Kaum ein Tier spiegelt im Iran die Brüche zwischen Antike, Religion und Moderne so deutlich wie der Hund. Von den alten Persern als Schutzwesen verehrt, in islamischen Überlieferungen zum unreinen Geschöpf erklärt und in der Gegenwart von Tierschützern verteidigt, ist der Hund im Iran längst zu einem Symbol gesellschaftlicher Auseinandersetzungen geworden.
Wächter und Gefährte
In der altpersischen Religion war der Hund ein ehrwürdiges Wesen. In den Gathas, den Hymnen des Zoroastrismus, lässt Ahura Mazda, der Schöpfergott, verkünden: "Wenn es den Hirtenhund oder den Haushund nicht gäbe unter meinen Geschöpfen auf dieser Erde, dann bliebe kein Haus und keine Wohnstatt bestehen." So wurde der Hund in den Rang eines unentbehrlichen Wächters erhoben.
Die alten Iraner sahen im Hund einen Hüter des Hauses, Beschützer der Herden und Wächter der Menschen. Auch im Mithras-Kult, der älter ist als der Zoroastrismus, erscheint er als treuer Begleiter des Gottes Mithras. Hunde hatten damit nicht nur eine praktische Funktion, sondern auch einen spirituellen Rang. Sie waren Schutzwesen zwischen Welt und Jenseits, Verkörperungen von Treue, Loyalität und Stärke.
Die Verehrung des Hundes war tief im Alltag verankert: So verschmolzen im alten Iran seine mythische Rolle und sein alltäglicher Nutzen.
Islamische Umdeutung: Vom Gefährten zum "najis"
Mit der Islamisierung ab dem 7. Jahrhundert wandelte sich dieses Bild grundlegend. Auffällig ist, dass der Koran selbst keine Stelle enthält, die den Hund ausdrücklich als unrein bezeichnet. In drei Suren wird er erwähnt:
In Sure 18, der Geschichte von den "Gefährten der Höhle", ruht er am Eingang der Höhle, als wachsamer Begleiter, nicht als Makel.
In Sure 5:4 erlaubt der Text ausdrücklich den Verzehr von Wild, das von Jagdhunden erlegt wurde.
In Sure 7:176 wird ein abtrünniger Gelehrter mit einem hechelnden Hund verglichen, als moralische Metapher, nicht als Reinheitsgebot.
Die Vorstellung des Hundes als najis (unrein) entwickelte sich erst in den Hadithen, den Überlieferungen. Besonders in schiitischen, etwa von Imam Sadiq, wird der Hund als schmutzig erklärt. Damit wurde seine Haltung auf wenige Zwecke, Jagd und Wachschutz, reduziert.
Diese Verschiebung hatte weitreichende Folgen: Der Hund wurde aus der häuslichen Sphäre verbannt. Seine Nähe galt als religiös problematisch, sein Anblick in der Öffentlichkeit wurde zu einem Symbol kultureller Differenz. Picknicks mit frisierten Hunden gelten Islamisten heute als Symbol westlicher Kulturinvasion.
Mit der Revolution von 1979 griff die Islamische Republik Iran die Unreinheitsdogmen auf und machte sie zum politischen Instrument. Ayatollah Khomeini, der als antiimperialistisch gefeierte Revolutionsführer stufte schon die Haltung von Hunden eindeutig in die Kategorie der Nejasat, der Unreinheit. Der Hund sei von seiner Natur her unrein.
So erklärte ein prominenter Geistlicher, die "Freundschaft mit Hunden" sei Ausdruck der Nachahmung westlicher Kultur. Ayatollah Khamenei bezeichnete die Haltung von Hunden als "tadelnswert", sofern sie nicht für Jagd oder Wachdienste eingesetzt würden. In den vergangenen Jahren hat die Sittenpolizei ihre Eingriffe nochmals verschärft. In Teheran und zwanzig weiteren Städten wurde das Spazierengehen mit Hunden verboten, offiziell im Namen der "öffentlichen Gesundheit". Der Rekurs auf Hygiene als ideologische Rechtfertigung erinnert an die Rhetorik totalitärer Regime, die, wie im Nationalsozialismus, Begriffe wie "Reinheit" und "Volksgesundheit" zur Legitimation von Unterdrückung missbrauchten.
