Wie Politiker Religionen nutzen

modi-7753158_1280.jpg

Religiös anmutendes Portrait des hindu-nationalistischen indischen Premierminister Narendra Modi.

Er steht auf den Ruinen einer Moschee: der umstrittene Ram-Tempel in Ayodhya. Im Januar wurde er vom indischen Premierminister Narendra Modi eingeweiht. Hier zeigt sich die hässliche Seite des indischen Hinduismus. Es geht um Unterdrückung, Rache, Skrupellosigkeit und politische Macht.

Religionen und Glaubensgemeinschaften sind überzeugt, alle Ideale zu verkörpern, die zu einer besseren Welt führen. Als Hüter von Moral und Ethik glauben die Geistlichen, ihren Gläubigen den Weg weisen zu können, der sie zu vorbildlichen Wesen macht, die friedfertig, einfühlsam, respektvoll und tolerant durchs Leben gehen. Viele Gläubige sind überzeugt, von Gott beschützt und geleitet zu werden, auf dass sie ein gottgefälliges Leben führen können und schließlich das Heil auf ewige Zeiten erreichen.

Wirft man aber einen Blick auf die Welt und die Geschichte, beschleichen einen erhebliche Zweifel, ob Glaubensgemeinschaften aus ihren Mitgliedern bessere Menschen machen. Und ob sie einen positiven Einfluss auf Gesellschaft und Politik ausüben.

Unterdrückung und Rache

Es ließen sich unzählige Beispiele anführen, die belegen, dass recht viele Glaubensgemeinschaften und Religionen konfliktträchtig sind und mehr zu Auseinandersetzungen als zum Frieden beitragen.

Ein aktuelles Beispiel liefert die Einweihung des neuen hinduistischen Ram-Tempels in Ayodhya, der heiligen Stadt im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Hier zeigt sich die hässliche Seite des indischen Hinduismus. Es geht um Unterdrückung, Rache, Skrupellosigkeit und politische Macht.

Als Aggressor treten ausgerechnet Hindus auf, die im Westen gern als friedfertig und tolerant beschrieben und von vielen Ashrambesuchern als vorbildlich verehrt werden. Um den neuen Tempel schwelte jahrzehntelang ein blutiger Konflikt, weil er auf der Ruine der abgerissenen Babri-Masjid-Moschee aus dem 16. Jahrhundert erbaut wurde.

Nun wird der Ram-Tempel zum bedeutungsvollen hinduistischen Symbol hochstilisiert. Deshalb überrascht es nicht, dass Premierminister Narendra Modi seinen großen Auftritt bei der Einweihungszeremonie hatte.

Seine pathetischen Worte sprechen für sich: "Heute ist der 22. Januar 2024. Nicht einfach irgendein Datum im Kalender, sondern der Beginn einer neuen Ära." Nach Jahrhunderten der Geduld, unzähligen Opfern und Buße sei Lord Ram an seinen Geburtsort zurückgekehrt, sagte er.

Bezeichnend ist, dass seine Rede mehr mit Politik, denn mit Religion zu tun hatte: "Heute haben wir uns vom Denken der Sklaverei befreit und uns einer komplizierten Vergangenheit angenommen", behauptete Modi. "Die Zukunft aber sieht von nun an rosig aus. Wir erschaffen eine neue Geschichte."

Modi löste ein jahrzehntelanges Versprechen ein, an dieser Stelle einen Tempel zu Ehren des wichtigen Hindu-Gottes zu erbauen. Das monumentale Bauwerk gilt als Symbol für den Machtkampf mit der muslimischen Bevölkerung, die vielerorts in Indien unterdrückt wird.

Der neue Tempel ist nicht nur für die Gläubigen ein Prestigeobjekt, sondern auch für die Regierung des hindu-nationalistischen Premierministers Modi. Dieser griff tief in die Staatsschatulle, kostete doch allein die Tempelanlage rund 200 Millionen Franken. Gleichzeitig steckte er ein Mehrfaches in die Infrastruktur von Ayoydha, denn die Stadt sollte in einem Glanz erstrahlen, der dem Prunkbau die nötige Würde verleiht.

Rechtsstreit zu Gunsten der Hindus

Der Konflikt zwischen den Muslimen und den Hindus eskalierte im Dezember 1992 und führte zur Zerstörung der Moschee. Die blutige Auseinandersetzung forderte mehr als 2.000 Tote.

Es entbrannte ein Rechtsstreit, den schließlich das oberste Gericht 2019 entschied. Es kam wenig überraschend zum Schluss, dass die Hindus das Recht besäßen, auf diesem Grundstück einen Tempel zu errichten.

Bei der Einweihung des Prunkbaus trat Modi wie ein Priester auf. Er war in die traditionelle goldene Kurta gekleidet und leitete die religiöse Zeremonie im Allerheiligsten des Tempels.

Öffentliche Kritik gab es kaum, auch nicht von fortschrittlicheren Hindus. Schließlich war es ein wichtiges Fest für alle Gläubigen weltweit. Einzig die politische Opposition störte sich daran, dass Modi als Priester auftrat, denn im April finden in Indien Wahlen statt. Es war offensichtlich, dass der Premier die religiöse Monsterzeremonie als Wahlplattform nutzte.

Einweihung des Tempels als Wahlplattform

Die Opposition boykottierte die Einweihung. Sie wollte das Unrecht, das den Muslimen angetan worden war, nicht nachträglich legitimieren. Sie kritisierte, die Zeremonie sei eine Machtdemonstration der regierenden Hindu-Nationalisten.

Die Gläubigen wehrten sich nicht, dass sie politisch instrumentalisiert wurden. Sie verrieten damit ihre religiösen Werte und unterwarfen sich einem rücksichtslosen Politiker, der primär seine politische Karriere im Fokus hat.

Indien ist aktuell bei weitem nicht das einzige Land, in dem Politiker Religionen und Glaubensgemeinschaften für ihre persönlichen politischen Bedürfnisse missbrauchen. Ein auffälliges Beispiel ist die russisch-orthodoxe Kirche, die sich als aktive Kriegstreiberin im Dienst Putins gebärdet.

Andere Schauplätze sind Iran und Afghanistan, die schon weitgehend Gottesstaaten sind. Auch in vielen anderen Staaten, die von Diktatoren oder Autokraten regiert werden, lassen sich Geistliche und Gläubige zu willfährigen Instrumenten der demokratiefeindlichen Regierungen degradieren.

Machtziele der Religionsführer

Dabei verfolgen die Religionsführer ähnliche Machtziele wie die Politiker und verraten ihre religiösen Werte. Sie verlieren dabei ihre Glaubwürdigkeit und tragen ihren Teil zur schreienden Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Bevölkerung bei.

Die meisten Gläubigen weltweit sind wohl überzeugt, der Glaube habe aus ihnen bessere Menschen gemacht. Die Geschichte der Religionen und Glaubensgemeinschaften lassen aber Zweifel daran aufkommen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.

Unterstützen Sie uns bei Steady!