahrzehnten zu oft so verhalten, als könne man sich dieser Versicherheitlichung widersetzen oder sie outsourcen und trotzdem politisch souverän bleiben. Diese Friedensdividende war real. Sie ist nun aber aufgebraucht und wurde unzureichend in geopolitischen Vorsprung investiert. Genau deshalb ist die neue NSS ein Weckruf: nicht, weil Europa den amerikanischen Rahmen übernehmen sollte, sondern weil Europa gezwungen ist, seine eigene Souveränität zu behaupten.
Und hier liegt der Kern: Europa braucht eigene Mündigkeit, ohne in einen Kulturkampf zu verfallen. Wer jetzt reflexhaft den amerikanischen Kulturkampf importiert, spielt am Ende genau das Spiel, das Europa spaltet. Wer jedoch so tut, als ginge das alles Europa nichts an, macht Europa zum Objekt anderer geopolitischer Akteure.
Die gemeinsame europäische Aufgabe nach der amerikanischen NSS 2025
Wenn die neue NSS eines leistet, dann dass sie unmissverständlich klarmacht: Europas Handlungsfähigkeit darf nicht länger als Selbstverständlichkeit behandelt werden. Die angemessene Reaktion darauf ist nicht Empörung, sondern politische Verantwortungsbereitschaft.
Europa muss sich als politisches Projekt neu erzählen: nicht als Abstammungsgemeinschaft, sondern als modernes Versprechen: Rechtsstaat, Freiheit, Wissenschaft, pluralistische Demokratie, die Würde und Selbstbestimmung des Individuums. Solange "die EU" im Alltag vor allem als Regulierung und Verwaltung wahrgenommen wird, bleibt Integration technisch und politisch angreifbar.
Aus dieser Identität folgt der zweite Punkt fast zwingend: Industriepolitik ist keine Nebensache, sondern Teil der Sicherheitsarchitektur. Nur wenn Europa wirtschaftlich und technologisch gut aufgestellt ist, kann es ein global handlungsfähiger Machtblock sein. Energie, Chips, KI, kritische Rohstoffe, Verteidigungsproduktion, Infrastruktur: Wer hier abhängig ist, ist strategisch erpressbar.
Wenn Europa darüber hinaus global führen will, dann nicht durch moralische Selbsterhöhung, sondern durch Klima- und Technologiesouveränität. Diese entsteht dort, wo Standards gesetzt, Innovationen skaliert und Abhängigkeiten reduziert werden. Europa kann das, aber nur, wenn es Regelsetzung und Machtpolitik zusammen denkt: technologisch wettbewerbsfähig sein, industrielle Kapazitäten aufbauen und wissenschaftliche Exzellenz in Anwendung bringen.
Was Europa hingegen nicht tun sollte: seine politische Debatte entlang US-amerikanischer Kulturkampflinien zu reorganisieren. Das wäre das sicherste Rezept, um genau die gesellschaftliche Mitte zu zerstören, die wir eigentlich stärken müssen. Europas Antwort auf eine härtere Interessenpolitik darf nicht die Übernahme amerikanischer Polarisierung sein, sondern die Stärkung der eigenen demokratischen Resilienz – und der Wille, Konflikte wieder als lösbare Probleme zu betrachten.
Am Ende ist die neue NSS eine Zäsur und zugleich ein Spiegel. Sie sagt: Wir werden euch nicht mehr durch eine gemeinsame Erzählung tragen. Und: Wir erwarten, dass ihr tragt – und euch dabei in unseren Rahmen fügt. Europa kann darüber empört sein. Es kann aber auch die richtigen Konsequenzen ziehen: strategische Mündigkeit, wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und eine demokratische Mitte, die nicht an den Rändern zerrieben wird. Erwachsen werden bedeutet für Europa als Staatenbund nicht, Amerika zu kopieren. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen: für seine Sicherheit, seinen gemeinsamen Wohlstand und seine globale Rolle.