Auch im islamistischen Parlament, das keine echten Volksvertreter kennt, sondern nur Gefolgsleute des Obersten Führers, wurde die Haustierhaltung als "schädliches Problem" diffamiert. Der Hund geriet ins Visier ideologischer Propaganda: Er wurde zur Projektionsfläche, um Abgrenzung vom Westen und Loyalität zur islamischen Ordnung zu demonstrieren.
Grausame Praxis: Fangaktionen und Tötungen
Die politische Rhetorik findet ihren Ausdruck in brutaler Praxis. In zahlreichen Städten werden Hunde von kommunalen Fangtrupps aufgesammelt. Offiziell heißt es, man wolle Seuchen verhindern oder die Bevölkerung vor streunenden Tieren schützen.
Tierschutzaktivisten dokumentieren immer wieder Massenaktionen, bei denen Hunde durch Giftspritzen, Säureinjektionen, Kalkverschüttung oder Schüsse getötet werden. Bilder von blutenden und sterbenden Tieren gelangen regelmäßig in Soziale Medien und lösen Empörung aus. Die Stadtverwaltungen rechtfertigen dies mit Effizienz, Medikamente und Kastrationsprogramme seien zu teuer.
Die Kontrolle streunender Tiere wird oft der Abfallwirtschaft übertragen. Die Einstufung des Hundes als unrein, begleitet von der Propaganda, Haustierhaltung sei ein westlicher Import, erleichtert es, Tötungen und Tierquälerei nicht als Grausamkeit, sondern als religiös legitimierten Akt darzustellen, auch wenn viele Iraner diesen religiösen Mythen längst keinen Glauben mehr schenken.
Kein Wunder, dass Iran neben Aserbaidschan im Bewertungssystem des "Animal Protection Index" mit der Note G die schlechteste Einstufung im Bereich Tierschutz erhielt. Der Kontrast zu westlichen Rechtsordnungen könnte größer kaum sein: In Deutschland ist der Tierschutz verfassungsrechtlich verankert, das Tierschutzgesetz verbietet ausdrücklich, Tieren unnötige Schmerzen zuzufügen. Im Iran hingegen wird Tierquälerei durch religiöse Dogmen legitimiert und staatlich organisiert.
Wachsende Gegenwehr: Hundehalter und Tierschützer
Doch das religiöse Dogma beginnt zu bröckeln. Trotz staatlicher Verbote und Schikanen wächst die Zahl der Hundebesitzer. In den Städten halten junge Paare kleine Hunde in ihren Wohnungen, wohlhabende Familien leisten sich Rassehunde, wird berichtet. Zugleich dokumentieren Hundeliebhaber Missstände und engagieren sich, um streunende Tiere zu retten.
Besonders aufsehenerregend war die Initiative des Klerikers Seyed Mehdi Tabatabai, der ein Tierheim für herrenlose Hunde gründete. Sein Engagement widerspricht offen der offiziellen Ideologie und deutet zugleich auf Spannungen zwischen dem offiziellen Staatsklerus und jenen Klerikern hin, die sich der herrschenden Linie nicht gänzlich beugen.
Damit ist der Hund weit mehr als ein Tier. Er ist zum Symbol geworden, für den Gegensatz zwischen altiranischer Wertschätzung und islamischem Dogma, für den Konflikt zwischen staatlicher Ideologie und moderner Zivilgesellschaft. Aus einem ehrwürdigen Schutzwesen ist ein verfolgtes Lebewesen geworden, das das Regime ächtet und das manche Iraner gegen alle Widerstände verteidigen. Der Hund im Iran spiegelt damit eine Gesellschaft im Umbruch: zwischen archaischer Verehrung, religiöser Stigmatisierung und dem leisen Aufbegehren moderner Tierschützer.







