Interview

Studierende im Iran haben sich wieder gegen die islamische Regierung erhoben

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Fakultät für Elektrotechnik, Iranische Universität für Wissenschaft und Technologie
Iranische Universität

Seit der Machtübernahme der Islamisten ist die Unterdrückung von Studierenden ein zentrales Herrschaftsprinzip der Islamischen Republik Iran. Ziel dieser Politik ist es, Hochschulen zum Schweigen zu bringen und studentischen Protest systematisch zu unterbinden – mit Suspendierungen, Exmatrikulationen, Inhaftierungen und Gewalt als wiederkehrenden Mitteln. Auch während der jüngsten landesweiten Proteste kamen zahlreiche Studierende ums Leben oder wurden festgenommen. Ein Gespräch mit der Protestgruppe Daneschdschujan-e Pischro.


Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde vor Beginn des Iran-Kriegs geschrieben. Seitdem ist keine Kontaktaufnahme mehr möglich.


Seit den 1980er Jahren wurden im Zuge nahezu jeder neuen Protestbewegung – zuletzt beim Aufstand im Dezember 2025 – viele Studierende nicht nur suspendiert oder exmatrikuliert, sondern auch inhaftiert, gefoltert und getötet.

Während der landesweiten Proteste der vergangenen Monate kamen Medienberichten zufolge in verschiedenen Städten zahlreiche Studierende auf den Straßen ums Leben; eine verlässliche Gesamtzahl wird derzeit noch ermittelt.

Nach Angaben studentischer Kanäle versammelten sich Studierende an den meisten Universitäten des Landes, um gegen die Tötung und Inhaftierung ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen zu protestieren. Im Gedenken an die Opfer skandierten sie regimekritische Parolen. In der Folge wurde vielen von ihnen in rechtswidriger Weise der Zugang zu ihren Hochschulen verwehrt. In letzter Zeit entschieden sich immer mehr Universitätsleitungen dafür, Lehrveranstaltungen ausschließlich online anzubieten.

Über die Proteste der vergangenen Wochen habe ich ein Gespräch mit der Gruppe Daneschdschujan-e Pischro ("Fortschrittliche Studierende") geführt.

hpd: Was sind die Forderungen der Studierenden in der gegenwärtigen Protestphase?

Daneschdschujan-e Pischro: Die aktuelle Protestwelle ist ihrem Kern nach politischer Natur und auf die Verteidigung grundlegender Freiheitsrechte ausgerichtet. Die Studierenden fordern insbesondere die Aufarbeitung und juristische Ahndung der begangenen Gewalttaten, die unverzügliche Freilassung der Inhaftierten sowie ein Ende der Präsenz und Einflussnahme von Sicherheitsorganen im universitären Leben.

Zugleich haben die unmittelbaren Folgen der jüngsten Ereignisse an den Hochschulen – darunter Suspendierungen, Exmatrikulationen und Disziplinarverfahren – dazu geführt, dass ergänzend auch studienbezogene Forderungen artikuliert werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die gegenwärtigen Proteste einen doppelten Charakter tragen: Sie sind sowohl Ausdruck konkreter hochschulpolitischer Anliegen als auch Teil einer übergeordneten politischen Bewegung. Ihr Schwerpunkt liegt klar auf der Fortsetzung der Proteste vom Dezember 2025 sowie auf der Durchsetzung politischer und bürgerrechtlicher Forderungen.

Welche Bedingungen und Faktoren haben zur Entstehung dieser neuen Proteste geführt?

Die aktuelle Protestdynamik an den Universitäten stellt im Wesentlichen eine unmittelbare Fortsetzung der Proteste vom Dezember 2025 dar. Sie ist als Reaktion auf massive Repressionen sowie auf die Tötung von Protestierenden zu verstehen. Nach der erschütternden Brutalität der damaligen Ereignisse, zahlreichen Verletzten, Festnahmen und umfassenden repressiven Maßnahmen sahen sich die Studierenden weiterhin mit anhaltenden Einschränkungen ihrer zivilen und politischen Rechte konfrontiert.

