Der Iran drei Jahre nach Mahsa Amini

Revolution und Krise

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Demo "Frau, Leben, Freiheit" in Berlin
"Frau, Leben, Freiheit"

Drei Jahre nach dem Tod von Mahsa Amini steckt der Iran in einer doppelten Krise: politischer Widerstand trifft auf ökonomischen Zusammenbruch. Stromausfälle, Inflation und Abwanderung prägen den Alltag, und doch lebt der Widerstandsgeist von "Frau, Leben, Freiheit" weiter.

Am 16. September 2025 jährte sich der Tod von Mahsa Amini zum dritten Mal. Aus der Empörung über die Tötung der jungen Kurdin erwuchs die Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit", die sich innerhalb weniger Tage von den Straßen Teherans bis in die entlegensten Provinzen ausbreitete. Getragen vor allem von jungen Frauen, aber bald unterstützt von Studenten, Arbeitern und Rentnern, stellte die Bewegung erstmals offen den Herrschaftsanspruch der Islamischen Republik infrage. Zwar ging die totalitäre Diktatur hart gegen die neue soziale Bewegung vor, doch das Tabu der Angst wurde gebrochen. Millionen Iraner überwanden zunächst die Furcht vor Gefängnis, Folter und Tod und trugen ihre Forderungen nach Freiheit, Gleichberechtigung und nach nationaler Selbstbestimmung in die Öffentlichkeit.

Die Bewegung erhielt rasch revolutionären Charakter. Sie griff die ideologischen Symbole des Systems an, vor allem den Zwang zur Verschleierung. Indem Frauen immer wieder und an verschiedenen Orten das Kopftuch ablegten, entzogen sie der Republik ihre wichtigste Legitimation: die Kontrolle über die Körper der Frauen und den öffentlichen Raum. Darüber hinaus betonte die Bewegung nationale Identität und iranische Kultur gegenüber der religiösen Umma, das islamische Volk, wodurch sie tief in der Gesellschaft Resonanz fand. Trotz brutaler Niederschlagung gilt "Frau, Leben, Freiheit" heute als eine der tiefgreifendsten Erschütterungen der jüngeren iranischen Geschichte und als ein Signal, dass fundamentale Veränderungen möglich sind.

Alltag im Ausnahmezustand

Drei Jahre später leben die Iraner in einer doppelten Realität: dem politischen Widerstand gegen die Diktatur und der ökonomischen Dauerkrise. Wer in Teheran wohnt, kennt stundenlange Stromausfälle. Kühlanlagen bleiben stehen, Ampeln fallen aus. In Khuzestan, einer der wasserreichsten Regionen des Landes, bricht die Wasserversorgung regelmäßig zusammen. Auf den Basaren steigen die Preise für Brot, Milch und Fleisch schneller, als Löhne oder Renten mithalten können.

Die Kaufkraft ist dramatisch geschrumpft. Arbeiter verdienen heute kaum mehr als 100 Euro im Monat. Gleichzeitig erreichen Miet- und Lebensmittelpreise in den Großstädten westliches Niveau. Selbst Ärzte und Ingenieure, einst Vertreter einer wohlhabenden Mittelschicht, klagen, dass ihre Einkommen nur noch für das Nötigste reichen - und das in einem Land mit den zweitgrößten Erdgasreserven der Welt.

Streiks und soziale Unruhe

Die soziale Not schlägt sich in einer Welle von Arbeitskämpfen nieder. Lehrer demonstrieren in mehr als 20 Provinzen schlicht für die Auszahlung ihrer geringen Gehälter. Arbeiter in petrochemischen Anlagen protestieren, weil sie seit Monaten keinen Lohn erhalten haben. Rentner versammeln sich regelmäßig, um gegen ihre Verarmung zu protestieren.

Die Proteste sind vielgestaltig und dezentral. Mal streiken Busfahrer, mal Krankenschwestern, mal Fabrikarbeiter. Allen gemeinsam ist die Erfahrung, dass ihre Forderungen vom Regime ignoriert werden. Zwar schlägt die Staatsmacht Versammlungen regelmäßig nieder, doch die Streikwellen reißen nicht ab.

