Ich habe noch eine andere Frage. In der „Nina Gluckstein" sagt die Protagonistin: Literaten sind Fachleute für Worte und Gefühle. Ich kam aus der Welt der Naturwissenschaften, der Mathematik, und dann schreibst du: „Es gibt - nach diesem Maßstab – keine befriedigendere Kunstform als das Gedicht.“ Nun hatten wir ja vorhin die exhibitionistischen Anteile beim Schreiben ..: Schreibst du Gedichte?
Nein, überhaupt nicht. Ich lese auch sehr wenige Gedichte. Meist muss man sich so viele Gedanken über so wenige Worte machen und nachher findet man heraus, dass der eigentliche Dichter sich nicht halb so viel dabei gedacht hat! (Allgemeines Lachen) Es gibt sicherlich wunderbare Gedichte, aber ich kenne die meisten überhaupt nicht.
Nun habe ich noch eine andere Frage. Anlässlich ihres siebzigsten Geburtstages wurde Peggy Guggenheim - die Millionenerbin, die in Venedig lebte und Kunst sammelte -, von einer jungen Journalistin gefragt, wie sie sich denn nun fühlen würde. Peggy Guggenheim antwortete: Es ist die beste Zeit meines Lebens! Worauf die ersichtlich perplexe junge Frau fragte: Wieso? Und Frau Guggenheim sagte in etwa: Früher hat mich die Sexualität manches Mal vor sich hergetrieben und mich veranlasst, unsinnige Dinge zu tun. (Lachen) Nun, mit siebzig, ist das alles zwar noch da aber ich kann es kontrollieren und mich endlich geruhsam den geistigen Dingen widmen, die mir auch immer sehr wichtig waren. Frage: Hättest du gegenüber einer solchen Aussage eine gewisse Sympathie oder ...?
Ich finde es für die Peggy Guggenheim eine gute Aussage, aber ich habe noch gar nicht gemerkt, dass ich älter werde. (Sie lächelt) Ich ignoriere einfach das Thema Alter. So total, dass ich nicht darüber nachdenke und meist auch nicht darüber rede. Ich habe einmal ein Buch über das Altern geschrieben, das ist aber schon lange her, und da habe ich alles gesagt, was ich darüber denke. Das hat sich seitdem nicht verändert. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Art zu altern. Sagen wir so, es ist bis jetzt nichts wirklich anders geworden. Natürlich sehe ich älter aus!
Den Satz: „Wenn nichts mehr weh tut, ist man tot!“, den würdest du für dich nicht unterschreiben?
Nein. (Sie klopft leicht auf den Holztisch) Mir hat zum Gluck selten etwas wehgetan. (Kräftiges Klopfen auf das Holz) Ich bin natürlich auch mit guten Genen versorgt; meine Mutter ist jetzt mit 101 gestorben, und vielleicht habe ich eine andere Perspektive dadurch? Ich mag es auch nicht, mich über das Alter zu unterhalten und ignoriere alle Leute, die das gerne tun. Das ist kein feiges Wegschieben, ich musste bisher über das Negative einfach nicht Nachdenken. Über das Positive ja. Man lebt intensiver, wenn man weiß, man hat nicht mehr alle Zeit.
Ich brauche nicht über das Alter nachzudenken
Bei Männern heißt das ja: Der Sex wird sehr bewusst, denn jeder Orgasmus könnte der letzte sein.
Ja, Männer haben sehr viel mehr Probleme damit, alt zu werden.
Aber das könnte für einen Mann ja auch bedeuten, keusch zu werden, denn wenn der nächste Orgasmus der letzte sein könnte, dann ist es ja sinnvoll, diesen Zeitpunkt möglichst weit hinaus zu schieben?
Es ist für Frauen unter anderem einfacher, alt zu werden, weil wir nicht immer diese Angst haben müssen, dass es mit dem Sex zu Ende geht. Die müsst ihr ja andauernd haben.
Bist du dir sicher, dass dir da viele Frauen zustimmen werden?
Sie denken es unter diesem Aspekt wohl nicht durch. Aber diese Angst müssen wir Frauen einfach nicht haben. Und das ist doch schon ein enormer Vorzug, nicht wahr?
Noch eine weitere Frage. Bei deinem Erotik-Thriller hat es mich doch sehr überrascht, als ich das Motto las: „Der Mann soll seine Frau nicht vernachlässigen, und die Frau soll sich ihrem Mann nicht entziehen.“ ...
Ja, das ist aus der Bibel.
(Allgemeines Lachen) 1. Korinther, Vers 7, 3. Uuups, dachte ich, eine Frau, die noch nicht einmal fünf Minuten daran gedacht hat, religiös zu werden – so wie du es für dich in dem Buch von Fiona Lorenz „Wozu brauche ich einen Gott“ schreibst -, wie kamst du auf die Idee, einem Erotik-Thriller ein Bibelzitat voran zu stellen?
Das erschien mir so passend. (Gelächter) Und das passt auch! Aber ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Ich habe zu diesem Buch nie ein Interview gegeben, weil ich gar nicht so richtig wollte, dass man davon erfährt. Da lebte meine Mutter noch und ich wollte es ihr ersparen, dass sie erkennt, dass sie eine Tochter hat, die auch so etwas schreibt. Das hätte sie sehr wenig gefreut.
Hast du deiner Mutter auch sonst Freude gemacht?
Sie las meine Sachen immer und sie kam auch immer mit zu den Premieren von Theaterstücken. Das hat sie am meisten an mir gefreut, glaube ich. Jedenfalls hat sie sich nie bei mir beschwert.






