Wer fordert hier Konversionstherapie?

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Christopher Street Day am 27. Juli 2019 in Berlin.
Christopher Street Day am 27. Juli 2019 in Berlin.

"Ich bin nicht queer, ich bin schwul", sagte Jens Spahn mal. Dem Begriff "queer", einst als Schimpfwort genutzt und über Jahrzehnte erst als ironische, dann affirmative Selbstbezeichnung zurückgeholt, droht erneut die Umdeutung ins Abwertende, bisweilen gar Pathologische. Diesem Prozess sollten wir entschieden Paroli bieten. Eine Replik.

Mitte August veröffentlichte der Humanistische Pressedienst den zweiten Teil eines Auszugs eines Working Papers, das sich mit der Herausarbeitung inhaltlicher Parallelen zwischen einigen prominenten Vertreter*innen verschiedener queerfeministischer Theorien und dem radikalen Islamismus befasst.

Da wir es hier mit einem abstrahierten Arbeitspapier zu tun haben, wird auf eine qualitative Kritik der Nebeneinanderstellung von Davis, Butler, Puar und dem radikalen Islamismus verzichtet – da würde ich gerne erst einmal das fertige Paper lesen. Als Mensch, der lange Zeit in Israel verbracht und die unfassbare Komplexität dieses Landes aus nächster Nähe bestaunt hat, kann ich nur sagen: In der Tat könnten sich intersektionale Methoden ganz hervorragend an Israel messen – und es ist eine Schande, dass sie es nicht tun. Es ist eine Schande, mit welcher Unkenntnis aller soziohistorischen Vorbedingungen manche Theorien eine simple Linie im Sand der Negev ziehen.

Der Text bedient sich allerdings eines Framings, das aus den Queers for Palestine und einzelnen queerfeministischen Theorien generalisierte Rückschlüsse über alle queeren Menschen zieht. Rückschlüsse, die diese Menschen in die Nähe der Psychopathologie rücken und einen scheinbar unüberwindbaren Graben zwischen den Identitäten "homosexuell" und "queer" beschwören, der einerseits keine solide Grundlage in der Datenbasis hat und andererseits die Existenz von Bi- und Pansexualität außer Acht lässt. Hier wird nicht nur die Arbeit einiger Akademiker*innen als Türöffner für den radikalen Islamismus gedeutet, sondern das Konzept von Gender an sich. Queeren Menschen gegenüber wird damit letztendlich just die Forderung gestellt, für die Spielarten des Queerfeminismus zurecht kritisiert werden: Konversionstherapie.

Ein Gender haben immer nur die Anderen

"Den Anfang macht eine Schiefheilung durch Begriffe wie 'Genderidentität' oder 'nonbinary': Queere Menschen argumentieren meist ex negativo, dass sie sich 'nie ganz als Frau' oder 'als Mann' definiert haben. Damit begründen sie ihre Abweichung von der jeweiligen Geschlechtsidentität oder untermauern ihre Hinwendung zu dieser im Sinne einer Transition zum Transmann oder zur Transfrau. Suggeriert wird somit, dass sogenannte Cis-Frauen oder Cis-Männer immer und zu jeder Zeit eine vollständige Einheit von innerer, äußerer, sozialer und biologischer Geschlechtlichkeit erleben. 'Jahrhunderte der Familienzwänge, der Zwangsheirat, der erzwungenen Schwangerschaft, der Verbannung in die Küche, also Jahrhunderte der Passivierung, [entsprächen; Anm. d. A.] eigentlich bruchlos der Identität dieser Frauen', so die Politikwissenschaftlerin Chantalle El Helou. Wenn queere Menschen sich darüber hinaus als non-binär empfinden, impliziert dies folglich, dass die äußeren Pole 'binär Mann' und 'binär Frau' grundsätzlich als starr, eindeutig und traditionell zementiert gelten."

