Endlich: Politiker stellen ihre liebsten Bibelstellen vor

Allet wird jut

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Weiß um seine Unvollkommenheit: Volker Bouffier
Weiß um seine Unvollkommenheit: Volker Bouffier

Wie stehen unsere führenden Politiker eigentlich zur Bibel? Ein Buch gibt jetzt die Antwort.

Die Kunst der Nichtfestlegung und der im Ungefähren wabernden Eingemeindung aller nur denkbaren Standpunkte ist eine Kernkompetenz des Politikertums, sich öffentlich äußern zu müssen, Teil ihres Jobs. Die Erfordernisse der Mediendemokratie haben es notwendig gemacht, dass man im Auftreten sehr entschieden rüberkommen, auf keinen Fall aber den Fehler einer Festlegung machen sollte: Das Amt des Politikers ist dem des Kirchenvertreters dabei gar nicht so unähnlich. Auch dieser muss ja ein möglichst umfassendes Versprechen verkaufen, ohne dabei für irgendeine Konkretion oder Umsetzung jemals einstehen zu können. Predigt und Politik verhökern immer die Vorstellung einer besseren Zukunft, hastenichjesehn wie schön allet wird! Wenn ihr mich wählt.

Fragt man nun namhafte Politikerinnen und Politiker, wie sie es mit der Bibel halten, so bekommt man erstaunlich viele dazu, sich für ein Buch im Kreuz-Verlag zu äußern. Religiöse Menschen sind auch Wähler, noch gibt es ja einige von ihnen, und sie zu umgarnen, sollte besonders leicht möglich sein, wenn es ums Verwurschteln biblischer Sprüche geht, Sonntagsrede und Sonntagsfrage fallen hier in eins: Nichts sollte einem politischen Menschen leichter fallen, als sich irgendwie auf ne Art zur Bibel zu bekennen, diesem ja völlig inkohärenten Klops aus einander widersprechenden und oft unklar gehaltenen Erzählungen und Kalendersprüchen, über die die Jahrtausende sowie Quirl und Hobel der Theologien hinweggegangen sind.

Wenn also ausgerechnet Politikerinnen und Politiker sich zu diesem undurchdringlichen Werk äußern sollen, ist eine Qualligkeit höherer Potenz zu befürchten. Also hat man die Beiträger gebeten, sich nur auf einen einzigen kurzen Auszug zu beziehen. So lässt sich recht präzise beobachten, wie sehr politische Stellungnahmen und theologische Ausdeutungen einander gleichen: Man kann alles, so die Bottomline, exakt so drehen und wenden, wie man will. Und wird am Ende doch immer, irgendwie, recht gehabt und ganz gut ausgesehen haben. Wer lässt sich nicht gern mit Promis ablichten? Wer mag nicht ein textliches Selfie mit dem lieben Gott. Könnerschaft in der Exegese erweist sich darin, jede einigermaßen klare Aussage bei Bedarf auch achselzuckend in ihr exaktes Gegenteil verkehren zu können. Für Politiker ein Leichtes, und dabei auch ein Lehrstück über Theologie: Was die Bibeldeuter seit Jahrtausenden tun, ist ja in Wahrheit gar keine Auslegung ihrer vorgeblich heiligen Schrift. Sondern sie verkünden ihr eigenes politisches Programm und geben ihm das Siegel ihres Gottes, indem sie dieses Programm mit ein paar willkürlich rausgezupften und hingebogenen Bibeldeutungen verzwirbeln.

Den hier angefragten Politikern geht es dann nicht viel anders. So sehr uns ihre Porträtfotos am Funktionieren unserer Wahldemokratie zweifeln lassen, so sehr beruhigt uns die Windigkeit und Wendigkeit ihrer Aussagen: Diese Leute, begreift man, werden zumindest zu jedem Kompromiss in der Lage sein, so beliebig wie die argumentative Logik in ihren Hirnen mit Gottes Hilfe Achterbahn fährt.