Hinzu kam eine spürbare Verschärfung institutioneller Repressionen an den Hochschulen. Dazu zählen Vorladungen, Suspendierungen, Disziplinarverfahren sowie die verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften auf dem Campus. Diese Maßnahmen haben die bestehende Unzufriedenheit weiter verstärkt und zur Mobilisierung großer Teile der Studierendenschaft beigetragen.

Die gegenwärtigen Proteste sind somit das Ergebnis eines Zusammenwirkens mehrerer Faktoren: der unmittelbaren Folgen der Gewalt vom Dezember 2025, des anhaltenden politischen und sicherheitspolitischen Drucks sowie struktureller Beschränkungen innerhalb der Hochschulen. Dabei knüpfen die Studierenden an kollektive Erfahrungen früherer Protestbewegungen an und setzen ihren Widerstand in Form von Versammlungen und universitären Mobilisierungen fort.

Insgesamt sind die aktuellen Proteste Ausdruck einer über Monate gewachsenen Verdichtung politischer, menschenrechtlicher und studienbezogener Forderungen und stehen in direktem Zusammenhang mit den Repressionen und der Tötung von Protestierenden im Dezember 2025.

"Die aktuelle Protestdynamik an den Universitäten stellt im Wesentlichen eine unmittelbare Fortsetzung der Proteste vom Dezember 2025 dar."

Welche Wege wählt ihr zur Erreichung eurer Forderungen?

Das Handlungsmuster in der gegenwärtigen Phase ist kombiniert und vielschichtig. Es umfasst Protestkundgebungen, begrenzte Sitzstreiks, die Veröffentlichung gemeinsamer Erklärungen, eine intensive Nutzung Sozialer Netzwerke sowie vereinzelt auch den Boykott von Lehrveranstaltungen.

Aus der Perspektive der Theorie kollektiven Handelns lässt sich beobachten, dass die Studierenden bemüht sind, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Risiken und Kosten politischen Engagements einerseits und dessen symbolischer Wirksamkeit andererseits herzustellen. An einigen Universitäten zeigt sich eine stärkere Tendenz zu risikoärmeren Aktionsformen – etwa in Gestalt schriftlicher Stellungnahmen oder symbolischer Proteste –, während andernorts weiterhin Straßenproteste oder Aktionen auf dem Campus stattfinden.

Die Wahl der jeweiligen Protestform beruht zumeist auf einer situativen Einschätzung. Ausschlaggebend sind insbesondere das Ausmaß der Kontrolle durch Sicherheitsorgane sowie der Grad studentischer Solidarität und Mobilisierungsfähigkeit vor Ort.

Habt ihr vor der Durchführung der Versammlungen einen Austausch mit studentischen Gruppen in anderen Städten geführt? Haben andere Organisationen oder gesellschaftliche Gruppen eine Rolle bei der Organisation gespielt?

Der Austausch und die Koordination zwischen verschiedenen Universitäten erfolgen überwiegend über informelle Netzwerke und digitale Kommunikationsräume. Aufgrund formeller Restriktionen sind viele Abstimmungsprozesse dezentral organisiert und folgen netzwerkartigen Strukturen.

Die vorliegenden Hinweise deuten darauf hin, dass diese Protestphase weniger auf die Initiative einer einzelnen Organisation zurückgeht, sondern vielmehr auf horizontalen, losen verbundenen Netzwerken beruht. In einzelnen Fällen ist eine inhaltliche beziehungsweise diskursive Annäherung an die Forderungen von Lehrerinnen und Lehrern, Arbeiterinnen und Arbeitern oder anderen gesellschaftlichen Gruppen erkennbar. Die konkrete Organisation und Mobilisierung bleibt jedoch überwiegend universitätsintern und studierendenzentriert.

Wie bewertet ihr das Ausmaß der Unterstützung und Beteiligung unter den Studierenden?

