Eine neue Streitschrift

Caroline Fourests "Lob des Laizismus"

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Cover des Buches "Kirchenrepublik Deutschland" von Carsten Frerk
"Kirchenrepublik Deutschland"

Caroline Fourest, die bekannte französische Publizistin und Repräsentation eines linken Universalismus, legt mit "Lob des Laizismus" eine vehemente Streitschrift zu dessen Verteidigung vor. Dies geschieht auf kantige und laute Art und Weise. Dadurch müssen aber ihre Argumente und Einwände nicht falsch sein.

Der praktizierte Laizismus, hier verstanden als strikte Religion-Staat-Trennung, löst gegenwärtig Widerspruch aus. Einer der kursierenden Einwände lautet, dass er gegen religiöse Minderheiten wie Muslime gerichtet sei. Insbesondere in der Debatte um Kopftuch und Schleier an Schulen ist das ein Thema, indessen weniger in Deutschland, sondern mehr in Frankreich – mit eben einem dezidiert laizistischen Selbstverständnis. Von dort kommt auch ein erklärtes "Lob des Laizismus" als Monographie, die von Caroline Fourest schon 2016 in ihrem Heimatland veröffentlicht wurde. Die Autorin ist dort eine bekannte Publizistin und gilt als universalistische Linke. Dementsprechend kritisierte sie vehement die dortige Identitätslinke, die etwa Frauendiskriminierung innerhalb von religiösen Minderheiten relativiert oder verharmlost. Eine solche Grundauffassung bildete wohl auch das Motiv für die genannte Veröffentlichung, die man insbesondere vor dem Hintergrund der Kontroversen im Nachbarland etwa um Religion und Schule lesen muss.

Cover

Zu Beginn wird auf antilaizistische Diskurse in der dortigen Öffentlichkeit verwiesen, etwa wenn ein islamistischer Terrorismus auf derartige Zusammenhänge zurückgeführt wird. Fourest kontert hier mit dem schlichten Statement, dass Laizismus eben nicht zur Radikalisierung führe. In dem ganz anders ausgerichteten Belgien habe es prozentual doppelt so viele Dschihadisten wie in Frankreich gegeben. Sie beklagt eine unangemessene Gleichsetzung des Laizismus sowohl mit Muslimenfeindlichkeit wie mit Rassismus. Die "neuen Antirassisten" von links seien "eher pro-islamisch, Anhänger des Opferwettstreits zwischen Juden, Arabern und Schwarzen, und manchmal äußern sie sich auch rassistisch gegenüber Juden und verachten Homosexuelle" (S. 45). Wie bereits diese Ausführungen veranschaulichen, neigt die Autorin zu Überzeichnungen. Die Argumentationsweise macht indessen nicht die Inhalte falsch, denn ein Lazisimus muss nicht für behauptete Religionsfeindlichkeit stehen, wenn es ihm um institutionelle Sphärentrennung geht.

Eine solche existiert auch in den USA, was der anschließende Vergleich veranschaulicht. Denn in den beiden folgenden Kapiteln geht es um die beiden Modelle, die exemplarisch für eine unterschiedliche Auffassung des getrennten Religion-Staat-Verständnisses stehen. So heißt es: "Maßnahmen, die in Frankreich zum Schutz der Gleichheit und der Gewissensfreiheit ergriffen werden, gelten dem amerikanischen Außenministerium, einem Großteil der Medien und der Öffentlichkeit als Verletzung der Religionsfreiheit, als Angriffe auf die Grundlagen des amerikanischen Modells" (S. 62). Eine derartige Grundauffassung schwäche einen wichtigen Konsens, wo Demokratien sich gegen Fundamentalismus mit mehr Laizismus wenden sollten. Immer wieder neigt die Autorin zu vehementen Vorwürfen, spricht etwa vom "Geiste eines Münchner Abkommens" (S. 173), was sie aber auch aufgrund unsachlicher Gleichsetzungen formaler Kritik aussetzt. Hier wäre der erläuternde Hinweis auf den Laizismus als Strukturprinzip demokratischer Verfassungsstaaten wichtiger gewesen.

Deutlich und überzeugend verwahrt sich Fourest gegenüber einer vereinnahmenden Instrumentalisierung, die etwa von der minderheitenfeindlichen Rechten ausgeht: Gemeint ist der frühere Front National, der "die Neutralität der laizistischen Schule beschwört und eine christlich-klerikale Idee von Nation verteidigt. Das Gegenteil der republikanischen Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit, welche der Laizismus ist" (S. 211). Die letzten Ausführungen widmen sich dann noch praktischen Problemen, wobei die Autorin etwa auf die ausländische Finanzierung von Moscheen oder die öffentliche Präsenz von religiösen Symbolen eingeht. Durchaus berechtigt wird der gesellschaftliche Bedarf an Laizismus gerade in einer multireligiösen Welt aufgezeigt. Dazu hätte es aber nicht der doch etwas kitschig geratenen Schlusssätze bedurft. Es handelt sich weniger um eine differenzierte und strukturierte Erörterung, mehr um eine kantige und laute Streitschrift. Ersteres passt wohl nicht zu Fourest, die deswegen aber mit ihren Einwänden nicht falsch liegen muss.

Caroline Fourest, Lob des Laizismus, Berlin 2022, Edition Tiamat, 295 Seiten, 26 Euro

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