75. Jahrestag der Befreiung

In München wehen weiße Fahnen

Weiße Fahnen am Münchner Rathaus
Weiße Fahnen vor dem Münchner Rathaus am Marienplatz
Weiße Fahnen am Maximilianeum
Weiße Fahnen vor dem Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtages (2020)
Weiße Fahnen am Münchner Kulturreferat
Weiße Fahnen hängen aus den Fenstern des Münchner Kulturreferats
Weiße Fahnen am Museum Brandhorst
Weiße Fahnen am Museum Brandhorst, das Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist

Am 75. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg wehten zum ersten Mal in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" etwa 200 weiße Fahnen an öffentlichen und privaten Gebäuden – mit der Aufschrift "Tag der Befreiung – 30. April 1945". Als sichtbares Zeichen für Freiheit und Menschenrechte, gegen rechtsextremistische Tendenzen und Geschichtsrevisionismus.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen, das der Künstler Wolfram Kastner und der Grafikdesigner und Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) München initiiert hatten.

So flattern seit dem Start der Aktion am 30. April 14 weiße Fahnen auf dem zentralen Marienplatz, einige städtische Einrichtungen wie das Kulturreferat, das Stadtmuseum oder die Volkshochschule beteiligen sich ebenfalls an der Aktion. Vor dem Landtag hissten Landtagspräsidentin Ilse Aigner und der Präsident der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, höchstpersönlich weiße Fahnen.

Es ist ein gutes Zeichen, dass sich 50 städtische und staatliche sowie weitere private Institutionen mit weißen Fahnen demonstrativ für Freiheit und Frieden und gegen Hass und Gewalt einsetzen.

Wolfram Kastner und Michael Wladarsch
Die Initiatoren der Aktion: Michael Wladarsch (links) und Wolfram Kastner (Foto: © Sylvia Katzwinkel)

1945 waren beim Einzug der Rainbow Division nur wenige weiße Fahnen in der Stadt zu sehen. Befreit wurden damals die Verfolgten, die KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, Widerständigen, Untergetauchten und Deserteure. Eine Niederlage erlebten die Nazis, die Kriegsverbrecher, die furchtbaren Richter und Ärzte, die Mitläufer, Unterstützer und Profiteure, die große Mehrheit der Deutschen, die bis zuletzt dem Mörderregime treu geblieben waren. Die NS-Verbrechen wurden viel zu lange verharmlost und vertuscht. Leider kamen die meisten ungestraft davon und konnten im "Kalten Krieg" Karrieren machen.

Die entscheidende Frage ist heute, in welche Tradition wir uns stellen, um darauf eine bessere freiheitliche Gegenwart und Zukunft aufzubauen – in die Tradition der Befreiten oder in die Tradition der Besiegten, der Mörder, der Vertuscher, der Nationalisten, Antisemiten und Militaristen, in deren Fußstapfen wohl die Gauländer treten? Wir wollen gerade heute Freiheit, Menschenwürde und Frieden für alle sichern, verteidigen und weiterentwickeln. Wir müssen die braune Pest eindämmen. Wir sind alle dafür verantwortlich.

Eigentlich waren auch ein internationales Frühstück, internationale Musik und Stelen auf dem Marienplatz mit Fotos von damals geplant. Wegen der Corona-Pandemie war das leider nicht möglich. Aber nächstes Jahr werden noch viel mehr weiße Fahnen wehen, ein Fest der Befreiung, ein weißes internationales Frühstück, Konzerte, Theatervorstellungen, Ausstellungen und andere Veranstaltungen stattfinden.

Der 30. April in München und der 8. Mai landesweit sollten endlich Feiertage werden – mit Geschichtsbewusstsein und freiheitlicher Zukunftsperspektive.

Die Aktion ist auch mit einer interaktiven Karte und einer Online-Ausstellung im Netz zu finden und hat eine Facebook-Seite.

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Kommentare (4)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Fr. 8 Mai 2020 - 11:40

Dies sollten die Verantwortlichen im Rathaus zum Anlass nehmen sich endlich um die Umbenennungen der Strassen und Plätze zu kümmern, wie z.B. die Kardinal Faulhaber Str.
Welche ein Unrühmliches Relikt aus der Nazivergangenheit der Stadt darstellen.

Wolfgang (nicht überprüft)

Fr. 8 Mai 2020 - 12:54

Antwort auf von Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Langsam, langsam, noch heute hat das Reichskonkordat von 1933 noch seine volle Gültigkeit, außer das die Glocken nicht mehr zu Ehren des Führers läuten. Geläutet wird immer noch. Erläuterung fand bis heute noch nicht statt.

A.S. (nicht überprüft)

Fr. 8 Mai 2020 - 15:32

Ich tue mich schwer mit den Begriff der "Befreiung" in diesem Zusammenhang. Das Nazi-Regime wurde Deutschland ja nicht aufgezwungen, wie z.B. den Niederlanden oder Frankreich, sondern kam mitten aus der Gesellschaft. Befreit wurden die KZ-Gefangenen.

Der 8.5.1945 war Niederlage. Bitter, aber gut so. Ein von außen aufgezwungener, notwendiger Regime-Change, weil die Deutschen ihn selber nicht hingekriegt haben.

A.S. (nicht überprüft)

Fr. 8 Mai 2020 - 15:42

Nachtrag zu meinem vorigen Kommentar:

Wie wäre es mit der Bezeichnung: "Tag des Neuanfangs" statt "Tag der Befreiung"?

Dann nicht am 8.5., sondern am 9.5. zu feiern.

Michael Wladarsch

Der Autor ist Inhaber des Münchner Grafikdesign-Büros 84 GHz. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Bayern und des bfg München, im Vorstand des Zentralrats der Konfessionsfreien und des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD) Bayern sowie bei der Säkularen Flüchtlingshilfe Bayern.

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