Die Beteiligung gestaltet sich uneinheitlich. An einigen großen Universitäten ist eine beträchtliche Präsenz und Mobilisierung zu verzeichnen, während sie an kleineren Hochschulen oder unter Bedingungen besonders intensiver Repression deutlich geringer ausfällt.

Zudem verzichten manche Studierende aus Sorge vor disziplinarischen Maßnahmen oder möglichen negativen Auswirkungen auf ihre berufliche Zukunft auf eine offene Teilnahme. Gleichwohl ist selbst dort, wo die physische Präsenz rückläufig erscheint, eine ausgeprägte symbolische Unterstützung in Sozialen Netzwerken sowie eine nicht öffentliche Form der Solidarität erkennbar.

Aus politisch-soziologischer Perspektive deutet dies auf eine Diskrepanz zwischen "stiller Sympathie" und "offenem Handeln" hin – also zwischen latenter Zustimmung und sichtbarer Beteiligung.

Wie haben die Universitätsleitungen auf das Vorgehen der Sicherheitskräfte an den Hochschulen reagiert?

Die Reaktionen der Hochschulleitungen fallen unterschiedlich aus. In einigen Fällen bemühten sich die Verantwortlichen, durch moderat formulierte Stellungnahmen oder Appelle zur Besonnenheit eine vermittelnde Rolle zwischen Studierenden und Sicherheitsorganen einzunehmen. In anderen Fällen wurde das Eingreifen der Sicherheitskräfte faktisch nicht verhindert oder sogar indirekt unterstützt.

Diese Konstellation wirft grundlegende Fragen hinsichtlich der strukturellen Unabhängigkeit der Universitäten auf. Das Schweigen oder die unklare Positionierung mancher Hochschulleitungen ist dabei selbst zu einem Faktor geworden, der das Misstrauen innerhalb der Studierendenschaft weiter verstärkt.

Wurden Maßnahmen oder Initiativen ergriffen, um die Sicherheit der Studierenden während der Versammlungen zu gewährleisten?

In einzelnen Fällen haben Studierende versucht, das Risiko möglicher Übergriffe zu minimieren, indem sie Koordinierungsgruppen bildeten, rasch über potenzielle Gefahren informierten und Empfehlungen zur Deeskalation aussprachen. Darüber hinaus wird auf eine sorgfältige Dokumentation von Vorfällen sowie auf die Nutzung rechtlicher Mittel im Falle von Festnahmen Wert gelegt.

Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass unter angespannten politischen Bedingungen eine vollständige Kontrolle der Risiken kaum möglich ist und die individuellen Belastungen für die Beteiligten weiterhin erheblich sind.

"Selbst dort, wo die physische Präsenz rückläufig erscheint, [ist] eine ausgeprägte symbolische Unterstützung in Sozialen Netzwerken sowie eine nicht öffentliche Form der Solidarität erkennbar."

Gibt es einen konkreten Plan, die Forderungen durch eine stärkere Anbindung an andere gesellschaftliche Gruppen weiterzuverfolgen?

Auf diskursiver Ebene ist eine deutliche Verknüpfung studentischer Forderungen mit übergeordneten gesellschaftlichen Anliegen erkennbar. Teile der Studierendenbewegung bemühen sich, über Koordinierungsmechanismen und netzwerkartige Strukturen tragfähige Verbindungen zwischen Universitäten und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aufzubauen. Der Schwerpunkt liegt auf abgestimmten Vorgehensweisen, der Veröffentlichung gemeinsamer Erklärungen sowie der kollektiven Organisation von Versammlungen.

Daneben existiert ein stärker aktivistisch geprägter Flügel innerhalb der Universitäten, der besonderen Wert auf eine enge und wirksame Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren legt. Dazu zählen insbesondere Solidaritätsbekundungen mit Angehörigen von Opfern staatlicher Gewalt sowie die Beteiligung an sich ausweitenden Protestformen.

