Notizen aus Polen

Ist jetzt die polnische Kirche an der Reihe?

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"Baby Shoes Remember" in Przemyśl
"Baby Shoes Remember" in Przemyśl

Vor fünf Jahren hat der in Warschau lebende holländische Journalist, Ekke Overbeek das Buch "Die Angst, über die Opfer der Pädophilie in der polnischen Kirche zu sprechen" (Lekajcie się, Ofiary pedofilii w polskim Kościele mówią) veröffentlicht. Das Buch beinhaltet die Gespräche mit einigen Opfern pädophiler Priester. Kein polnischer Journalist vor ihm hatte den Mut, dieses Thema anzugreifen.

Bereits vor fünf Jahren hat Marek Lisiński, eines der Opfer, die ihre Geschichte im Buch erzählten, die Stiftung Nie lękajcie się (Habt ihr keine Angst) gegründet. Die Stiftung dokumentiert die Taten der pädophilen Priester und unterstützt die Opfer auch auf dem Rechtsweg. Sie betreibt eine Telefonhotline und vieles mehr. Eine sehr wichtige und mühsame Arbeit, die jedoch kaum der breiteren Öffentlichkeit bekannt und deshalb für die Kirche kaum bedrohlich war. Bisher jedenfalls.

Die vor einigen Wochen an Kirchengebäuden und –zäunen angebrachten Kinderschuhe in Rahmen der internationalen Aktion "Baby Shoes Remember" wurde in Polen eher als eine Kuriosität denn als ernsthafter Protest gegen Pädophilie in der Kirche angesehen.

Mehr Aufmerksamkeit hat allerdings das vor kurzem erlassene Gerichtsurteil gegen einen Mönch erregt. Dessen Orden muss einem Opfer danach eine Million Zloty Entschädigung und 800 Zloty lebenslange (monatliche) Rente auszahlen. Völlig neu ist die große Höhe der Entschädigung und, dass im Prozess die Kirche als Institution und nicht der einzelne Geistliche angeklagt wurde. Die Kirchenbehörden dürfen nun nicht mehr sagen, dass sie für die "Sünden" der einzelnen Priester keineswegs verantwortlich sind. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und so gut wie niemand glaubt, dass es zur Auszahlung der Gelder kommen wird. Denn die in den Kirchen knienden PiS-Politiker eroberten das Oberste Gericht, welches das Urteil annullieren kann. Es gibt auch den Präsidenten, dem das Gnaderecht zusteht und der auch schon einmal einen verurteilten Politiker begnadigte, um seine Ernennung zum Minister zu ermöglichen.

Filmplakat für den Film "Kler"
Filmplakat für den Film "Kler"

Am 28. September 2018 jedoch passierte etwas, das zu einem Wendepunkt in der jüngeren Geschichte der polnischen katholischen Kirche werden könnte: Ein Film kam auf die Kinoleinwände. Sein Titel ist "Kler" (Klerus). Schon an den ersten drei Tagen haben ihn fast eine Million Menschen gesehen. Die Hauptfiguren des Films sind drei befreundete katholische Priester. Einer misshandelt Kinder sexuell; der zweite ist Säufer und hat Frau und Kind; der dritte ist Angestellter in Erzdiözese und macht im Auftrag seines Chefs, dem Bischof, zweifelhafte Geschäfte. Der Film zeigt, was die Polen schon längst wussten. Aber niemand hat das bisher so laut und deutlich gesagt oder gezeigt. Seit dem 28. September diskutieren Millionen Menschen, die "Kler" gesehen haben, darüber. Es äußern sich auch viele, die den Film nicht gesehen haben und schwören, dass sie das nicht tun werden. Einige Kinos boykottieren den Film angeblich aus Rücksicht auf die Kirche und die Gläubigen. Es gibt auch Orte, in denen die Gemeindebehörden ein Verbot der Filmvorführung formell beschlossen haben. Das Publikum hat jedoch eine eigene Meinung und geht weiterhin scharenweise in die Kinos.

