Bibelwettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern

Peinliches Armutszeugnis für Justizministerin Hoffmeister

Mit ihrem aktuellen Bibelwettbewerb 2020 stellen die Veranstalter – Justizministerium, Kirchen und Bibelgesellschaft – in bemerkenswerter Weise Unkenntnis und Desinteresse an der Bibel unter Beweis.

Seit 1997 organisiert das Justizministerium von Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit den Kirchen alle drei Jahre einen Bibelwettbewerb für Schulklassen. Auf die verfassungsrechtliche Problematik, dass Staat und Kirche hier gemeinsam die Bibel nicht nur als "prägenden Kultur- und Bildungsfaktor" (Bundesverfassungsgericht) propagieren, sondern die christliche Religion bewerben ("Wer Jesus folgt, geht los und bewegt etwas." – Ministerin Katy Hoffmeister, s. u.) soll in diesem Artikel nicht weiter eingegangen werden. Hier geht es vielmehr darum, anhand des Bibelwettbewerbs 2020 aufzuzeigen, dass selbst die Organisatoren des Bibelwettbewerbs verblüffendes Unwissen und Desinteresse an der Bibel unter Beweis stellen.

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In ihrem kurzen Grußwort behauptet Justizministerin Katy Hoffmeister (CDU):

Die Bibel zeigt Wege auf. Es ist auffällig, dass dort die ermutigenden Worte "Steh auf" mehr als 6.000 Mal vorkommen. Und nach dem Aufstehen geht es weiter. Wer Jesus folgt, geht los und bewegt etwas.

Man benötigt wirklich nicht sehr viel Bibelwissen, um bei dieser Behauptung aufzuhorchen. Die Bibel besteht aus 66 "Büchern" (Evangelien, Paulusbriefe, 5 Bücher Mose usw.). Selbst, wenn man hier nicht die exakte Zahl, sondern nur die Größenordnung kennt, so müsste Katy Hoffmeisters Behauptung zufolge jedes Buch der Bibel knapp 100 mal die Worte "Steh auf" enthalten. Noch suspekter wird die Aussage der Ministerin, wenn man die Zahl der Bibelverse (rd. 31.000) betrachtet: Frau Hoffmeister zufolge müsste jeder fünfte Bibelvers die Worte "Steh auf" enthalten.

Das ist erkennbar Unsinn.

Wie kommt Frau Hoffmeister zu ihrer Behauptung?

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Vermutlich hat irgendjemand von den Organisatoren des Bibelwettbewerbs auf der Website der Deutschen Bibelgesellschaft nach der Formulierung "Steh auf" gesucht. Die Suchfunktion auf der Website zeigt dafür 6.147 Treffer an.

Schaut man sich nur die ersten 20 Treffer an, erhält man tatsächlich den Eindruck, hier würden Bibelstellen mit der Formulierung "Steh auf" aufgelistet.

Doch schon die ersten Treffer auf der nächsten Seite der Ergebnisliste zeigen, dass hier nicht nur Bibelstellen als Treffer ausgewiesen werden, sondern auch Artikel von der Website der Bibelgesellschaft.

Wie oben bereits angedeutet: Man muss schon extrem desinteressiert an der Bibel und an der Belastbarkeit der eigenen Aussagen sein, um nicht zu erkennen, dass hier keineswegs nur Stellen mit "Steh auf" ausgewiesen werden. Vielmehr scheint es bereits auszureichen, dass ein Vers das Wort "auf" enthält.

Eine kurze Suche nach dem Wort "steh" zeigt, dass dieses im Bibeltext (Luther 2017) lediglich 1.172 mal vorkommt. (Darin sind allerdings auch Variante wie "stehen" (498), "stehst" (457) usw. enthalten.)