Zunächst einmal ist es verwunderlich, dass der Text eingangs die Psychopathologisierung qua Münchhausen-Syndrom als zu kurz gegriffen ablehnt, direkt im nächsten Satz allerdings eine noch viel tiefgreifendere Psychopathologisierung vornimmt. Der ernstgemeinten Nutzung des Begriffs "Schiefheilung" im Kontext von Gender muss entschieden widersprochen werden. Das ist die Terminologie der Psychoanalyse, genauer gesagt der Psychoanalyse des Antisemitismus, der für das Individuum wie ein Nocebo gegen die tatsächlichen Probleme wirkt. Das ist die Gleichsetzung einer menschenfeindlichen, genozidalen Ideologie, deren Blutrausch als Ersatzbefriedigung dient, mit einer unwillkürlichen Eigenschaft.

Diese Grundannahme, die trans Menschen und das Konzept einer Geschlechtsidentität an sich in den Bereich der Neurose rückt, zieht sich bedauerlicherweise durch die gesamte Argumentation. Hier wird nicht nur die eigene Interpretation von Verhaltensweisen zu einem universellen Wirkmechanismus verallgemeinert, sondern im Hinblick auf das Konzept der Geschlechtsidentität auch mit zweierlei Maß gemessen.

Durch ihre bloße Existenz suggerieren trans Menschen angeblich, dass cis Menschen in vollständiger Harmonie mit ihrer inneren, äußeren, sozialen und biologischen Geschlechtlichkeit leben müssten. In der praktischen Realität übersieht diese Position einen fundamentalen Aspekt des cis Seins. Was gemeinhin gender-affirming care genannt wird und im Kontext von Transgeschlechtlichkeit meist Maßnahmen wie die soziale Transition, Hormonersatztherapie oder operative Geschlechtsangleichung meint, existiert auch für cis Menschen. Genderinkongruenz und -dysphorie sind nicht auf trans Menschen beschränkt.

Jedes kosmetische Brust-, Po-, Haar- oder Wadenimplantat ist Ausdruck einer Inkongruenz zwischen der gewünschten und wahrgenommen Geschlechtlichkeit. Jede kosmetische Penis- oder Hodenoperation ist Ausdruck einer solchen Inkongruenz. Penuma, das einzige in den Vereinigten Staaten von der FDA freigegebene kosmetische Penisimplantat, wurde in den letzten 17 Jahren 5.000 mal, nennen wir es, "verbaut". Vor kurzem titelte der Schweizer Rundfunk: "Penisvergrösserung im Trend – Warum immer mehr Männer 'einen Grösseren' wollen". Seit jeher schon hat der Mensch Mittel und Wege gesucht, sei es Kopfschmuck, sei es Körperkunst oder sei es das Skalpell, um empfundenen Idealen von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" nachzueifern sowie diese zu transzendieren. Das hat nichts mit der (Post-)Moderne, nichts mit sozialem Konstruktivismus und nichts mit Queerness zu tun – das ist menschlich.

Wenn nun aber die Tatsache, dass sich jemand einen Feuerwehrschlauch an die Hüfte schrauben oder Haarfollikel in die voranpreschenden Geheimratsecken transplantieren lässt, mir suggeriert, ich müsse in vollständiger Harmonie mit meinem eigenen Embodiment leben und mir diese Suggestion außerdem problematisch erscheint, dann ist das einzig und allein mein Bier. Inwiefern ist dafür der Mensch verantwortlich, der diesen Eingriff hat vornehmen lassen? Zu managen, welche Fragen und Gefühle durch die eigene Existenz in anderen aufgeworfen werden, ist genauso wenig Aufgabe queerer Menschen in der Öffentlichkeit wie es die Aufgabe eines Pornodarstellerin im Bibelkreis oder eines Veganers beim Grillfest ist.

Der soziale Kontruktivismus hat keine Hegemonialstellung

Die Existenz nichtbinärer Menschen "impliziert" dem Autor zufolge, dass besagte Menschen die Enden des Spektrums als "starr, eindeutig und traditionell zementiert" wahrnehmen – zu starr, anscheinend, sodass die Flucht in Richtung einer neuen Identität angetreten wird. Erstens: Es gibt nichtbinäre Menschen, die das so sehen. Hieraus nun aber eine allgemeingültige Aussage abzuleiten, greift zu kurz. Zweitens: Selbst wenn, na und? Woher die Überzeugung, dass man gesellschaftliche Rollen annehmen müsse, um sie aufzubrechen?

