Der Plan, soziale Angebote wie Kitas, Pflege und Beratung unter einem eigenen muslimischen Wohlfahrtsverband zu bündeln, sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Parallelstrukturen und mangelnder Integration. Die Teilnahme von Schura-Vertretern an umstrittenen religiösen Veranstaltungen zu Neujahr sorgte für zusätzliche Brisanz.
Die Welt berichtet über einen erneuten Vorschlag zur Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands. Der Rat der islamischen Gemeinschaften Hamburg, organisiert im Dachverband Schura Hamburg, möchte unter einem gemeinsamen Label verschiedene soziale Angebote bündeln, von interkulturellen Kindertagesstätten über kultursensible Pflegeleistungen bis zu Beratungsstellen und Jugendarbeit. Die Idee ist nicht neu, soll diesmal aber konkreter verfolgt werden. Der Vorstoß trifft jedoch auf deutliche Ablehnung. Nicht nur Fachleute wie der ehemalige Antisemitismusbeauftragte Hamburgs, Stefan Hensel, sondern auch säkulare Verbände wie der Zentralrat der Konfessionsfreien lehnen das Ansinnen grundsätzlich ab.
Kritiker wie Stefan Hensel halten einen eigenen muslimischen Wohlfahrtsverband für überflüssig, zumal in Hamburg etablierte Wohlfahrtsverbände bereits mit muslimisch und/oder migrantisch geprägtem Personal tätig sind. Kritisch sehen sie auch die politische Rolle der betreffenden Akteure. Die Schura Hamburg stand wiederholt in der Kritik, weil sie sich nicht eindeutig von Mitgliedsorganisationen distanziert habe, deren Haltung und Nähe zu verfassungsfeindlichen Positionen zumindest fragwürdig sei. Besonders problematisch sei über Jahre die schützende Haltung gegenüber der Blauen Moschee (Islamisches Zentrum Hamburg) gewesen, das Sicherheitsbehörden als mögliche Plattform für Hisbollah-nahe Einflussnahme einstuften und das vor anderthalb Jahren schließlich geschlossen wurde.
Solche Vorfälle verdeutlichen den Kritikern, dass Wohlfahrtsarbeit kein weltanschaulich neutraler Raum sei: Trägerorganisationen bringen immer Werte und Normen mit. Im konkreten Fall religiöse und gegebenenfalls politisch geprägte Narrative, die gesellschaftliche Integrationsprozesse beeinflussen können.
Noch grundsätzlicher setzt sich der Zentralrat der Konfessionsfreien für eine Abkehr von religiös gebundenen Sonderstrukturen ein. Er sieht im staatlichen Engagement für konfessionelle Träger ein System historischer Sonderrechte, das dem säkularen, verfassungsrechtlich gebotenen Prinzip der neutralen Staatlichkeit widerspricht. Im Zentrum des säkularen Arguments steht das "Projekt Artikel 140" des Zentralrats: Dieser Projektname bezieht sich auf die im Grundgesetz enthaltenen staatskirchenrechtlichen Bestimmungen (die aus Teilen der Weimarer Reichsverfassung übernommen wurden), die eine weltanschaulich neutrale, gleichbehandelnde Position des Staates zu einem zentralen politischen Ziel machen. Nach Ansicht der Konfessionsfreien wurde dieser Verfassungsauftrag nie vollständig umgesetzt. Stattdessen genießt insbesondere das christliche Kirchenrecht bis heute privilegierte Positionen im Arbeitsrecht und im sozialen Sektor, etwa Sonderregelungen für Caritas und Diakonie. Diese Privilegien würden nicht nur Arbeitsrechte einschränken, sondern auch strukturelle Ungleichbehandlung aller nicht-konfessionellen Beschäftigten stützen.
Der Zentralrat der Konfessionsfreien warnt davor, diese Sonderrechte auf weitere Religionsgemeinschaften auszuweiten, wie es bei einem muslimischen Wohlfahrtsverband der Fall wäre. Stattdessen plädiert er für die Abschaffung aller religiösen Sonderrechte und für eine konsequent säkulare Sozialpolitik: weltliches Recht für alle, statt konfessioneller Sonderregelungen. In einer multireligiösen Gesellschaft bedeute Gleichbehandlung nicht, jedem Glauben eigene staatlich anerkannte soziale Parallelstrukturen zu schaffen, sondern ein neutrales System, in dem soziale Dienste unabhängig von weltanschaulichen Bindungen entstehen und wirken können.
