Islam und Menschenrechte – verschiedene Kulturen, die gleichen Probleme?

Hat es doch etwas mit dem Islam zu tun?

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Yahya Ekhou aus Mauretanien
Yahya Ekhou aus Mauretanien

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Alia Khannum aus Pakistan
Alia Khannum aus Pakistan

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Mina Ahadi (Iran)
Mina Ahadi (Iran)

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Hamed Abdel-Samad (Ägypten)
Hamed Abdel-Samad (Ägypten)

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Mahmudul Haque Munshi aus Bangladesch
Mahmudul Haque Munshi aus Bangladesch

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Shuruq aus Saudi-Arabien
Shuruq aus Saudi-Arabien

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Moderatorin Angelika Kallwass
Angelika Kallwass

Im Rahmen der "Säkularen Woche der Menschenrechte" in Berlin berichteten Geflüchtete aus verschiedenen islamischen Ländern am Freitag von ihren Erfahrungen. Unter dem Titel "Islam und Menschenrechte – verschiedene Kulturen, die gleichen Probleme?" sprachen sie mit Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Moderatorin Angelika Kallwass über die gefährliche Lage, in der sich Atheisten dort befinden. Auch die Rolle der Frau, kritisches Denken und die deutsche Asylpolitik wurden thematisiert. Veranstaltet wurde der Abend von der Säkularen Flüchtlingshilfe.

"Das ist heute (…) das dunkle Zeitalter. Wenn die Menschen das nicht einhalten, was der Koran lehrt, dann entsteht so etwas", sagt eine verschleierte Frau im "Talk aus dem Muslim-Studio". Menschenrechte stünden wie Coca Cola für einen westlichen Lebensstil, räumt die ebenfalls verschleierte Moderatorin lapidar ein. In einem Zusammenschnitt aus verschiedenen Medienberichten werden zu Beginn exemplarisch Menschenrechtsverletzungen angerissen, die in vielen islamisch geprägten Ländern stattfinden: Zwangsehe, Vollverschleierung, Scharia, Körperstrafen, Lynchmorde. "Islamkritik heißt doch nicht, Muslime schlecht zu machen, sondern es heißt, sie zu schützen vor den menschenverachtenden Auswirkungen des Islam", erklärt Samuel Schirmbeck, ehemaliger ARD-Korrespondent in Algerien, bei Markus Lanz.

Hat der Islam generell ein Problem mit den Menschenrechten? Oder ist die oft verheerende Lage kulturell bedingt? Um das zu klären, bittet Moderatorin Angelika Kallwass ihre Gesprächspartner auf die Bühne: Shuruq aus Saudi-Arabien, Yahya Ekhou aus Mauretanien, Mahmudul Haque Munshi aus Bangladesch und Alia Khannum aus Pakistan. Ergänzt wird die Runde von Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler und Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs).

Mauretanien sei eines von drei Ländern der Welt, das sich selbst als "islamische Republik" bezeichne, erzählt Ekhou. Obwohl Araber in der multi-ethnischen Gesellschaft des Landes südlich der Westsahara nur eine Minderheit seien, kontrollierten sie es. Der sunnitische Islam sei die einzig zulässige Weltanschauung. Seine Familie habe versucht, ihn zu töten, weil er an keine Art von Gott glaube. "Nach Mauretanien zurückzukehren wäre Selbstmord für mich", stellt der junge Mann klar, der im März nach Deutschland kam. Trotzdem sei sein Asylantrag abgelehnt worden, weil er nicht überzeugend sei. Das Problem sei, dass man hierzulande zu wenig über Mauretanien wisse. Shuruq kam 2016 mit ihrem Mann nach Deutschland. Beide sind Ex-Muslime und mussten innerhalb weniger Tage alles hinter sich lassen und fliehen, nachdem sie einen Tipp bekommen hatten, dass das saudische Regime hinter ihnen her war. Sie sind mittlerweile als Flüchtlinge anerkannt. Khannum berichtet von der rigorosen Blasphemie-Gesetzgebung in Pakistan. Paragraph 295c sehe die Todesstrafe dafür vor. "Das heißt, du kannst gar nichts gegen den Propheten sagen – leider habe ich viel gesagt", sagt sie und lacht. Das ganze Land sei in Geiselhaft von Islamisten und die Regierung sei machtlos. Da sie nicht nur Atheistin, sondern auch Trans-Frau sei, würde sie schon deswegen ins Gefängnis kommen, sollte sie in ihr ehemaliges Heimatland zurückkehren, das hätten die Polizei und auch ihr Onkel ihr in Aussicht gestellt. Sie kam 2013 für ihr Master-Studium nach Deutschland und arbeitet hier seit einigen Jahren im sozialen Bereich. Munshi habe eine Bewegung gegen die islamische Partei in Bangladesch gegründet. 2013 seien 40 der Aktivisten getötet worden, auch Freunde von ihm. Er selbst habe zwei Mordversuche überlebt. Über ein Stipendium kam er mit seiner Frau 2015 nach Deutschland.