Nichtbinär ist ein großes begriffliches Dach, unter dem sich Konzepte wie genderfluid und agender tummeln. Ein pronounciert maskulines oder feminines Auftreten und eine nichtbinäre Geschlechtsidentität schließen sich nicht aus. Wir finden unter diesem Dach Menschen, die ihre Geschlechtsidentität und -expression dynamisch wahrnehmen und ausleben. Wir finden aber auch Menschen, die mit diesen Begriffen überhaupt nichts anfangen können.

Der Aussage, Butler würde eine "Entkörperung" vornehmen, muss ich widersprechen. Butler schrieb bereits 1995, Ziel müsse eine Rückkehr zu "(dem) Körper als einem gelebten Ort der Möglichkeit, dem Körper als einem Ort für eine Reihe sich kulturell erweiternder Möglichkeiten" sein.1 Der Queerfeminismus nach Butler nimmt eben gerade keine kategorische Trennung von sex und gender vor, sondern betont den normativen Charakter der rhetorischen Wechselwirkung zwischen diesen beiden Konzepten: "Das Benennen setzt zugleich eine Grenze und wiederholt einschärfend eine Norm".2

Es muss in diesem Zusammenhang außerdem erwähnt werden, dass ein radikaler linguistisch-sozialer Konstruktivismus weder im akademischen, noch im aktivistischen Kontext, noch im Alltagsleben queerer Menschen unwidersprochener Konsens der Mehrheit ist. In jedem Plenum eines queeren Kulturvereins bekommt man für die Aussagen, Gender sei zu 100 Prozent sozial konstruiert, Gender sei zu 100 Prozent biologisch determiniert und Gender sei eine Konsequenz sozialer und biologischer Faktoren, die eine für jeden Menschen individuelle Schnittmenge ("Selfgender") ergeben, wie es etwa der verstorbene Sexualwissenschaftlicher Volkmar Sigusch postulierte, gleichermaßen Gegenwind.

Es existiert weder eine universelle Gleichsetzung noch eine universelle Trennung von sex und gender, sondern vielmehr eine Myriade im Wettbewerb stehender Hypothesen in den Queer Studies dahingehend, wie fortpflanzungsbiologische, endokrinologische, neurologische und soziokulturelle Faktoren das Verhältnis dieser Konzepte zueinander beeinflussen. Anders als der Autor einleitend behauptet, existieren eine Menge positive Definitionen des nichtbinären Embodiments, die essentialisierende Identitätspolitiken ablehnen und dennoch all die genannten Varianten umfassen, ohne dabei eine Entkörperung vorzunehmen.

Eine davon findet sich unter dem Stichwort neuroqueer(-ing). Hier wird Gender, vereinfacht zusammengefasst, als Konsequenz eines verkörperten Nervensystems verstanden, das auf bestimmte Art und Weise – affirmativ oder ablehnend – auf bestimmte soziale, sensorische und somatische Reize reagiert. Walker, Michaels-Dillon und Yergeau greifen mit diesem Konzept einen in der Diskussion um geschlechtliche und sexuelle Diversität nur selten thematisierten Punkt auf: Wir reden permanent über Gene und Gameten, aber nie über Gehirne.

Homosexualität und Queerness sind keine Gegenspieler

"In extremen Ausprägungen des Queerfeminismus geraten Homosexuelle zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Der Vorwurf: Ihr Begehren richte sich exklusiv auf bestimmte primäre Geschlechtsmerkmale – sofern diese aus queerfeministischer Sicht überhaupt existieren. (…) Diese Perspektive blendet den objektbezogenen Charakter sexueller Orientierung aus – besonders problematisch für Homosexuelle, die lange für ihr gleichgeschlechtliches Begehren kämpfen mussten."

Diese Antagonisierung verkennt das komplexe Zusammenspiel zwischen Gender und Sexualität, das wir in der Datenlage finden. Dass es ein Subset der trans Community gibt, das Homosexualität als falsch verstandene Transgeschlechtlichkeit interpretiert, ist korrekt und grauenvoll. "Transing gays" ist genauso falsch wie jede Konversionstherapie. Weswegen die Antwort hierauf auch nicht lauten kann: "homofying trans".

