Algerien: Bouteflika als Präsident zurückgetreten

Im nordafrikanischen Algerien ist nach wochenlangen friedlichen Protesten Abd al-Aziz Bouteflika als Präsident zurückgetreten. Zuletzt hatte der 82-Jährige Bouteflika, der das Präsidenten-Amt 20 Jahre innehatte, auch wegen seines Gesundheitszustandes die Rückendeckung seiner Regierung und des Militärs verloren. Abdelkader Bensalah, enger Vertrauter Bouteflikas, soll nun für 90 Tage Interimspräsident werden und Präsidentschaftswahlen organisieren.

Nach 20 Jahren im Amt plante Abd al-Aziz Bouteflika, sich im April 2019 erneut als Kandidat für die Wahl des Präsidenten aufstellen zu lassen. Wochenlange friedliche Proteste der Bevölkerung und der Verlust des militärischen Rückhaltes jedoch ließen ihn am Dienstag, dem 2. April 2019, zurücktreten. Trotz massiver Kritik wurde der Bouteflika-Vertraute Abdelkader Bensalah Interimspräsident. Bensalah soll in den nächsten 90 Tagen Neuwahlen organisieren. Von Neuwahlen und einer neuen Regierung, die aus dem Schatten Bouteflikas tritt, erwartet sich die Bevölkerung eine weitreichende Verbesserung der Situation.

Zu den Erwartungen der Menschen in Algerien befragt, erklärt A.*, 38 und Apotheker in der Küstenstadt Oran, dass eine Lösung von Frankreich erwartet werde. Für viele Menschen scheint die Unabhängigkeitserklärung von 1962 nur auf dem Papier zu existieren. Französische Unternehmen hätten von der Automobilindustrie über die Pharmazie, die Zementherstellung, diverse Dienstleistungen und den Bankensektor alles im Griff. Selbst die wertvollsten Bodenschätze Erdöl und Erdgas seien noch großteils unter dem Einfluss des französischen Total-Konzerns.

Auch hätten unzählige Politiker in Algerien die französische Staatsangehörigkeit und ihren Wohnsitz in Frankreich. Das sei doch nicht normal, erklärt A. Als Apotheker reist er viel zu Fortbildungen durch ganz Europa, spricht neben Deutsch auch Spanisch und Englisch, lernt weitere Sprachen. Dass Politiker in diesem Umfang an andere Länder gebunden sind, sieht er nur in Algerien.

Neben der Abhängigkeit zu Frankreich, erklärt A. auch die verbreitete Korruption in Politik und Justiz zu einem großen Problem für die Bevölkerung. Wenngleich Frankreich natürlich nicht an allem schuld sei, was in Algerien nicht im Sinne der Bevölkerung funktioniere, schütze doch die französische Regierung korrupte algerische Politiker. So erhalte sich Frankreich weiterhin den weitreichenden Einfluss. Als Beispiele nennt A. ein deutsches Solarprojekt, welches, wie zahlreiche andere nicht-französische Projekte, ausgebremst werde.

Problematisch sieht A. die Fokussierung auf die französische Sprache in der Schule. Er glaubt, dass die Menschen besser dran seien, wenn sie auch oder stattdessen Englisch, Spanisch und Deutsch lernten. Wirtschaftlichen Erfolg sieht A. auch an Sprachen und vor allem bessere Bildung geknüpft. Im Bereich der Bildung und Ausbildung habe die neue Regierung einen wichtigen Auftrag.

Jedoch sei auch der Gesundheitssektor eine Herausforderung für die Nachfolge Bouteflikas. Die letzte Regierung habe die Gesundheitsbranche zerstört und sich bei notwendigen Behandlungen einfach ins Ausland begeben. Eine gute medizinische Versorgung Algeriens sieht A. als essentiell an.

A. fasst die Forderung der Menschen knapp zusammen: "Wer korrupt ist, soll die Regierung oder auch gleich das Land verlassen. Die Sektoren Bildung, Gesundheit, Justiz, Industrie, Landwirtschaft und Tourismus müssen zum Wohle aller reformiert werden. Unrechtmäßig geflossene Gelder müssen vor allem aus Frankreich, aber auch der Schweiz zurückfließen."

Die nächsten 90 Tage werden zeigen, welche Richtung Algerien einschlägt. Welche Kandidaten sich zur Präsidentschaftswahl aufstellen und welche Hoffnungen die algerische Bevölkerung in sie setzt. Bisher waren die Proteste gegen die Regierung Bouteflikas friedlich bis gar herzlich. Es wurde viel gesungen und getanzt, Polizei und Militär haben sich zurückgehalten und sogar mit Kindern gescherzt.


*A. möchte anonym bleiben.