"Religiöser Fundamentalismus. Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe" – so betitelt ist eine Überblicksdarstellung des bekannten Religionssoziologen Detlef Pollack, der darin Ausführungen aus einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Thema präsentiert.
Seit der "islamischen Revolution" von 1979 im Iran ist immer wieder von einem "islamischen Fundamentalismus" die Rede. Doch was ist eigentlich genau mit der Bezeichnung gemeint? Mitunter gilt sie lediglich als politisches Schlagwort. Dagegen argumentiert Detlef Pollack an. Sein Buch trägt den Titel "Religiöser Fundamentalismus. Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe". Es ist Teil der C.H. Beck-Wissen-Reihe, in der Einführungsbände mit maximal 128 Seiten zu unterschiedlichen Themen erscheinen. Der Autor dieses Bandes war Professor für Religionssoziologe an der Universität Münster, wo er auch für den "Exzellenzcluster Religion und Politik" als Sprecher tätig war. Seine langjährige Beschäftigung mit einschlägigen Fragen zum Fundamentalismus trägt die kleine Schrift, die aber aufgrund der Reihen-Konzeption nicht in die Tiefe gehen kann.
Am Anfang stehen definitorische Erörterungen zu "religiösem Fundamentalismus", womit auch alle nur möglichen Bewegungen und Strukturen tituliert werden. Der Autor listet einige der typischen Merkmale auf, macht aber auch auf das Problem der Verallgemeinerbarkeit aufmerksam. Denn es geht einerseits um Denkarten, beispielsweise Dogmatismus, Feindbestimmungen oder Stereotype, aber auch um Handlungsstile, etwa Heilsbekundungen, Missionierungen oder Verwerfungen. Dabei kann es zu einer Gewaltorientierung kommen, muss es aber nicht mit Notwendigkeit. Deutlich betont wird eine gewisse Gleichzeitigkeit der Fundamentalismen, lassen beziehungsweise ließen sie sich doch in diversen Kultur- und Religionskreisen zu ähnlichen Zeitphasen wahrnehmen. All das thematisiert der Autor kurz und prägnant, wobei der Blick universell und weit gerichtet ist. Zwar dominiert die Aufmerksamkeit für den islamischen Fundamentalismus, man findet aber derartige Phänomene auch außerhalb der muslimisch geprägten Welt.

Entgegen der historischen Chronologie stehen zunächst die Muslimbrüder im Zentrum, handelt es sich doch um die für den heutigen Islamismus bedeutsame Mutterorganisation. In vielen einführenden Darstellungen waren sie jedoch kein Thema, da es an Aufmerksamkeit hierfür nicht nur in der westlichen Welt mangelt. Umso erfreulicher ist der Fokus von Pollack. Er behandelt danach die Entwicklung im Iran und die dort (noch) herrschende Theokratie. Dabei wird die unterschiedliche Dimension von entsprechenden Erscheinungsformen deutlich, die mal aus oppositionellen Aktivitäten in Gesellschaften, aber auch in diktatorischen Herrschaftsformen in einem Staat bestehen können. Ähnlich verhält es sich mit gewaltorientierten Gruppierungen wie islamistischen Terroristen: Al-Qaida wird behandelt, der Islamische Staat und sein informell noch bestehendes Netzwerk nur kurz. Aus den genannten Gründen gibt es lediglich eher kurze Organisationsportraits als Überblicksdarstellungen.
Erst danach ist das namensgebende Phänomen ausführlicher Thema, kam der Fundamentalismus-Begriff doch in den USA auf. Die Ablehnung der Evolutionstheorie bot seinerzeit den Hintergrund. Anschließend richtet der Autor seinen Blick noch auf andere Regionen der Welt, unter anderem auf nationalreligiöse und ultraorthodoxe Gruppierungen in Israel, aber auch auf Hindu-Nationalismus in Indien. Davor verweist Pollack noch einmal darauf, dass Fundamentalismen unterschiedlich verteilt sind. Mit Rückgriff auf diverse Umfragen veranschaulicht er, dass es sehr hohe Anteile unter Muslimen gibt.
Bilanzierend kann man sagen: Man hat es hier mit einer knappen Einführung zu tun, die den Fundamentalismus informativ und variantenreich thematisiert. Der Autor vermeidet dabei einen dramatisierenden Tonfall, die Besonderheiten der Gemeinten sprechen für sich. Der Religionssoziologe betont eine gewollte Aufhebung der zwischen Politik und Religion bestehenden Trennung, woraus sich das Gefahrenpotential für offene Gesellschaften ergibt.
Detlef Pollack, Religiöser Fundamentalismus. Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe. München 2026, C.H. Beck, 128 Seiten, 14 Euro