Denn neben einem objektbezogenen, gibt es auch einen subjektbezogenen Charakter sexueller Orientierung. Konstitutiert wird dieser unter anderem durch individuelle Charakterzüge der jeweiligen Menschen, zu denen man sexuelle Anziehung empfindet, und durch die konkret vollzogenen Sexualpraktiken, genannt Kinks, die objekt-, aber auch verhaltens- oder charakterorientiert sein können.

Sexuelle Orientierung am Genital festzumachen ist nur eine Facette und ignoriert wiederum die mannigfaltigen Ausprägungen menschlicher Homo-, Bi- und Pansexualität sowie die Existenz von Intergeschlechtlichkeit. So konstatierte Sigusch: "Während die alte Sexualität primär in sexuellem Trieb, Orgasmus und dem heterosexuellen Paar verankert war, drehen sich Neosexualitäten hauptsächlich um Genderdifferenzen, Thrills, Selbstgratifikation und prosthetische Substitution."

Diese Mannigfaltigkeit zeigt sich in der Lebensrealität queerer Menschen im Beziehungskontext. So offenbart ein Blick auf die alle vier bis fünf Jahre durchgeführten Befragungen der European Fundamental Rights Agency (FRA), dass auch trans Menschen homosexuelle Beziehungen führen. Die Daten zeigen auch, dass ein nicht zu vernachlässigender Anteil bi- und pansexueller cis Menschen Beziehungen mit Personen führen, die nichtbinär, also trans, sind:

92 Prozent der schwulen trans Männer in Deutschland geben das Gender ihres Partners mit "Mann" an. 90 Prozent der lesbischen trans Frauen in Deutschland geben das Gender ihrer Partnerin mit "Frau" an. Der EU-Mittelwert für diese Angaben liegt bei 80 respektive 88 Prozent.

Fünf Prozent der bi- und elf Prozent der pansexuellen cis Frauen in Deutschland geben das Gender ihrer Partner*in als nichtbinär an. Für bi- und pansexuelle cis Männer liegen diese Werte bei neun beziehungsweise 18 Prozent.

Filtern wir nicht nach sexueller Orientierung, geben in Deutschland sechs Prozent der cis Frauen und drei Prozent der cis Männer das Gender ihrer Partner*in mit nichtbinär an. Die EU-Mittelwerte liegen bei vier beziehungsweise zwei Prozent.

Interessanterweise stellte die FRA auch die Frage: "Identifizierst du dich als queer?". Hierauf antworten 80 Prozent aller lesbischen cis Frauen und 68 Prozent aller schwulen cis Männer in Deutschland mit "Ja".

Woher also dieser vermeintliche Antagonismus zwischen den Eigenschaften "homosexuell" und "queer"? Macht es einen schwulen Bottom weniger schwul, wenn der eigene Partner trans ist und noch keinen Penis hat, sondern sich einen umschnallt? Macht es eine lesbische Frau weniger lesbisch, wenn die eigene Partnerin trans ist? Sind ein trans Mann und sein cis Partner prä-OP heterosexuell, post-OP homosexuell oder von vornherein bi- oder pansexuell? Agieren cis Frauen, die mit nichtbinären Menschen zusammen sind, mittelbar frauenfeindlich, weil sie durch ihre Partnerschaft einer Regression des Konzepts von Weiblichkeit Vorschub leisten? Und mit welchem Recht schwingen wir uns hier eigentlich auf, den privatesten Bereich des Lebens Anderer, Beziehung und Sexualität, fein säuberlich in die "richtigen" Schubladen einsortieren zu wollen?

Wem gehört ein Körper?

"Verschwindet das politische Subjekt 'Frau' als Anachronismus, droht auch der Verlust seiner Errungenschaften. Manifestationen wie Unisex-Toiletten, Akronyme wie FLINTA oder die Zulassung biologischer Männer im Frauensport zeigen eine Verdrängung von Frauen im Namen der 'kulturellen Aneignung' des 'Frau-Seins'. Bemerkenswert ist, dass Transfrauen zunehmend Zugang zu geschützten Räumen wie Frauengefängnissen oder Damensaunen erhalten – ein Vorgang, der als Fortschreibung männlicher Raumnahme im progressiven Gewand kritisiert wird. Das Brustbügeln – eine 'harmful traditional practice' aus West- und Zentralafrika – und das Binding, heute Teil mancher weiblich-männlicher Transition, eint die Feindseligkeit gegenüber dem weiblichen Körper und das Kaschieren seiner Silhouetten."

