Katholikentag Münster

Ja, was stört denn jetzt alles?

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Rainer Maria Woelki

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Jacques Tilly

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Schaut man sich die Besetzung der Podiumsdiskussion "Störfaktor Religion – Wieviel Glaube verträgt die Öffentlichkeit" am 3. Tag der 101. Katholikentage in Münster an, so konnte man im Vorfeld bereits gespannt darauf sein, in welche Richtung und zu welchen Diskussionen es kommen würde. Ergebnis: Eine muntere Veranstaltung mit viel Selbstbeweihräucherung. 

Als Interviewpartner waren Dr. Eckhard von Hirschhausen und Carolin Kronenburg angesetzt. Von Hirschhausen setzte sich in Berlin unter anderem für freiwilligen Religionsunterricht statt Ethikunterricht ein und war Reformationsbotschafter der evangelischen Kirche im sogenannten Luther-Jahr. Kronenburg ist Mitarbeiterin der katholisch-bischöflichen Aktion Adveniat sowie Pressereferentin und Redakteurin des Bonifatiuswerk der katholischen Christen in Paderborn. Sie ist damit eine von drei Katholiken, die an der Diskussion teilnehmen sollten.

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Seyran Ateş, Rainer Maria Woelki & Joachim Frank – Foto: © Ricarda Hinz

Des Weiteren waren für die Podiumsdiskussion nämlich der bekennende Katholik Ministerpräsident Winfried Kretschmann (GRÜNE) sowie der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, eingeladen. Ihnen gegenüber saßen Seyran Ateş, Mitglied der Islamkonferenz sowie Initiatorin und Mitbegründerin des Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, sowie Jacques Tilly als scheinbar einziger säkularer Vertreter und Mitglied des Kuratoriums der Giordano-Bruno-Stiftung. Durch die Veranstaltung führte der Journalist Joachim Frank – ebenfalls bekennender Katholik und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Selbiges galt für die Anwälte des Publikums.

Mal abgesehen von der scheinbar dominanten Katholiken-Macht bei der Podiumsdiskussion muss die Frage gestellt werden: Wo ist das Judentum vertreten? Mit dem Katholizismus, dem Protestantismus sowie dem Islam waren die drei größten Religionen Deutschlands vertreten, doch gerade im Zuge der aktuellen Antisemitismus-Debatte wäre es angebracht gewesen, auch einen Gläubigen der viertgrößten Religionsgemeinschaft der Republik einzuladen.

Zu Beginn der Podiumsdiskussion sagte Frank, dass seine Gäste als "Störer" fungieren sollen. Leider schraubte der Moderator damit die Erwartungen etwas zu hoch. Dabei begann der Nachmittag recht launig mit Bildern der Karnevalswagen von Jacques Tilly. Neben den drei Mullahs wurde da auch der "Jugend-Wagen" gezeigt mit dem katholischen Priester und einem kleinen Jungen. Da ging ein Raunen durch das Publikum. Ob Kardinal Woelki da schon ahnte, dass er am Nachmittag einiges an Gegenwind erfahren würde? 

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Foto: © Ricarda Hinz

Doch Tilly erhielt auch einiges an Zustimmung für seine Wagen und damit verbundene Religionskritik. Hätten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts keine religiösen Gefühle verletzt, so würden heute noch die Scheiterhaufen brennen, zitierte er sinngemäß den Philosophen Michael Schmidt-Salomon und erntete dafür Applaus. 

Woelki akzeptierte die Kritik der Karnevalswagen, sieht es aber problematisch, wenn persönliche Gefühle durch Religionskritik verletzt werden. Für Kretschmann gehörte dieses einander stören – zwischen Religionskritikern und Religiösen – zu einer liberalen Gesellschaft. Ähnlich sah es Ateş.  

Ateş setzte sich in der Diskussion vehement für Religionsfreiheit und Gleichberechtigung ein. Und trat indirekt Dr. von Hirschhausen auf die Füße, der sich ja gegen einen Ethik- und für einen freiwilligen Religionsunterricht eingesetzt hatte: "Ich wünsche mir mehr Religion in der Schule, aber so, dass alle Kinder alle Religionen kennenlernen können, auch Agnostiker und Atheisten." 

So weit, so gut. Bis dato klang alles recht friedlich. Doch dann kam Kardinal Woelki mit recht theologischen und polemischen Argumenten um die Ecke, was den CSU-Vorschlag in Bezug auf die Kreuze in öffentlichen Behörden anging. Laut Woelki unterstütze er alle, die offen ein Kreuz tragen. Und würden diese dann in Amtsstuben oder in Gerichtssälen hängen, so würde dies auch Nicht-Gläubige daran erinnern, dass sie zum einen nach staatlichen Gesetzen handeln, aber sie auch einer höheren Macht unterstehen. 

Wie erwartet kam darauf auch die Störung von Tilly, der kritisierte, dass die Kirchen immer so emanzipiert und reformiert daher kämen, wenn es um Rechtsprechung ginge, wo doch gerade die katholische Kirche lange Zeit eher anti-demokratisch gewesen sei.

Auch Kretschmann kritisierte diesen Kreuz-Erlass: "Ich kann sagen, dass es das in meinem Land nicht geben wird", so der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Dies brachte Moderator Frank zu einer sehr merkwürdigen Zwischenfrage: "Weil Sie Religionsfeind und Selbstverleugner sind?" Kretschmann konterte: "Es kommt immer darauf an, wer etwas zu welchem Zeitpunkt mit welcher Absicht macht", was das Publikum unterstützte. 

Leider muss man sagen, dass diese Selbstbeweihräucherung der Moderatoren zu ihrem Glauben es teils schwer machte, die Podiumsdiskussion zu verfolgen. Immer wieder brachten sie nämlich ein, dass sie bekennende Katholiken sind. Bei solch einem Thema wäre es vielleicht angenehmer gewesen, doch eher neutraler agierende Moderatoren ans Werk zu lassen. 

Dennoch war es alles in allem eine interessante, wenn auch teils zähe Diskussion. Die Themen und Fragen des Publikums zeigten deutlich, welchen Reizfaktor Religion hat. Schade war nur, dass bei vielen interessanten Argumentn teils keine richtige Diskussion aufzukommen schien beziehungsweise sich die Diskussionsteilnehmer später nochmal auf Themen bezogen, die schon Minuten vorher abgehandelt wurden, wie Kretschmann in Bezug auf die Argumentation der Religionsfreiheit bei Ateş. Da wäre es einfacher – und auch angenehmer – gewesen, wenn solche "Störungen" direkt angesprochen worden wären.