Cover

Andächtig staunend liest man hier etwa, wie der von der Bibel berührte Minister Seehofer, jener Mann, der über die Abschiebung von 69 Flüchtlingen zu seinem 69. Geburtstag feixte, hier zu wissen gibt: "Für uns Christen ist keiner überflüssig. Und marktgerechte Leistungsfähigkeit darf nicht den Wert eines Menschen bestimmen. Für uns gehört jeder dazu." Natürlich beruft auch sein Parteikollege Markus Söder sich auf "Menschenwürde" als "unveräußerliches Grundrecht" und "Ausdruck der christlichen Idee" und schafft es dabei, seinen Textbeitrag und somit sich selbst mit dem Begriff der "Nächstenliebe" zu schmücken. Dass bei diesem Tamtam die gedankliche Stringenz ("Würde" als "Recht") ins Wanken gerät, ist dabei kein Wunder. Den Politikern, die das sog. Christentum als Monstranz ohne Inhalt vor sich hertragen, ist die argumentative Verkehrung, Zerknickung und Umstülpung ein Leichtes. Immer wieder halten sie sich mit der Frage nach der Bergpredigt auf, und inwiefern man mit ihr Politik machen könne.

Dazu äußert sich etwa CDU-Mann Peter Tauber: "Die Bergpredigt ist sicher einer der politischsten Texte, die ich kenne. (…) Doch klar ist auch: Wer versucht, Politik gemäß der Bergpredigt zu machen, der muss scheitern. Zu radikal, zu kompromisslos ist das, was Jesus da von uns verlangt. Zu schwach, zu unzulänglich sind unsere Möglichkeiten als Menschen."

Die Bergpredigt, wie sie uns überliefert worden ist, ist also die Mutter aller Sonntagsreden, und der Herr Jesus war ja auch nie mit den Niederungen der praktischen Umsetzung befasst: Schöne Worte zum Herzerwärmen und zum Träumen von einer gerechteren Welt, und dann geht’s wieder hinaus in den Kampf ums Überleben und Unterbuttern und in alte Gegnerschaften, etwa auch bei Hessen-Chef Volker Bouffier, der die wörtliche Umsetzung der Bergpredigt als gewiefter Pragmatiker rundheraus ablehnt. Dafür zieht er aus dem Glauben die Streicheleinheiten, welche jeder Christ, per Doppelpass mit dem großen Pappkameraden im Himmel, sich selber spenden kann: "Es ist aus meiner Sicht eine tröstliche Erfahrung, gerade für uns Christen, um die eigene Unvollkommenheit zu wissen und diese anzunehmen, so wie Gott uns in all unserer Unvollkommenheit annimmt."

Das ist eine grobkörnige Übersetzung der Erkenntnis: Ganz gut, was der Jesus so gesagt hat, aber unter uns mal: Drauf geschissen! Wir sind doch alle nur Menschen. Wir wissen doch, wie der Hase läuft, und der läuft eben anders als das Osterlamm. Das christliche Menschenbild ist dabei das einer Kreatur, die von einem übermächtigen Großmeister fehlerhaft angefertigt wurde und daher von deren göttlicher "Gnade" abhänge – kein Menschenbild, auf dem Demokratie gut gedeihen kann. Die Botschaft ist immer mafiös: Klar kann ich ein Arschloch sein und als Arschloch handeln – so ich nur mit dem Oberclanchef gut stehe, der drückt dann schon ein Auge zu.

Freiheit? Auch sie kommt vor in diesem Buch, sie wäre eine Grundbedingung von Menschenrechten und Demokratie, und es ist possierlich, wie sie von christlicher Argumentation verbogen, verknautscht, herumgeschubst und auf den Kopf gestellt wird. Freiheit kommt bei Bouffier in einem Atemzug mit dem Zwang daher, denn sie "muss aus der Gnade des Glaubens erwachsen", wobei, dies angemerkt, "müssen" ja ebenso wenig mit Freiheit kompatibel ist wie "Gnade", schon gar "des Glaubens", mit denen die bizarre Unterordnung unter eine ausgedachte Gottheit gefordert wird. Diese, hier eh schon als Begriff sinnlos gewordene "Freiheit", beschränkt sich bei Bouffier dann nicht auf das "frei von etwas", sondern befähige zum "frei für etwas" – eine wolkige Begriffsverkehrung wie sie nur abnicken kann, wer auch an Leute glaubt, die in den Himmel fliegen.

So geht das Buch dahin, oft denkt ein böswilliger Teil des Stammhirns: Je korrupter und dümmer das eingeklinkte Gesicht auf der Seite, desto salbungsvoller das Bekenntnis zum so genannten Christentum. Da ist es nur folgerichtig, dass die Cleverste von allen das schönste Stück Bibel herausgesucht hat, und zwar eines, das ganz ohne explizite Gottheit auskommt und das jedem denkenden, fühlenden Menschen in all seiner Schönheit viel Freude bereiten kann: Das Hohelied der Liebe. 1. Korinther 13,13. Wird Ihnen hier präsentiert von Angela Merkel.