Getragen von der Welle der Popularität des Films fand am Sonntag, dem 7. Oktober 2018, in Warschau die allererste Straßendemonstration gegen Pädophilie in der polnischen katholischen Kirche statt. Hauptorganisator des Protest war die Stiftung Nie lękajcie się. Der Marsch sollte am Drei-Kreuze-Platz starten, wo die St.-Alexander-Kirche steht, aber der Pfarrer forderte die Polizei auf, den Raum um das Kirchengebäude zu sperren und die Protestierenden wurden in eine Nebenstraße gedrängt. Die Strecke des Protestmarsches führte vorbei an einigen Kirchen, vor denen der Marsch stehen blieb. Es wurden dabei Berichte der Opfer vorgelesen. Ziel des Marsches war der Warschauer Erzbischofspalast, wo die Namen der Ortschaften in ganz Polen verlesen wurden, in denen es Fälle von sexueller Belästigung von Kindern durch Geistliche gab. Die Liste der Ortschaften war erschreckend lang. Einige von diesen Orten wurden auf einem von Demonstranten getragenen Poster mit der Karte Polens gekennzeichnet. Es wurde auch die Liste der Bischöfe vorgelesen, die über dieses Verbrechen Bescheid wussten und nichts getan hatten. Diese Liste war ebenfalls lang. Motto der Demonstration war "BISKUPIE! UKRYWANIE PEDOFILII TO ZBRODNIA" (Bischof! Das Vertuschen von Pädophilie ist ein Verbrechen!)

Demonstration "BISKUPIE! UKRYWANIE PEDOFILII TO ZBRODNIA"
Demonstration "BISKUPIE! UKRYWANIE PEDOFILII TO ZBRODNIA"

Einige Tage danach haben die Abgeordneten der Opposition, die an der Demonstration teilgenommen haben, im Parlament eine Diskussion über die Pädophilie in der Kirche organisiert. Es kamen die Organisatoren und Teilnehmer des Marsches. Die für Kirchenvertreter und für die Politiker der derzeit und zuvor regierenden Parteien reservierten Plätze blieben leer.

Was passiert, wenn die Zuschauerzahlen des Film "Kler" alle Rekorde schlägt? Wieso wollen viele Millionen Polen genau diesem Film sehen?

Pädophilie ist zweifelsohne ein Verbrechen. Aber die Zuschauer wollten sich auch vergewissern, dass Gerüchte über steinreiche, unzüchtige Bischöfe und über Priester, die sämtliche Kirchengebote brechen, wahr sind. Viele Menschen sind nicht mehr einverstanden damit, dass diese Männer ihnen sagen, wie sie leben sollen, wie sie bei den Wahlen stimmen sollen; dass die Kirche die polnische Politik bestimmt. Ein Zeichen für den Rückzug von der Kirche kann das Ergebnis der Umfrage sein, ob der Religionsunterricht in den Schulen bleiben sollte – immerhin sind 39 % der Befragten dagegen.

Und was haben die Bischöfe dazu zu sagen? Im November will die Bischofskonferenz die Zahlen zum Ausmaß des Kindesmissbrauchs durch Kirchenvertreter veröffentlichen. Der Schutz von Minderjährigen sei eine der "vorrangigsten Tätigkeiten der Kirche", sagte der Kinderschutzbeauftragte der Bischofskonferenz. Die ad hoc im Internet organisierten Umfragen zeigen, dass so gut wie niemand glaubt, dass die polnische Kirche bereit ist, ernst mit der Pädophilie in eigenen Reihen abzurechnen.

Es ist aber unmöglich, weiter die Verbrechen und Sünden der Kirchenmänner unter den Teppich zu kehren. Wenn der Film "Kler" noch nicht dieser Stein ist, der die Lawine löst, dann passiert in allernächster Zukunft irgendwas anderes, das die polnische katholische Kirche aber auch den Staat dazu zwingt, solche Maßnahmen wie in den USA, Deutschland, Australien, Chile oder Irland zu ergreifen.