Ein Beispiel hierfür sind die Aufrufe und Versammlungen vom 18. und 19. Januar 2025, die in der Bevölkerung breite Resonanz fanden und sich rasch über Soziale Netzwerke verbreiteten. Sie schufen eine gemeinsame Plattform für Berufsverbände und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und eröffneten diesen die Möglichkeit, eine übergreifende politische Rolle einzunehmen.

Wie bewertet ihr die mediale Berichterstattung über diese Proteste?

Die mediale Darstellung der Proteste lässt sich als Nebeneinander dreier zentraler Narrative beschreiben:

Das offizielle Regierungsnarrativ stellt die Studierenden als Unruhestifter und sicherheitspolitische Bedrohung dar und legitimiert auf dieser Grundlage repressive Maßnahmen.

Ein zweites Narrativ, das insbesondere von Pahlavi-nahen Kräften und bestimmten oppositionellen Strömungen vertreten wird, spricht den Studierenden eine eigenständige politische Handlungsfähigkeit ab. Mithilfe eingängiger Parolen sowie reichweitenstarker Medienformate – darunter Fernsehsender und sich als unabhängig präsentierende Menschenrechtsorganisationen – wird versucht, die Deutungshoheit über die Ereignisse im Sinne eines "Kriegs der Narrative" zu gewinnen.

Demgegenüber haben sich Studierende, die sich mit der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" identifizieren, in den vergangenen Jahren verstärkt über unabhängige Soziale Medien sowie durch kollektive politische und gewerkschaftliche Aktivitäten zu Wort gemeldet. Ihr Anliegen ist es, die tatsächlichen Forderungen und Perspektiven der Universitäten sichtbar zu machen.

Das Zusammenspiel dieser drei Narrative erzeugt ein komplexes und konkurrenzbetontes Umfeld, in dem um öffentliche Wahrnehmung und Deutungshoheit gerungen wird.

Wie seht ihr die Perspektiven dieser Proteste und ihre möglichen Folgen?

Die Einschätzung der weiteren Entwicklung hängt maßgeblich von der Rolle dreier zentraler Akteure ab: der Regierung, der Reza-Pahlavi-nahen Strömung sowie der republikanischen Opposition.

Die Regierung steht unter erheblichem innenpolitischen Druck und zugleich unter dem Einfluss internationaler Rahmenbedingungen. Ihre Position erscheint zwar weiterhin machtpolitisch einflussreich, jedoch zugleich fragil, da sie in weiten Teilen der Bevölkerung nur über geringe Legitimität verfügt und sich außenpolitisch in einer schwierigen Lage befindet.

Die Reza-Pahlavi-nahe Strömung wiederum ist stark vom Tempo der Ereignisse und vom Erfolg bei der Etablierung einer umfassenden medialen Erzählung abhängig, in der sie sich selbst als einzig gangbaren Weg zu einem politischen Wandel präsentiert. Ihr Bestreben richtet sich darauf, unzufriedene Teile der Bevölkerung unter diesem Narrativ zu bündeln.

Die klassische republikanische Opposition hingegen hat bislang nur begrenzt Anschluss an jüngere Generationen gefunden; ihre kurzfristige politische Wirksamkeit dürfte daher beschränkt bleiben.

Vor diesem Hintergrund könnte sich der Diskurs "Frau, Leben, Freiheit" mittelfristig zu einer greifbaren politischen Kraft entwickeln und das Potenzial demokratisch orientierter Akteure mobilisieren. Ebenso ist die Entstehung neuer, jüngerer zivilgesellschaftlicher und politischer Strukturen denkbar.

Die universitären Proteste sind somit nicht ausschließlich eine unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse vom Dezember 2025, sondern besitzen das Potenzial, zum Kern einer breit angelegten sozialen und politischen Bewegung zu werden – insbesondere unter Bedingungen, unter denen traditionelle Oppositionsströmungen bislang nicht in der Lage waren, die junge Generation nachhaltig für sich zu gewinnen.

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