Folglich kann "Steh auf" unmöglich häufiger vorkommen. Vielmehr ergeben sich Katy Hoffmeisters "mehr als 6000 Mal" offenbar daraus, dass die Suche nach "steh auf" sowohl Verse mit "steh" als auch Verse mit "auf" als Treffer auswirft, und bei der Suche nicht nur Bibelstellen, sondern auch sonstige Artikel der Bibel-Website als Treffer ausgewiesen werden.

Wie oft kommen die Worte "Steh auf" tatsächlich in der Bibel vor?

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Einer anderen Website zufolge kommt, je nach Übersetzung, 57 Mal (evangelische Lutherübersetzung von 2017) bzw. 70 Mal (katholische Einheitsübersetzung von 2016) die Worte "Steh auf" in der Bibel vor.

Die offizielle App der Bibelgesellschaft listet für "steh" und "auf" 63 Verse auf (Luther 2017). Also eine Größenordnung, die etwa 100 mal kleiner ist als die von Frau Hoffmeister behauptete. Das ist etwa so, als würde jemand behaupten, die Entfernung zwischen Hamburg und München betrage 6 Kilometer und nicht 600. Man muss kein ausgewiesener Experte sein, um zu erkennen, dass diese Behauptung nicht stimmen kann, auch wenn man die genauen Zahlen nicht kennt.

"Ausgewiesene Experten" beschreibt allerdings exakt die Veranstalter des Bibelwettbewerbs. Allein dem Arbeitskreis Bibelwettbewerb gehören neben 4 Ministeriellen und 7 Kirchenvertretern (ev. und kath.) 3 Vertreter der Bibelgesellschaft, zusätzlich 2 Vertreter des Bibelzentrums Barth, ein Jugendpastor und ein Vertreter des Religionslehrerverbandes an. Dass Frau Hoffmeisters Behauptung es bis in die Wettbewerbsunterlagen und in die Pressemeldungen schaffen konnte, belegt, was Atheisten schon längst wissen: Dass man nämlich über die Bibel öffentlich den größten Blödsinn behaupten kann, ohne dass das hinterfragt wird. Es sei nur noch erwähnt, dass die Aussage der Justizministerin auch auf christlichen und kirchlichen Webseiten unkritisch weiterverbeitet wurde, zum Beispiel von der evangelikalen Nachrichtenagentur idea.

Es geht hier allerdings nicht nur um die Anzahl der Bibelstellen. Schaut man sich an, was in den aufgelisteten Versen tatsächlich gesagt wird, so erkennt man schnell, dass die Formulierung "Steh auf" in der Bibel eine allgemeine Floskel (etwa im Sinne von "Auf geht’s!") ist, die der Aufforderung, etwas Bestimmtes zu tun, vorangeht; wie zum Beispiel in den Worten: "Steh auf, Petrus, schlachte und iss!", "Steh auf und komm her!", "Steh auf und geh in die Stadt", "Steh auf und erschlage sie" usw.

Mit anderen Worten: Katy Hoffmeisters Behauptung, es sei "auffällig, dass dort die ermutigenden Worte 'Steh auf' mehr als 6.000 Mal vorkommen", schrumpft schon bei einer minimalen Überprüfung auf die Feststellung zusammen, dass in der Bibel immer mal wieder jemand dazu aufgefordert wird, etwas Bestimmtes zu tun. Etwas Banaleres ist kaum denkbar.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors gekürzt von von Skydaddy übernommen.

Nachtrag: Das Justizministerium tut inzwischen so, als habe man keinen Fehler gemacht –  und behauptet selbst dabei noch die Unwahrheit.

Kommentare (9)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 11:48

Mit aller Gewalt und mit Falschaussagen soll hier die Jugend weiter benutzt werden um den Verfall der Kirchen aufzuhalten und deren Irrlehren weiter zu verbreiten.
Lasst euch nicht mit diesem Bibelwettbewerb ködern, denk einfach logisch darüber nach.