Angelika Kallwass will von den Podiumsgästen wissen, wie man in einem vom Islam dominierten Land die Eigenständigkeit entwickeln könne, Atheist zu werden. Alles habe mit der einfachen Frage begonnen, warum das Paradies Türen habe, antwortet Yahya Ekhou. Sein Imam habe daraufhin gesagt: "Geh und bete und halt' die Klappe!" Dann habe er, Ekhou, angefangen, im Internet über den Islam und seine Geschichte zu recherchieren. Er habe sich gefragt, ob Religionen insgesamt die Menschen eher zusammenführten oder auseinander brächten und für ihn wurde klar: Letzteres. Shuruq habe ihren Mann einmal gefragt, was der Islam für sie als Frau getan habe. Er habe geantwortet, im Islam sei sie eine Königin, er bewahre sie wie ein Juwel. Sie wolle aber kein Objekt sein, das aufbewahrt wird, habe sie geantwortet, und habe nach ihren Rechten als Mensch gefragt. Daraufhin begannen sie beide im Koran zu lesen und stellten fest, dass Mohammed keine besonders positive Haltung zu Frauen habe und sie eher als Kriegsbeute sehe. Alia Khannum komme aus einer wenig religiösen Familie, wie sie sagt. Aber sie habe in jungen Jahren ein Interesse für Religion entwickelt und deshalb vier Jahre lang den Koran studiert. Vor allem der Umgang mit Frauen und das Thema Sklaverei hätten sie zu der Erkenntnis gebracht, dass der Islam keine Religion für sie sei. Nach dem Studium auch anderer religiöser Schriften beschloss sie für sich, dass alle Religionen menschgemacht seien und sie daran nicht glauben könne. Mahmudul Haque Munshi erzählt, er habe all die vielen Bücher gelesen, die seine Eltern zu Hause hatten. Danach habe er viele Fragen gehabt, die ihm weder Eltern noch Lehrer beantworten wollten. Auch er habe dann verschiedene religiöse Schriften gelesen und habe für sich festgestellt: "Es gibt keinen Gott. Das kann nicht sein." Er habe sich im Internet geoutet und Probleme bekommen, die ihn letztlich zur Flucht zwangen.

Das atheistische Outing sei sehr gefährlich in Pakistan, sagt Khannum. Das habe sie zum ersten Mal 2011 gemerkt, als ein Unterstützer von Asia Bibi von einem seiner Sicherheitsleute erschossen worden sei. Ersterer habe den Blasphemieparagraphen als "schwarzes Gesetz" bezeichnet, das die Menschen erpresse. Die meisten von Khannums Bekannten hätten sich über den Mord gefreut. Lynchjustiz sei üblich in Pakistan und werde auch nicht geahndet. Das brachte sie schlussendlich dazu, auszuwandern.

Zur Rolle der Bildung erläutert Hamed Abdel-Samad, sie sei ein zweischneidiges Schwert, da man in den Herkunftsländern der Geflüchteten nicht zum selbstkritischen Hinterfragen erzogen werde. Aber auch Lesen und Schreiben und im besten Fall eine Fremdsprache würden manch einem die Türen zur Welt öffnen und diejenigen, die sich trauten, dazu bringen, zu vergleichen. Die Flüchtlinge auf dem Podium seien für ihn Helden, lobt der Islamkritiker. Trotzdem bekämen sie kein Bundesverdienstkreuz und müssten sich im Gegenteil auch hier verstecken. Die Islamverbände hingegen würden hofiert und auch in Europa gebe es noch Blasphemiegesetze. Asia Bibi bekomme in Großbritannien kein Asyl aus Angst vor einem muslimischen Mob. "Was für eine Schande, was für ein Verrat an den Werten der Aufklärung. Das nennt man auch Toleranz gegenüber Muslimen, man belohnt aber die Intoleranz damit."

