Kommentar

Es hätte nicht sein müssen!

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Hätten sich mehr Menschen impfen lassen, stünden wir jetzt wesentlich besser da.

Und wieder haben wir dieselben Fehler gemacht: Während wir de facto regierungslos durch die vierte Welle einer Jahrhundert-Pandemie schleudern, kann man beobachten, wie gut das mit der Eigenverantwortung funktioniert – ein falsch verstandener Freiheitsbegriff und einseitiges kritisches Hinterfragen haben uns in eine Lage gebracht, die schlimmer ist als je zuvor und noch immer massiv unterschätzt wird. Die persönliche Frustration ist enorm.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde die aktuelle Pandemie-Lage wesentlich schwerer zu ertragen als alle bisherigen. Wir haben schon eine lange Corona-Geschichte hinter uns und immer hatten wir neue Hoffnungen, die dann nicht das erfüllten, was wir erwartet hatten. Da waren die Masken und der Gedanke, wenn alle Masken trügen, könnten wir ja wieder alles machen. Da waren Tests verbunden mit der Erwartung, dass wenn sich nur jeder testet, sollte ja das Leben wieder möglich sein. Da war die Impfung, die sich alle vernünftig denkenden Menschen herbeisehnten und die einem nach der Verabreichung eine kurze Phase der Unbeschwertheit bescherte, an man jetzt schon wieder nostalgisch zurückdenkt wie an die guten alten Zeiten. Und dann das Nicht-für-möglich-Gehaltene: So viele Menschen mit einem falsch verstandenen Freiheitsbegriff hielten es für klüger, das Impfangebot nicht anzunehmen, sodass wir auf einmal wieder da stehen, wo wir nie wieder hin wollten: bei hohen Inzidenzzahlen und volllaufenden Intensivstationen.

Dank einer Politik, die auch nach fast zwei Jahren Pandemie-Management noch nicht verstanden hat, wie wichtig vorausschauendes Handeln ist, dass es nicht reicht, nachzusteuern, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Oder schlimmer noch: die das Management einer Jahrhundert-Pandemie im einen Fall nicht mehr als ihren Zuständigkeitsbereich begreift und im anderen Wichtigeres zu tun zu haben glaubt. Wir haben es geschafft, trotz Impfung schlechter dazustehen als je zuvor. Und einmal mehr kann man nicht das Versprechen einlösen, das man sich vor bald zwei Jahren gegeben hat: "Das ist nur vorübergehend, das muss jetzt sein und geht vorbei. Das Leben wird weitergehen." ­– Nun muss man wieder Treffen absagen, sich von Plänen, auf die man sich gefreut hatte, verabschieden – obwohl es diesmal vermeidbar gewesen wäre. Und das empfinde ich als zutiefst frustrierend und es macht mich unglaublich wütend.

Ein Lockdown wäre längst überfällig, derzeit haben wir die von Maßnahmenskeptikern beschworene Eigenverantwortung als maßgebliche Handlungskomponente. Es scheint nur so, dass Menschen nicht in der Lage sind, die bedrohliche Situation richtig einzuschätzen, solange keine vorgegebenen Beschränkungen existieren. Das verzweifelte Flehen Lothar Wielers, dass "jeder alle Kontakte so weit einschränkt, wie es eben möglich ist", verhallt. Da wird halt trotzdem gemacht, was man so macht, wird schon nix passieren. Ist ja nicht verboten. Und irgendwann ist ja auch mal genug, man hat jetzt keine Lust mehr, sich einzuschränken. Und einen selbst wird es ja vermutlich nicht schwer treffen. Die gleiche egoistische Haltung, die uns überhaupt erst in diese Situation gebracht hat. Die Menschen scheinen mit dieser Eigenverantwortung angesichts einer solchen Notsituation, wie sie Christian Drosten im Corona-Virus-Update nannte, überfordert zu sein.

Gleichzeitig herrscht die Meinung vor, jeder verfüge über genug Sachverstand, eine epidemische Lage von nationaler Tragweite – und doch, das ist sie, auch wenn sie heute formal für beendet erklärt wird – selbst einzuordnen. Jeder mit Internetanschluss hält sich für kompetent genug, die Sicherheit von Impfstoffen und die Validität von Daten selbst zu beurteilen. Was ich mir angesichts dessen wünschen würde ist: etwas Demut. Demut vor der Sachkompetenz anderer und die Bewusstmachung der eigenen Fehlbarkeit. Das sind jetzt zwei unglücklicherweise religiös aufgeladene Begriffe, die ich aber nicht so verstanden wissen will. Es geht ganz einfach darum, dass es einen Grund hat, dass es Berufe gibt. Für die man eine Ausbildung absolvieren muss. Dass es einen Unterschied macht in meiner Aussagefähigkeit über medizinische Sachverhalte, ob ich Medizin studiert habe oder eben nicht. Dass es einen Grund gibt, warum auch Statistik ein eigenes Studienfach ist. Stattdessen erleben wir überall falsch verstandenes "kritisches Hinterfragen", das oftmals die Minderheitenposition per se als wahr erachtet, nur aufgrund ihres Außenseiterstatus'. Da greift man lieber zur Pferdewurmkur als zur Impfung, weil man seriösen Zulassungsverfahren misstraut und dafür lieber ungeprüfte Ratschläge unqualifizierter Personen annimmt, die weit weniger kritisch hinterfragt werden.

Vor diesem Hintergrund scheint der einzige Ausweg eine Impfpflicht zu sein, die man jetzt anfängt, zu debattieren. Und siehe da: erste Einschätzungen haben ergeben, dass sie mit dem Grundgesetz vereinbar wäre. Damit wir nicht in einem pandemischen Perpetuum mobile hängen bleiben, weil zu viele Menschen ihre Trotzphase nicht abgeschlossen haben. Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Querdenker-Epizentrums Baden-Württemberg, drückte es in der FAZ so aus: "Eine Impfpflicht ist kein Verstoß gegen die Freiheitsrechte. Vielmehr ist sie die Voraussetzung dafür, dass wir unsere Freiheit zurückgewinnen."

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