Der Bitcoin ist mehr als eine digitale Währung oder technologische Innovation. Er hat sich zu einem ökonomischen, kulturellen – ja, geradezu religiösen Phänomen entwickelt. Seine Anhänger, die "Bitcoiner", sind von der Unvermeidlichkeit seines Erfolgs überzeugt. Mit dem Ziel, sich aus einem angeblich korrupten und dem Untergang geweihten Finanzsystem zu befreien. Zweifel gelten in dieser Gemeinschaft nicht als Argument, sondern als Glaubensschwäche.
Nach den jüngsten Kursverlusten stand der Bitcoin erneut im Fokus der Medien. Doch für seine überzeugten Anhänger sind diese Schwankungen kein Anlass zur Selbstkritik, sondern Prüfungen des Glaubens. Der Kurs mag fallen – die Vision bleibt: ein künftiger Wertzuwachs, der traditionelle Währungen übertrifft und das bestehende Finanzsystem obsolet macht. Viele Bitcoiner sehen sich als Teil einer erlesenen Gemeinschaft, die die "Wahrheit" erkannt hat, während der Rest der Welt noch im Dunkeln tappt.
Ein Blick auf Wikipedia liefert eine Definition, die erstaunlich gut passt: "Die Lehren einer Religion sind meist nicht beweisbar im Sinne der Wissenschaftstheorie, sondern beruhen auf dem Glauben an Mitteilungen bestimmter Vermittler (Religionsstifter, Propheten, Schamanen) oder an intuitive und individuelle Erfahrungen." Genau diesen Glaubenscharakter kann man auch im Bitcoin-Milieu beobachten.
Mit Satoshi Nakamoto existiert eine Art digitaler "Religionsstifter" – oder zumindest ein mythologisch aufgeladener Gründer, dessen Identität bis heute unbekannt ist. Sein Whitepaper fungiert innerhalb der Szene als eine Art "Heilige Schrift", die bis ins kleinste Detail studiert und interpretiert wird. Die Vorstellung vom unausweichlichen Zusammenbruch des Fiat-Geldsystems, vom Versagen der Zentralbanken und vom Bitcoin als rettende Kraft bildet das apokalyptische Narrativ, das die Bewegung zusammenhält.
Der 3. Januar 2009 – die "Schöpfung" der ersten 50 Bitcoins im sogenannten "Genesis Block" – markiert in dieser Logik den Beginn einer neuen Zeitrechnung. "Und Satoshi sprach: Es werde Dezentralität." Eine Art digitaler Urknall, von dem aus sich eine Gemeinschaft formierte, die ihre eigene Sprache und ihre eigenen Symbole (Laseraugen) entwickelte. Selbst interne Abspaltungen – etwa zwischen Bitcoin-Maximalisten, Ethereum-Anhängern oder den unzähligen Altcoin-Communities – erinnern an religiöse Sektenbildungen.
Wer zweifelt, ist ein "Nocoiner"
Wie in klassischen Religionen verlangt auch die Bitcoin-Ideologie eine Art Bekenntnis: Wer zweifelt, gilt als "Nocoiner", als jemand, der die "Wahrheit" nicht erfassen kann. Kritik von außen wird nicht argumentativ entkräftet, sondern häufig als Häresie abgetan – eine Abwehrhaltung, die dogmatische Strukturen erkennen lässt. Die Überhöhung des Bitcoin zum alleinigen Weg in eine goldene Zukunft, die nur "Eingeweihten" zugänglich ist, verweist weniger auf eine rationale Geldtheorie als auf ein Glaubenssystem.
Hinzu kommt: Ähnlich wie religiöse Bewegungen inszeniert sich die Bitcoin-Community als kontra-hegemoniale Kraft gegen die etablierten Mächte – gegen Staaten, Banken, Regulierungsbehörden. Der Bitcoin erscheint seinen Jüngern nicht als ein technisches Werkzeug, sondern als eine universelle Befreiungstechnologie. Dass dieses Versprechen – wie viele Heilsversprechen – oft ohne empirische Grundlage bleibt, gerät leicht aus dem Blick.
Das Schneeballsystem der Erlösung
Gleichzeitig weist Bitcoin Züge eines ökonomischen Schneeballsystems auf: Seine Wertsteigerung beruht im Wesentlichen auf der Erwartung, dass immer mehr Menschen einsteigen und damit den Preis in die Höhe treiben. Je früher man investiert hat, desto größer der mögliche Profit. Diese dynamische Abhängigkeit von Neugläubigen verstärkt den missionarischen Eifer der Szene: Die eigene Überzeugung muss wachsen, damit der Wert steigt. Der Glaube erzeugt den Kurs. Der Kurs bestätigt den Glauben.
Hinter dem Bitcoin steht zweifellos eine innovative Technologie. Aber er ist auch ein Glaubensraum geworden – mit Mythen, Ritualen, Dogmen und einem Heilsversprechen, das auf die Erlösung aus einem vermeintlich verrotteten Finanzsystem abzielt. Vielleicht macht genau diese Mischung aus Technologie und Transzendenz den Bitcoin zur ersten großen digitalen Religion unseres Jahrhunderts.






5 Kommentare
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Kommentare
W. Klosterhalfen am Permanenter Link
Bitcoins sind ebenfalls fiat-Geld. Sie werden ohne Hinterlegung eines realen Werts "erschürft". Wegen der weiterhin zu erwartenden starken Kursschwankungen sind sie als Zahlungsmittel wenig geeignet.
Guggemos, Walter am Permanenter Link
Ich bin überzeugter "Nocoiner", also ein "Non-believer" sowohl alle Religionen als auch den Bitcoin, Solana, Ether und alle anderen Blockchain-Währungen betreffend.
PJ am Permanenter Link
Die beiden letzten Absätze fassen die Gemengelage aus Gier, einer vohandenen (und teilweise nicht von der Hand zu weisenden) Skeptis und Vorsicht vor dem jetzigen Finanzsystem und seinen Auswüchsen perfekt zusammen.
Zwei grundsätzliche Verhaltensweisen und Vermeidungstaktiken gehen hierhei Hand in Hand.
_ Jede Einzelperson versucht ihre erwirtschafteten kleinen und großen Reichtümer zu sichern.
_ Die Chance auf einen großen Gewinn winkt und dafür braucht es viele Nutzer.
Diese einfache Logik hat absolut nichts mit Religion zu tun, es geht den Bitcoin-Jüngern und Investoren ausschließlich und ganz profan um das liebe Geld.
AS am Permanenter Link
Hier werden wieder die üblichen Voruteile über Bitcoin verbreitet von Leuten, die keine Ahnung vom Thema haben, stattdessen nachplappern, was anderswo schon 100 mal verbreitet wurde.
Wenn man wirklich informiert sein möchte, sollte man sich vielseitig informieren und recherchieren, sich Argumente der Befürworter und Gegner anhören.
Wenn sich weltweit führende Vermögensverwalter wie Blackrock, Fidelity und andere für Bitcoin interessieren und Bitcoin-ETF's aufgesetzt haben, dann sicher nicht aus religiösen Gründen. Religiöse Gefühle sind bei Geldanlagen sowieso nicht zu empfehlen, sondern nur knallharte Fakten.
Schade, dass beim HPD so einseitig und unseriös über Bitcoin berichtet wird.
GeBa am Permanenter Link
Ganz nebenbei bemerkt sind Religionen die größten Geldeintreiber weltweit, diese machen ihr Geschäft mit nichts realem sondern nur mit erfundenen Märchen, insofern sind diese die Bitcoin der Pfaffen.