Tränengas und Blendgranaten: Trumps bizarrer Weg zum Bibelfoto

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Das weiße Haus in Washington, Amtssitz des US-Präsidenten
Das weiße Haus in Washington

Die Szenen, die sich am Abend des Pfingstmontag in Washington D.C. abspielten, wirken wahrlich grotesk: Donald Trump verkündet vor laufenden Kameras, er sei der Präsident "des Rechts und der Ordnung" und er stehe hinter friedlichen Demonstrationen – während gleichzeitig ein friedlicher Protest vor dem Weißen Haus unter Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und der Nationalgarde niedergeschlagen wird. Der Clou: Trump wollte ungestört zur einen Kilometer entfernten Kirche St. John's pilgern, um dort mit einer Bibel für die Kameras zu posieren. Die Kirche wurde bei einem Brand am Pfingstsonntag beschädigt.

In einem von CNN zusammengestellten Splitscreen-Video lassen sich die Ereignisse in Echtzeit nachvollziehen. 25 Minuten vor Beginn der für 19 Uhr angesetzten Ausgangssperre begannen Polizei und Nationalgarde, die Demonstration im Lafayette Park aufzulösen. Diese Bilder wirken umso martialischer, da lokale Polizeikräfte der Bundesstaaten in den letzten Jahren mit reichlich Militärgerät aufgerüstet wurden. Nachdem der Weg "geräumt" war, schritten Trump und seine Entourage durch die verwüsteten Überreste des Protests zum Fototermin. Darunter auch: Justizminister William Barr, der Washington Post zufolge verantwortlich für das harte Vorgehen gegen die Protestierenden. Das anschließende Shooting, aufgenommen von NBC, scheint nicht minder absurd: Der Präsident betrachtet das Buch zunächst mit einer an Ehrfurcht grenzenden Ratlosigkeit und hält es dann während der gesamten Kür mit der Rückseite in die Kamera. Die implizite Aussage: "Dies ist ein heiliger Krieg!"

Die Bürgermeisterin von D.C., Muriel Bowser, erkannte keine Provokation von Seiten der Demonstrierenden und bezeichnete das Vorgehen als "beschämend". Trump hingegen drängt auf den landesweiten Einsatz der Nationalgarde. In einem dem Guardian vorliegenden Mitschnitt eines Telefongesprächs mit Beteiligten verschiedener Bundesstaaten forderte der Präsident am Montagmorgen immer wieder, die Demonstrant*innen zu "dominieren". Es scheint, als hätte sich das Weiße Haus von der Realität seiner Bürger vollständig entkoppelt.

Die Aufnahmen aus D.C. zeigen auch, wie ein Kameramann von Sicherheitskräften angegriffen wird. Dies ist nicht das erste Mal seit Beginn der landesweiten Proteste, dass Journalist*innen gezielt ins Visier genommen werden: Reporter ohne Grenzen berichtete am 01. Juni über bisher 68 Angriffe auf Presseleute, darunter der Fall von Linda Tirado. Die Fotografin verlor ihr linkes Auge, nachdem sie von einem Gummigeschoss getroffen wurde. Journalist*innen sehen sich laut Reporter ohne Grenzen sowohl dem Beschuss mit Tränengas, Pfefferspray und Gummiprojektilen als auch tätlichen Angriffen der Protestierenden ausgesetzt. Auch ein Team von Reuters und eines der Deutschen Welle wurden von Polizeikräften angegriffen.

Neben dem US Press Freedom Tracker dokumentiert der Journalist Nick Waters Angriffe auf Medienschaffende und deren Verhaftung. 211 Verletzungen der Pressefreiheit wurden zwischen dem 29. Mai und dem Morgen des 3. Juni 2020 gemeldet. Das Investigativmagazin Bellingcat, für das auch Nick Waters arbeitet, sammelt Foto- und Videomaterial der Übergriffe. In einigen ist zu sehen, wie Journalist*innen gezielt aufgrund ihrer Tätigkeit angegriffen werden.

Screenshot
Screenshot

Diese Ereignisse, so schrecklich sie sind, dürfen nicht verwundern. Trumps rhetorisches Säbelrasseln der letzten Jahre hat den Weg bereitet für diesen fundamentalen Angriff auf Presse und Pressefreiheit. Nachdem sich der Rauch in D.C. verzogen hatte und die Bibel abgelichtet war, griff Trump noch einmal zum Smartphone und twitterte: "Überwältigende Macht. Dominanz. Danke, Präsident Trump!" Es dürfte das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten sein, dass ein amtierender Präsident sich selbst dafür beglückwünscht, auf die Presse schießen zu lassen.

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