Eine ähnliche Kritik äußert die Kennerin islamistischer Netzwerke, Sigrid Herrmann, die in dem Vorstoß vor allem einen neuerlichen Versuch sieht, "öffentlicher Mittel habhaft zu werden" und "durch die Organisation von Gegengesellschaft" Integration zu vermeiden. Letzterer Vorwurf erhält besonders dadurch Gewicht, dass Mitglieder der Schura auch heute immer wieder durch den Besuch umstrittener Veranstaltungen auffallen. So nahm der Schura-Vorsitzende Fatih Yildiz zusammen mit dem SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Ali Kazanci an einer religiös geprägten alternativen Neujahrsfeier mit dem Titel "Tag der Eroberung von Mekka" teil, bei der einer der Hauptredner Özkan Yaman, ein Theologe mit bekannten Hamas-Sympathien, war. Der SPD-Abgeordnete veröffentlichte inzwischen eine Bitte um Entschuldigung ob seiner Teilnahme an der Veranstaltung in der Vahdet-Moschee.
Zusammengefasst lautet die Kritik am Vorstoß zur Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands, dass bestehende Angebote in der freien Wohlfahrtspflege den sozialen Bedarf bereits abdecken und sozialer Zusammenhalt und Integration stärker durch gemeinsame, neutrale Institutionen gefördert werden, die politische und religiöse Neutralität wahren und allen Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung gleichermaßen offen stehen. Grundsätzlich sollte der deutsche Sozialstaat nicht durch die Ausweitung konfessioneller Sonderrechte weiter "konfessionalisiert" werden.







17 Kommentare
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Kommentare
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
Falls sich der Humanistische Pressedienst als Verursacher von gesellschaftlichem Unfrieden positionieren will, war er mit der Wahl von Sebastian Schnelle als Autor äusserst erfolgreich:
die Dauerkritik an allem, das irgendwie "islamisch", "muslimisch" oder ähnliches ist, ist mittlerweile unübersehbar.
GeBa am Permanenter Link
Dabei sind ALLE Religionen in der Lage Menschen zu verdummen, egal wie sie sich nennen,
Ich mache da keine Ausnahmen, Religionen wollen alle nur Macht über die Menschen und Reichtum von den Menschen.
Joern Abolin am Permanenter Link
Ich finde, es gefärdet den gesellschaftlichen Frieden, wenn man es strikt vermeidet von solchen Problemen zu sprechen, um nur ja nicht als anti-muslimisch zu erscheinen.
malte am Permanenter Link
Weder in diesem Artikel noch in anderen auf dieser Seite lese ich eine "Dauerkritik an allem was irgendwie muslimisch ist". Kritisiert werden vielmehr Islamismus und andere reaktionäre Formen des Islam.
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
Nehmen Sie auch stellvertretende Antworten von anderen? Hier ist eine:
"SG aus E am 13. April 2025 - 19:33 Permanenter Link
Islam, Islamfeindlichkeit, Islamismus und Stimmung machen gegen den Islam beim 'hpd'? – Ich denke, wer sucht, der findet. Z.B. unter den Leseempfehlungen des Folgeartikels von Stefan Laurin: "Ramadan mit staatlich finanzierter Leuchtreklame – Einen Monat Freifahrtschein für den Politischen Islam" (1). Der Artikel steckt voller Triggerworte für 'Islamkritiker': Verbindungen ins islamistische Milieu, Kindeswohlgefährdung, Anpassungsdruck, Terrorgefahr, vorauseiliender Gehorsam, schrankenlose Machterweiterung einer Religion, die nicht durch die Aufklärung gegangen ist, religiöse Einmischung im zivilen Raum, Akteure aus dem Geflecht der islamistischen Muslimbruderschaft, legalistisch-islamische Unterwanderung im Gewand des Dialogs, die Unvereinbarkeit von Scharia und Demokratie, die groteske Schieflage des Umgangs eines multikulturellen Einwanderungslandes mit dem Islam. (…)“ der Rest des Kommentars von "SG aus E“: https://hpd.de/comment/94464#comment-94464
malte am Permanenter Link
Weil in einem (!) Artikel hier eine Organisation möglicherweise falsch eingeordnet wurde, attestieren Sie eine "Dauerkritik an allem, das irgendwie islamisch ist"? Das erscheint mir doch ziemlich überzogen.
malte am Permanenter Link
Außerdem wird in dem kritisierten Artikel doch gerade FÜR den liberalen Muslim Ourghi Stellung bezogen. Wie passt das mit "gegen alles, was islamisch ist" zusammen?
