Hast du manchmal den Anflug gehabt, dass deine Bücher wie deine Kinder sind, deine geistigen Kinder? Deren Erfolg du begleitest, deren Nicht-Anerkennung nicht begeistert ...
Nein. Für Männer kann das nahe liegend sein, Bücher als geistige Kinder zu betrachten, aber als Frau habe ich einfach andere Maßstäbe, was Kinder betrifft.
Es gibt biologische Kinder und die Bücher sind keine Kinder?
Im Grunde vergesse ich meine Bücher früher oder später. Was mir mit Kindern und Kindeskindern nicht passiert.
Samuel Beckett wurde einmal gefragt, warum er das Stück „Warten auf Godot“ geschrieben habe und er gab die meines Erachtens bezaubernde Antwort: „Wenn ich das wüsste, hätte ich es nicht geschrieben.“ Das heißt, er hat ein Thema, und wenn er es bearbeitet hat, dann ist es für ihn abgeschlossen, so dass er sich nicht mehr damit beschäftigen muss.
Das stimmt. Ja, man hat dann alles zu Ende gedacht, was damit zu tun hat. Alles was man selber zu diesem Thema denken kann, das hat man gedacht und aufgeschrieben. Man darf es vergessen.
Das heißt, du hast zu manchen Themen mittlerweile einen größeren Abstand bekommen?
Ja, zu allen Themen. Manchmal lese ich etwas von mir und bin dann erstaunt, dass es akzeptabel ist. Man denkt doch häufig, dass man früher weniger gut war und dann steht da in Druckschrift, dass man gar nicht so beschränkt gewesen ist. Gut!
Mich hat an deinen Arbeiten beeindruckt, mit welcher Konsequenz du Fragen durchdenkst und wie in einem deiner neuesten Bücher, „Die Schrecken des Paradieses“, dich mit der Frage beschäftigst, ob das Herbeigesehnte eigentlich tatsächlich so wünschenswert ist und ob das Versprechen eines ewigen Lebens nicht etwas bestürzend Langweiliges ist?
Ja, was ist dann, wenn unsere Wünsche erfüllt werden würden? Von meinem Standpunkt aus macht es keinen Sinn, ins Paradies zu kommen. Empfehlenswert ist aber der Park hier in der Nachbarschaft...
Okay, ich habe jetzt auch alle Fotos, die wir brauchen. Alles, was wir jetzt noch machen, wäre Luxus.
Ja, also! Dann erlauben wir uns jetzt etwas Luxus und gehen noch nebenan im Park spazieren, oder?

Das Gespräch mit Esther Vilar (am 19. Juni 2011 in London) führten Carsten Frerk und Evelin Frerk.