Menschen, die sich aus eigenem Antrieb die Brüste abbinden, weil sie sich damit wohler, selbstbewusster und authentischer fühlen, agieren also frauenfeindlich, weil sie den weiblichen Körper unsichtbar machen. Gilt das auch für Menschen, die sich die Brüste operativ vergrößern lassen? Demonstrieren diese eine Feindseligkeit gegenüber dem weiblichen Körper, weil sie diesen verzerren? Wer zieht die Linien, ab denen wir von "Unsichtbarmachung" und "Verzerrung" sprechen?

Einerseits finde ich es höchst irritierend, dass hier versucht wird, die Autonomie des Individuums der politischen Funktion des weiblichen Körpers nachzulagern. Andererseits ist das ein slippery slope mit fragwürdigen Konsequenzen.

Wenn wir diesen Gedanken zu Ende führen, wäre jede Form von freiwilliger Körpermodifikation ideologisch und antagonistisch, weil jeder Körper ein politisches Subjekt ist. Ganzkörpertätowierungen kaschieren die Zeichen voranschreitenden Verwitterung und wirken demzufolge altersdiskriminierend. Eine Person, die sich mit ihrer Körperform unwohl fühlt und sich durch Ernährungsumstellung und Ausdauertraining von einem BMI von 29 auf einem von 22 herunterarbeitet, betreibt Bodyshaming. Männer, die ihren Bizeps durch Testosteron- und Steroidgabe auf schwindelerregende Maße aufblasen, bisweilen so weit, dass sie sich für ein Hodenimplantat entscheiden, agieren feindselig gegenüber männlichen Körpern.

Diese Logik dreht sich im Kreis, weil die Grundannahme falsch ist. Menschen, die sich die Brüste abbinden, negieren nicht das politische Subjekt "Frau", sondern erschaffen ein neues politisches Subjekt, ob "trans Mann", "nichtbinär" oder, und auch das gibt es, "Frau ohne Brüste". Wer seinen Körper modifiziert, negiert nicht das politische Konzept "Mensch", sondern erweitert es.

Trans ist keine Ideologie und alle Konversionstherapien sind grundsätzlich menschenfeindlich

Die Argumentation des Autors läuft letztendlich auf eine sehr weit gefasste Generalisierung heraus: Trans Frauen agieren frauenfeindlich, weil sie in Frauenräume eindringen. Trans Männer agieren frauenfeindlich, weil sie die Facetten des weiblichen Körpers negieren. Nichtbinäre Menschen agieren frauenfeindlich, weil sie nicht mehr an der Befreiung des politischen Subjekts "Frau" von seinen historischen Fesseln mitarbeiten. Heißt, alle Queerness wirkt frauenfeindlich, selbst die biologisch weiblicher Menschen, wenn sie nicht explizit cisgeschlechtliche Homosexualität ist.

Der weibliche Körper selbst wird zum politischen, ja gar revolutionären Subjekt erklärt, nicht allerdings durch Entscheidung des Individuums, sondern durch normative Festschreibung von außen. Es wird eine scharfe Trennlinie gezogen zwischen den Körpern, die sich richtig verhalten und denen, die sich falsch verhalten. Man kann queerfeministische Ansätze aber nicht mittels Spivaks Methode der strategischen Essentialisierung kritisieren, wenn man diese Ansätze zeitgleich für die Nutzung dieser Methode anprangert.

Es ist in diesem Zusammenhang erhellend, dass der Text den Begriff "Transideologie" ernstgemeint nutzt. Ideologien kann man wechseln, sie sind in der Tat soziale Konstruktionen. Dieser Begriff verwandelt das Attribut trans von einer unwillkürlichen zu einer gewählten Eigenschaft und den Vorgang einer geschlechtlichen Transition damit zu einem per se ideologischen Akt, womit auch eine selbstgewählte Transition plötzlich fremdbestimmt wird. Durch dieses Prisma betrachtet existiert tatsächlich kein qualitativer Unterschied zwischen den iranischen Zwangstransitionen und selbstgewählten Transitionen – beide geschehen unter Zwang.