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
@ malte Ich suchte nach weiteren Kommentaren wie dem von "SG aus E" - "Islam, Islamfeindlichkeit, Islamismus und Stimmung machen gegen den Islam beim 'hpd'?" - und fand "malte",
Kommentieren Sie für den Humanistischen Pressedienst? Immer wenn ein Autor oder Artikel des Humanistischen Pressedienstes kritisiert sind, ist "malte" zur Stelle.
malte am Permanenter Link
Nein, ich kommentiere nicht für den hpd, das ist hier mein Privatvergnügen.
Aber warum suchen Sie eigentlich nach weiteren Kommentaren? Sollten Sie Ihre Position nicht unabhängig von der Meinung anderer Leser begründen können?
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
Stefan Fleischer: "(...) Ich stelle diesen Drift nach rechts beim hpd leider schon länger fest. Schade. (…)“
malte: "Wer aus der Tatsache, dass hier AUCH mal Fehlentwicklungen der Linken thematisiert werden, einen "Drift nach rechts" ableitet, der kann Politik offenbar nur als "Teamsport" (*) denken. (…)“ zitiert von hier: https://hpd.de/comment/99344#comment-99344
so etwas ist Ihr "Privatvergnügen"? Das macht Ihnen Vergnügen? (und ist "privat"?)
malte am Permanenter Link
Sie haben also einen anderen Kommentar von mir gefunden, der Ihnen irgendwie nicht gefällt. Okay.
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
@ malte "Dauerkritik an allem was irgendwie islamisch ist": wozu veröffentlicht der Humanistische Pressedienst denn andauernd Artikel?
Wenn Sie sich den von mir oben zitierten Kommentar von "SG aus E" einmal genauer anschauen, stossen Sie auf 2 weitere Autoren des Humanistischen Pressedienstes: Stefan Laurin und Moritz Pieczewski-Freimuth – worüber schreiben die beiden, wie auch Sebastian Schnelle? Soll ich Ihnen jetzt auch noch eine Liste der Artikel posten? Inhaltsangaben machen?
Und es geht nicht darum, ob mir Ihre Kommentare "gefallen", sondern darum, wie Sie - zu Ihrem "Privatvergnügen" (sic) - in auffälliger Art Autoren und Artikel des Humanistischen Pressedienstes verteidigen
malte am Permanenter Link
Wir drehen uns im Kreis. Mir ist durchaus bewusst, dass hier regelmäßig Artikel erscheinen, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen.
Tim Mangold am Permanenter Link
Ich glaube, dass wir wirklich mehr darüber könnten wie wir Sozialstaat konfessionsfrei auf die Reihe bekommen. An sämtlichen Religionen hängt leider immer auch die "böse Seite" dran, die man mMn.
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
Was es beim Humanistischen Pressedienst nicht gibt: muslimische Kommentator*innen:
Niemand wehrt sich gegen die Islam"kritischen" Artikel des Humanistischen Pressedienstes - wie auch? kann man sich sinnvoll gegen einseitige Artikel verteidigen?
Ich vermute, der Humanistische Pressedienst hat auch (kaum) muslimische Leser*innen. Damit hat er in meinen Augen seine Existenzberechtigung verloren: niemand braucht eine atheistische Plattform, auf der sich die Leser*innen gegenseitig in ihren Feindbildern bestätigen. Das einzig Sinnvolle wäre ein Dialog, ein kritischer Dialog.
(ich habe mir im Rahmen meines Streits mit "malte", siehe die Kommentare oben, einmal genauer angeschaut, wer beim Humanistischen Pressedienst kommentiert, und wie. Das Ergebnis ist erschreckend)
malte am Permanenter Link
Mir wäre es auch lieber, wenn der hpd mehr Menschen außerhalb der eigenen Blase erreichen würde. Das Problem hat diese Seite allerdings mit allen im weitesten Sinne parteiischen Medien gemein.
Eine Website mit Kommentarfunktion sehe ich jetzt auch nicht als die ideale Plattform für einen Dialog.
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
@ malte Wenn beim Humanistischen Pressedienst aus der Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbandes so etwas wie die Gründung einer terroristischen Vereinigung wird: ist das "parteiisch", oder doch etwas g
Ich bedaure, den Artikel von Sebastian Schnelle gelesen zu haben: verlorene Zeit. Aber ging ja schnell. Am längsten hat noch die Recherche zur, Zitat Schnelle, "Kennerin islamistischer Netzwerke, Sigrid Herrmann" gedauert. Ich sage dazu nichts, was ich dazu zu sagen hätte, wäre nicht nett.
Inzwischen gehe ich davon aus, dass die Leserzahlen des Humanistischen Pressedienstes sehr klein sind. Die Redaktion sollte sich mal ernsthaft fragen, was sie da macht.