Stefan Dewald (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 12:20

Hier hat ein engagierter Mitstreiter eine Einzelpetition eingereicht: https://blasphemieblog2.wordpress.com/2019/05/06/peinlich-bibelministerium-meck-pomm-legt-nach/#comment-298266

Rene Goeckel (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 12:51

Die Bibelkenntnisse der Frau Hoffmeister sind mir vollkommen wurst. Mir ist nur unerträglich, dass eine Justizministerin Reklame für diese kirchliche Verseuchung von Kindern macht. Wer bezahlt eigentlich das Gehalt dieser Ministerin? Für wen hat sie gefälligst zu arbeiten? Ich fasse es nicht!

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 13:09

Kann jemand, der z.B. wegen Gotteslästerung angeklagt ist, noch Vertrauen in der Justiz v. MV haben? Das ist eher eine rhetorische Frage, aber nur so lange, bis man davon nicht betroffen ist.

Roland Fakler (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 14:09

Auch ich habe mich viel mit der Bibel beschäftigt, unter anderem, wie oft das Wort - gottlos - vorkommt und wie es verwendet wird. Das Ergebnis findet man hier. http://rolandfakler.de/?p=3768

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 14:57

Die übliche Be- und Vernebelung halt, Matthias; danke, dass du das ausgegraben hast!
Analog zur *Über*schätzung wäre die Entfernung HH - M übrigens völlig unmögliche 60.000 statt 600 km.

Roland Weber (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 16:14

Es dürfte niemanden überraschen, dass Christentumsgegner die Bibel in der Regel besser kennen als die Gläubigen - wenn man mal die "studierten und etablierten Glaubenshüter" mal außen vor lässt. Theologie ist schließlich Rhetorik, wie es der Pressesprecher Möller der gbs es auf den Punkt brachte.

Statt irgendwelchen Parolen zu huldigen, sollte man sich z.B. mal mit dem Verhältnis eines Jesus zu Paulus oder den Widersprüchen zwischen den Synoptikern und einem Johannes befassen. Da gäbe es hartes theologisches Brot zu beißen!

Dies schreibt einer, der sich über die Etablierungsstrategie des Christentums intensiv informiert, umfassend Literatur ausgewertet und dies auch in zwei Büchern zu Papier gebracht hat: Aus römischen Befriedungsinteresse für Juden bastelte man nach 70 dann ein für alle Welt geltendes Unterwerfungsgebot. Das Imperium scheiterte und die Kirche trat das Erbe an - ohne sich je die Inhalte (z.B. vehement gegen Reichtum und Hierarchie!) jemals zu eigen zu machen.
Wer keine historischen Hintergründe kennt, muss eben alles glauben, was man ihm auftischt.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Di. 7 Mai 2019 - 16:17

Nun Ja, da folge ich doch lieber Schneewittchen oder Sandmännchen das bringt mehr,
denn die fordern von mir weder Geld noch Gehorsam.
Kann man eine Justizministerin erst nehmen welche einen derartigen Unsinn verzapft.
Die einzigen die das ernst nehmen sind die Kollegen mit dem "C" im Logo und die leben
fern der Realität.

Kay Krause (nicht überprüft)

Do. 9 Mai 2019 - 08:13

Die Dame Hoffmeister gehört der evangelischen Kirche an und pflegt als Justizministerin des Landes Meck-Pom. engste Kontakte zur Ersten Kirchenleitung des Landes! So, wie übrigens auch alle anderen Landes-Regierungen Deutschlands, die Bunderegierung eingeschlossen! Komplette und totale kirchliche Unterwanderung der Politik! Und von diesen Politikern erwarten wir gutgläubigen und naiven Humanisten und Atheisten die Beendigung der kirchlichen Privilegien sowie der staatlichen Alimentierung?!
Ja, dafür braucht man wahrlich einen festen Glauben!
Also, was anderes als dieses Grußwort zum Bibel-Wettbewerb erwartet der Bürger (wähler) von dieser Frau?

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