Arbeitslosigkeit und Abwanderung

Besonders dramatisch ist die Lage der Jugend. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote junger Akademiker bei über 25 Prozent, in manchen Regionen bei 40 Prozent. Viele Universitäts-Absolventen fahren Taxi, verkaufen Waren auf der Straße oder planen die Ausreise. Der "Brain Drain" entzieht dem Land dringend benötigte Ärzte, Ingenieure und Forscher. Gleichzeitig verstärkt er die Abhängigkeit von Rücküberweisungen aus dem Ausland, einer fragilen Basis für eine stabile Volkswirtschaft.

Strukturelle Ungleichgewichte

Hinter diesen Symptomen verbergen sich strukturelle Ungleichgewichte. Gemeint ist damit ein System von Widersprüchen: zwischen hohem Energieverbrauch und maroder Infrastruktur, zwischen staatlichen Einnahmen und überbordenden Subventionen, zwischen Arbeitskräfteüberschuss und fehlenden Investitionen.

Das Paradox zeigt sich besonders im Energiesektor. Iran verfügt über riesige Öl- und Gasreserven, doch die Raffinerien sind veraltet, Pipelines undicht. Stromabschaltungen sind längst Teil des Alltags. Während Milliarden in das Atomprogramm flossen, offiziell zur Energieerzeugung, lag der Anteil der Atomkraft am Energiemix noch vor dem zwölftägigen Krieg bei kaum 1,1 Prozent. Mit den gewaltigen Summen hätte die Energieinfrastruktur mehrmals komplett erneuert werden können.

Die Subventionspolitik verschärft die Schieflage. Benzin und Strom werden zu Dumpingpreisen abgegeben, was Verschwendung begünstigt. Zugleich fehlen dem Staat die Mittel, um Netze und Infrastruktur zu modernisieren, erst recht in der Folge des Krieges.

Klassenunterschiede und soziale Fragilität

Noch gravierender ist das Fehlen verlässlicher sozialer Sicherungssysteme. Rentenkassen sind leer, Krankenversicherungen decken nur einen Bruchteil der Kosten, Arbeitslosengeld existiert kaum. Wer seine Anstellung verliert oder krank wird, stürzt ab. Private Versicherungen können sich nur Wohlhabende leisten.

Die Folge ist ein scharfer Klassenunterschied. Wer Zugang zu Devisen hat, etwa durch Verwandte im Ausland oder privilegierte Positionen im Staatsapparat, sichert seine Kaufkraft. Bei der Mehrheit verlieren die Rücklagen aber täglich an Wert. Während die Oberschicht in Gold, Immobilien oder Dollar flüchtet, verschulden sich Familien auf dem Land und in der Stadt, Fleisch verschwindet vom Speiseplan, Kinderarbeit nimmt zu. Das Auseinanderdriften der Schichten ist damit nicht nur ein ökonomisches Phänomen, sondern politischer Sprengstoff.

Politische Sackgasse

Sanktionen, eng verknüpft mit Terrorismus, Atom- und Raketenprogramm, interne Machtkämpfe und das tiefe Misstrauen der Bevölkerung blockieren jede politische Bewegung. Internationale Investoren bleiben fern, während die Bürger ihre Ersparnisse in Gold und Devisen retten. Viele Iraner erwarten von keiner islamischen Regierung mehr, dass sie ihre Lage verbessert.

Fazit

Die islamistische Diktatur steckt in einem Teufelskreis: Stromausfälle, Inflation, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Armut sind Symptome eines Systems, das sich selbst blockiert. Das Land bleibt in einem Kreislauf aus kurzfristiger Krisenverwaltung und langfristiger Erosion gefangen.

Die soziale Kluft wächst, das Vertrauen schwindet, die Instabilität nimmt zu. Solange strukturelle Ungleichgewichte das bestimmende Muster bleiben, reduziert sich die Perspektive für breite Teile der Bevölkerung auf einen Alltag im Ausnahmezustand, gefangen in einer bröckelnden totalitären Diktatur, die schrittweise den Rückhalt der Masse von Gläubigen verliert.

Das Erbe von Mahsa Amini wirkt fort. Immer mehr Menschen sind entschlossen, den Kampf der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" weiterzuführen - als Symbol für eine Zukunft jenseits der Diktatur.

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