7 Kommentare
Kommentare
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Dieser Artikel hat in mir ein Würgen im Halse hervorgerufen, da ich seit 60 Jahren Hunde
kluger und lieber Border Collie welcher unser Leben bereichert, was der Iran jetzt mit Hunden macht, ist eine Gemeinheit des Islam mehr zu allen andern Übeln der dortigen Religion.
Matt Sand am Permanenter Link
Der Islam, lieber Gerhard Baierlein, ist nicht gemein, er ist nicht freundlich – er ist nur so gut wie die Menschen, die sich ihm zurechnen und seine Entwicklung steuern.
lachmann am Permanenter Link
Die Bezüge im Text zu Deutschland finde ich problematisch.
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Und was hat ihr Kommentar jetzt mit dem Artikel zu tun bitte ?? In diesem geht es darum wie der Iran mit Hunden umgeht, vom besten Bewacher und Freund zum überflüssigem Schlachtvieh.
Matt Sand am Permanenter Link
Auch in den westlichen Ländern ist die Behandlung von Hunden als geliebte, oft verhätschelte Weggefährten in der heute üblichen Form ziemlich neu.
Hier wird ein generelles Problem von Entwicklungs- und Schwellenländern auf religiöse Dogmen herabgeredet, um der Liste der Vorwürfe, die der islamischen Theologie gemacht werden, einen weiteren hinzufügen zu können. Dabei zeigt die Tatsache, dass Theologen sich seit Jahrhunderten mit dem Status und der Behandlung von Tieren auseinandersetzen, ja gerade, dass Grausamkeit gegenüber Tieren sich auch im Islam nicht von selbst versteht. Ein "westliches" Verhältnis zu Hunden ist im Gottesstaat Iran deshalb nicht gewünscht, weil es die Kontaktaufnahme zwischen Menschen fördert und potenziell politische Vernetzung vorbereitet. Solche politisch motivierten Vorschriften müssen logischerweise religiös nachzementiert werden. Dass das Verhältnis der Menschen zu Hunden im persischen Kulturraum sich durch den Islam fundamental gewandelt habe, ist aber eine gefährlich fragile Suggestion, weil sie sich anhand von Einzelnormen nicht beweisen lässt.
Es wäre naiv, zu erwarten, dass in einem Land wie dem Iran – gebeutelt vom Klimawandel, mit allen Problemen einer in den letzten hundert Jahren vervierfachten Bevölkerung konfrontiert – Humanität gegenüber Straßenhunden oben auf der Prioritätenliste stehe. Das tut sie in Ländern mit vergleichbaren Problemen nirgends. Von einem rein humanitären Standpunkt aus ist es auch grausam, durch als religiös verdienstvoll geltendes Füttern (wie etwa in Südostasien) eine aggressive wilde Hundepopulation heranzuziehen. Man wird aber nicht so leicht einen kritischen Artikel über buddhistische Theologie finden, der das anspricht. (Übrigens setzt Jesus in den Evangelien Menschen abwertend mit Hunden gleich und ist der Tonus gegenüber Hunden in der Bibel allgemein ziemlich geringschätzig.)
K.A. am Permanenter Link
Von drei Jungtieren, die der Mutter entrissen werden, werden weltweit zwei umgebracht, da sich nur eins verkaufen lässt. Dieses Tier wird auf den Menschen geprägt.
Wer möchte so etwas einer anderen intelligenten Lebensform antun? Endet Humanismus an der Artgrenze?
Lachmann am Permanenter Link
Ich habe Berichte aus Bulgarien und der Türkei gelesen, in den geschildert wird, dass verwilderte Haushunde Menschen angegriffen haben, Menschen verletzt und getötet. Alte Menschen oder Kinder.
Das erinnert mich an das Angebot Botswanas: "Wir schenken Deutschland 20000 Elefanten"