Zur Rolle der Frau in Saudi-Arabien sagt Shuruq, sie habe dort keine eigene Entscheidungsgewalt, kein unabhängiges Dasein. Die Frau sei immer hinter dem Mann, der entscheide, ob sie arbeite oder der sie ins Restaurant begleite. Selbst bei der Ausstellung eines Personalausweises müsse der Mann sein Einverständnis geben. Mit dem Mann, der ihr ausgesucht werde, sei eine Frau gezwungen, ihr restliches Leben zu verbringen. Die neue Möglichkeit für Frauen, Auto zu fahren, sei nur ein Scheingesetz, da die meisten Familien dagegen seien. Der Grund dafür sei die islamische Tradition. Wenn es der Frau verboten sei, allein mit dem Kamel oder dem Esel unterwegs zu sein, dürfe sie mit dem heutigen Esel, dem Auto, auch nicht fahren. Der gbs-Beirat fügt hinzu: "In jeder patriarchalen Gesellschaft hat man Angst vor einer selbstbewussten, unabhängigen Frau, die eigene Entscheidungen trifft." In den Herkunftsländern herrsche eine tribale Kultur, in denen man stolz auf seine Abstammung sei. Wenn die Frau Schande begehe und fremde Spermien in die Familie hinein wanderten, bringe das alles durcheinander, weil man nicht mehr wisse, wer die Vorfahren seien. Gleichzeitig stünden die Männer unter dem Druck eines Männlichkeitswahns. Sie müssten sich beweisen, indem sie die weiblichen Familienmitglieder kontrollierten. "Individualismus gilt als eine Gefahr. Und Selbstkritik gilt als Verrat."

Wenn man mit Muslimen in Deutschland diskutiere, sagten sie, sie würden es akzeptieren, wenn jemand anderes eine andere Meinung habe oder eine andere oder auch keine Religion habe, erzählt der junge Mann aus Mauretanien. "Aber wenn sie in einem konkreten Fall mit einem Atheisten konfrontiert werden, dann fangen sie an, unruhig zu werden, dann beschimpfen sie mich."

Hamed Abdel-Samad richtet noch einen wütenden Appell an die Politik, der euphorischen Applaus erntet: "Menschen, die versuchen, in Freiheit zu leben, und auch versuchen, eine Stimme zu sein für andere Menschen in ihren Ländern, die aufmerksam machen, was in ihren Ländern passiert – nein, die wollen wir nicht. Die können uns Probleme verursachen mit DITIB oder den Muslimbrüdern. (…) Deshalb opfern wir diese Leute und schicken sie wieder nach Hause, holen Islamisten nach Europa – und dann gute Nacht, wenn wir so weiter machen. (…) Wir haben es nicht geschafft, (…) die Moderne in die islamische Welt zu exportieren, aber wir haben es mit Erfolg geschafft, den Islamismus nach Europa zu importieren."

Die Psychologin Kallwass, bekannt aus der Sat.1-Sendung "Zwei bei Kallwass", zeigt sich im Laufe der Veranstaltung immer wieder erschüttert darüber, dass Atheisten in arabischen Ländern bis heute mit dem Tod bestraft werden, während Glaubensfreiheit hierzulande ein selbstverständliches Menschenrecht sei. Sie zählt die Methoden auf, mit denen die Urteile vollstreckt werden und die in Saudi-Arabien besonders vielfältig seien. Den Gästen auf dem Podium spricht sie ihre Bewunderung für deren Mut aus.

Mina Ahadi betritt zum Schluss als Vertreterin der Säkularen Flüchtlingshilfe – die Veranstalter des Abends war – die Bühne und erzählt sichtlich bewegt ihre Lebensgeschichte: Sie leistet Widerstand gegen das islamische Regime im Iran, ihr Mann wurde hingerichtet, gegen sie besteht ebenfalls ein Todesurteil. "In meinen Ohren kann ich die Frauen hören, die gesteinigt worden sind", sagt Ahadi, die sich seit vielen Jahren für Menschenrechte und gegen die Todesstrafe einsetzt. Die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime freut sich über die atheistischen Flüchtlinge: "Die, die hier sitzen, sind alle (…) für freie Meinungsäußerung, Frauenrechte, für säkulare Werte, und die sind ein sehr wichtiger Schatz für mich und für unser Land." Abdel-Samad stimmt ihr zu: "Diese Leute sind unsere besten Verbündeten, weil sie die Verlängerung der Aufklärung sind. Sie sind diejenigen, die sich freiwillig und nach reiflicher Überlegung für die Aufklärung entschieden haben, sie haben es nicht geerbt. Und deshalb verdienen sie jede Unterstützung."