Die deutsch-israelische Journalistin Sarah Cohen-Fantl, Enkelin des Schoa-Überlebenden und späteren Filmregisseurs Thomas Fantl, Tochter der früh verstorbenen Schauspielerin Hildegard Krekel und des Filmproduzenten Jan Fantl, beschreibt die Geschichte ihrer Prager Familie Fantl, deren Leben durch die Schoa nahezu ausgelöscht wurde – nur drei von 67 Angehörigen überlebten. Der Fund eines Koffers in Auschwitz mit dem Namen der Urgroßmutter Zdenka Fantlova wird zum Auslöser einer umfassenden Spurensuche der Autorin, als "ein weiteres Fragezeichen auf meiner Suche nach Identität zwischen Religionen, Nationalitäten und komplizierten Familienkonstellationen".
Sarah Cohen-Fantl konvertierte zum Judentum, emigrierte nach Israel und schreibt ein Buch, das generationenübergreifend, authentisch berührend das Schicksal ihrer Angehörigen von gut situierter Vorkriegs-Bourgeoisie über die Schoa bis ins gegenwärtige Europa und Israel schildert. In ständigem Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart reflektiert sie gleichzeitig aktuelle gesellschaftliche und politische Themen, wie zunehmenden Antisemitismus und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023.
"Meine jüdische Familiengeschichte wird von mehreren Personen, Perspektiven und Generationen getragen, sie erzählt aus verschiedenen Jahrzehnten, springt in der Zeit und berichtet vom Leben und Überleben in Tschechien, Deutschland, England und Israel. Sie erzählt, wie alles begann und sich jetzt wiederholt. Mit Unterschieden, aber auch leider mit erschreckend vielen Parallelen. Und mit der Befürchtung, dass wir erst am Anfang schwieriger Jahre stehen – für uns alle".

"Wie alles begann" will kein weiteres Holocaust-Buch sein, das die Gräuel der Vergangenheit wiederholt und auflistet: "Es geht um das Jetzt – den wachsenden Judenhass, um weltweite Übergriffe, um gefährliche Propaganda und ihre Folgen, denen heute so viele Menschen wieder zum Opfer fallen".
Das Massaker vom 7. Oktober 2023 markiert einen schmerzhaften Höhepunkt: "Während ich dieses Buch schreibe, ihre Geschichte (Anm.: "der Angehörigen im Holocaust") erzähle, muss ich in Echtzeit (Anm.: "am 7. Oktober 2023") miterleben, wie Juden wenige Kilometer von meiner Haustür entfernt, wieder das Gleiche angetan wird wie damals. […] Wir wissen heute, zwei Jahre danach, mehr denn je: Niemand wird uns retten. Wenn wir uns nicht selbst verteidigen, werden wir sterben".
Bei der Sichtweise auf jüdisches Erleben und Leid blendet Sarah Cohen-Fantl das Leid auf der anderen Seite nicht aus: "In der Nacht zum 12. Mai 2021 poste ich auf Social Media: Ich kann nicht schlafen und muss an die Mütter und Kinder in Gaza denken, die auch nicht schlafen können, weil sie Angst haben, weil sie unter einem Terrorregime leiden und sich jetzt fürchten müssen. […] Nichts wünsche ich mir mehr als Frieden. Nicht nur das Ende des derzeitigen Krieges in Gaza, sondern einen echten, nachhaltigen Frieden für die gesamte Region".
Mit einer Mischung aus historischer Erzählung, zum Teil in romanhafter, bzw. essayistischer Form, mit persönlichen Reflexionen und dokumentarischer Aufarbeitung, spricht Sarah Cohen-Fantl Leserinnen und Leser an, die sich für jüdische Geschichte, jüdische Erinnerungskultur und die Bewältigung jüdischer Traumata interessieren. Mit Offenheit und emotionaler Ehrlichkeit beschreibt sie auch eigene Lebenskrisen und Verletzlichkeiten, die aus aktuellen Ereignissen, wie den Anschlägen auf Israel, beziehungsweise aus dem weltweit wieder zunehmenden Judenhass und Antisemitismus resultieren. Sie beschreibt Erfahrungen mit verstärkt aufflammenden Ressentiments gegen Juden in Deutschland und begründet nicht zuletzt auch damit ihren Entschluss, 2016 nach Israel zu emigrieren.
"Wie alles begann und sich jetzt wiederholt" ist ein Buch, das schmerzlich aktuell jüdische Geschichte, jüdisches Erleben und Leid mitempfinden lässt. Es bietet, mit viel Stoff zum Über- und Nachdenken, eine bewegende, tiefgründige Auseinandersetzung mit jüdischer Familiengeschichte sowie jüdischer Identität aus Vergangenheit und erlebter Gegenwart.
Sarah Cohen-Fantl, Wie alles begann und sich jetzt wiederholt – Meine jüdische Familiengeschichte, Bonifatius Verlag, Paderborn 2025, 304 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-98790-100-3






