Zum Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung melden sich die SOS-Kinderdörfer und Terre des Femmes zu Wort. Denn die geächtete Praktik ist keineswegs auf dem Rückzug.
Einen neuen Trend stellen die SOS-Kinderdörfer fest: Es komme immer häufiger vor, dass die weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation – FGM) von medizinischem Personal durchgeführt wird: Jedes vierte beschnittene Mädchen wurde dieser Amputation von Teilen des Geschlechtsorgans durch Gesundheitspersonal unterzogen – in Zahlen sind das rund 52 Millionen Menschen. Die Hilfsorganisation warnt vor diesem Hintergrund vor Rückschritten im Kampf gegen das Ritual durch eine Verlagerung in einen medizinischen Kontext.
Boris Breyer, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit sieht darin eine "besorgniserregende Entwicklung, für die es keine medizinische Rechtfertigung gibt". Gerade Gesundheitspersonal sollte sich der Gefahren der Beschneidung bewusst sein. "Wir müssen die Aufklärungsarbeit hier stärker vorantreiben und auf der strafrechtlichen Verfolgung dieser Menschenrechtsverletzung beharren", appelliert er.
Doch wie kommt es dazu, dass FGM zunehmend von Gesundheitspersonal durchgeführt wird? Laut SOS-Kinderdörfern glaubten viele Angehörige wie auch Gesundheitspersonal, dass der Eingriff im medizinischen Rahmen hygienischer und somit risikoärmer ist. "Laut WHO belegen Studien jedoch, dass sich dadurch noch schwerere Langzeitschäden ergeben können, etwa aufgrund der Schnitttiefe." Gesundheitsdienstleister seien außerdem selbst Teil der FGM-praktizierenden Gemeinschaften und hielten an der Beschneidung etwa aufgrund von religiösen Überzeugungen fest. Dies stehe einer fachgerechten Risikobewertung im Weg.
Die Medikalisierung könne aber auch finanziell motiviert sein. In einigen Ländern des globalen Südens liege die FGM-Quote nach wie vor bei fast 100 Prozent, etwa in Somalia oder Guinea. Vielerorts sinke aber die Zahl der durchführenden traditionellen Heilerinnen. "Das heißt, es entwickelt sich im Gesundheitssektor zunehmend ein 'Markt'", schreiben die SOS-Kinderdörfer weiter.
Die Hilfsorganisation führt eine Studie unter anderem des Asia Network to end FGM/C an, laut der die Medikalisierung in Süd- und Südostasien voranschreite, etwa in Indonesien. Über 60 Millionen Mädchen und Frauen hätten in dem Inselstaat mit der größten islamischen Bevölkerung weltweit eine Genitalverstümmelung erlitten. In städtischen Gebieten erfolge diese bei 62 Prozent der Mädchen zwischen 0 und 11 Jahren durch Gesundheitspersonal. "Obwohl der Eingriff, auch für medizinische Fachkräfte, verboten ist, gibt es keine nennenswerte strafrechtliche Verfolgung der Täter und Täterinnen", stellen die SOS-Kinderdörfer fest.
Die Raten der Medikalisierung bei dem kulturell motivierten Eingriff stiegen auch in afrikanischen Ländern wie dem Sudan (67 Prozent) oder Ägypten (38 Prozent) an. "In Ägypten sieht die Gesetzgebung für medizinisches Personal ein höheres Strafmaß vor als etwa für traditionelle Heilerinnen. Doch auch hier besteht eine Kluft zwischen gesetzlichen Vorgaben und Strafverfolgung."
Was tun?
Auch in Deutschland leben laut Schätzungen von Terre des Femmes (TdF) etwa 101.778 betroffene Mädchen und Frauen. 22.292 weitere Mädchen unter 18 sind gefährdet. Um sie zu schützen, arbeitet die Frauenrechtsorganisation über das von der EU kofinanzierte Projekt "SAFE – Schutz, Aufklärung, Förderung, Empowerment" mit fünf weiteren europäischen NGOs zusammen, um Aufklärung und Sensibilisierung voranzubringen. Durch eine europäische Handlungsempfehlung für Fachkräfte und Trainings in Communitys, Schulen und Geflüchtetenunterkünften sowie durch aktives Empowerment von Mädchen und Frauen werde FGM laut TdF aktiv bekämpft. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit betroffenen Communitys, mit medizinischem Personal und Schulen, um Betroffene aufzuklären, zu schützen und zu stärken.
"Weibliche Genitalverstümmelung zu beenden, gelingt nur gemeinsam. Das Projekt 'SAFE' wird getragen von dem Wissen und dem Engagement der ExpertInnen aus den betroffenen Communitys, die Traditionen sensibel hinterfragen und Aufklärung unermüdlich vorantreiben – ob in ihrer Community oder bei deutschen Fachkräften. Zusammen stehen wir an der Seite der betroffenen Mädchen und Frauen, bis FGM endlich Geschichte ist", sagt Gesa Birkmann, Geschäftsführerin Politik und Themen bei Terre des Femmes.