Hier wird eine Brücke zwischen dem Konzept des trans Seins an sich und einem totalitären Folterregime geschlagen. Die Konsequenzen dieser Gleichsetzung sind gravierend, denn so schließt sich der Kreis zum einleitenden Begriff der "Schiefheilung" durch Geschlechtsidentität: Worin bestünde dann die vermeintlich korrekte Heilmethode für die angebliche Neurose?

Logischerweise Aufklärungs-, wenn nicht gar Umerziehungsmaßnahmen, um trans Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Körperwahrnehmung sie nicht trans, sondern lediglich auf eine bestimmte Art und Weise "anders Mann", "anders Frau" oder "anders homosexuell" macht – also dieselbe Art von geschlechtsidentitätsbasierter, sozialkonstruktivistischer Konversionstherapie, die der Autor dem Queerfeminismus nachsagt.

Ich möchte mit einer letzten Statistik schließen. 29 Prozent aller von der FRA Befragten in Deutschland geben an, einer Konversionstherapie unterzogen worden zu sein. Nur acht Prozent bekunden, freiwillig einer solchen Behandlung zugestimmt zu haben und ganze 81 Prozent geben an, dass sie dieser Behandlung überhaupt nicht zugestimmt haben.

Unter schwulen cis Männern und lesbischen cis Frauen in Deutschland ist die Rate derer, die eine Konversionstherapie erfahren haben, gegenüber dem Durchschnitt leicht erhöht: 31 respektive 30 Prozent. 79 Prozent der schwulen cis Männer und 87 Prozent der lesbischen cis Frauen geben an, dieser Konversionstherapie nie zugestimmt zu haben. Die häufigste Form der Konversionstherapie ist den Angaben der Befragten zufolge verbaler Missbrauch durch Herabsetzung und Entwürdigung.

Trans Menschen wiederum erfahren noch öfter Konversionstherapie als homosexuelle cis Menschen. 45 Prozent aller trans Männer und 53 Prozent aller trans Frauen in Deutschland (unabhängig von sexueller Orientierung) geben an, eine Konversionstherapie mitgemacht zu haben. Diese Quoten sind nahezu identisch, egal ob wir nach allen, nach homosexuellen oder nach heterosexuellen trans Männern und trans Frauen filtern – was darauf hinweist, dass sich diese Konversionsversuche wohl gegen die Geschlechtsidentität richteten, nicht gegen die sexuelle Orientierung. 73 Prozent aller trans Frauen und 81 Prozent aller trans Männer in Deutschland geben an, keine freie Zustimmung zu diesen Maßnahmen gegeben zu haben. Auch hier präsentiert sich verbaler Missbrauch als häufigste Form der konversionstherapeutischen "Intervention".

Die Zahlen der FRA zeigen uns dasselbe, was uns auch die iranischen Zwangstransitionen und der vor dem US-Supreme Court liegende Fall Chiles v. Salazar zeigen: Jede Konversionstherapie ist eine zutiefst ideologische, in einem radikal puritanistischen Menschenbild verankerte, in direkter Opposition zur Menschenwürde stehende Gewalttat. Die Vereinten Nationen haben bereits festgestellt, dass Konversionstherapien ohne Zustimmung der Betroffenen als Folter im Sinne von Artikel 22 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu bewerten sind. Die UN-Menschenrechtsabteilung OHCHR hat schon 2020 ein Ende aller Konversionstherapien gefordert, egal ob für LGB oder für TQI+, egal, ob die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität das Ziel der Konversion ist. Statt also einen Graben aufzureißen zwischen verschiedenen Formen der Queerness, sollten wir uns darauf besinnen, wo der Feind der Diversität wirklich steht – nämlich in der Vorstellung, dass es eine "richtige" Art gibt, Mensch zu sein.

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1 Butler, Judith. Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin-Verlag, Berlin, Deutschland, 1995, S. 23. 

2 Ebd., S. 29