Religionskonflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts

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Waiting for water - Flüchtlinge im Grenzgebiet zwischen der DR Kongo, Kenia und Tansania
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BERLIN. (hpd) "Der missbrauchte Glaube" – so titelte der Spiegel und beklagte die "gefährliche Rückkehr der Religionen". Kriege, Gewalt, Unterdrückung – all das wird der Religion zugeschrieben. Die Forschung zeigt, dass die Rolle von Religion in Konflikten ambivalent ist und viele Faktoren für ihre Wirkung eine Rolle spielen.

Schiiten gegen Sunniten in Syrien, Christen gegen Muslime in der Zentralafrikanischen Republik, Buddhisten gegen Hinduisten in Sri Lanka – Religion, so will es scheinen, stiftet auch im 21. Jahrhundert an vielen Orten der Welt Unfrieden und Gewalt. Hat also der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington Recht behalten, der Mitte der 1990er Jahre prophezeite, dass der Kalte Krieg des 20. Jahrhunderts vom Kampf der Kulturen im 21. Jahrhundert abgelöst würde? An den Bruchlinien dieser Kulturen, die vor allem durch eine der Weltreligionen geprägt seien, sah Huntington die Kriege und Bürgerkriege der Zukunft aufziehen. Vor allem der Islam habe "blutige Grenzen", schrieb Huntington (1998). Seinem Befund ist vielfach widersprochen worden (z.B. Müller 1998; Senghaas 1998). Dennoch hält sich die Rede vom "Kampf der Kulturen" hartnäckig. Nicht zuletzt die Anschläge von Al-Qaida vom 11. September 2001 in den USA wurden von vielen Beobachtern als Bestätigung aufgefasst.

Huntingtons Analyse beruht auf der Differenzthese: Wenn sich Angehörige unterschiedlicher Religionen gegenüberstehen, die jeweils Anspruch auf die absolute Wahrheit ihres Glaubens erheben, seien gewaltsame Konflikte unvermeidlich. Die These zeugt von Ignoranz gegenüber vielen historischen und aktuellen Beispielen religiöser Koexistenz, die vom mittelalterlichen Andalusien über das indische Mogulreich im 16. und 17. Jahrhundert bis hin zu den religiös diversen Gesellschaften der Gegenwart reichen.

Die Differenzthese in dieser Einfachheit wurde auch durch die aktuelle Forschung widerlegt. Ihr Befund ist eindeutig: Das bloße Aufeinandertreffen verschiedener Religionen, ihrer Glaubensgrundsätze und Praktiken, ist so gut wie nie die Ursache von Gewaltkonflikten. Auslöser von Bürgerkriegen sind meist Kämpfe um politische Macht sowie um natürliche und ökonomische Ressourcen im Kontext institutionell schwach ausgebildeter Staatlichkeit. Religion bzw. religiöse Differenzen sind allein keine hinreichende Ursache für das Aufflammen von Konflikten und Gewalt; sie können aber – ganz ähnlich wie unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten – in Wechselwirkung mit anderen Faktoren zur Verschärfung von Konflikten beitragen.

Die Politisierung und Instrumentalisierung von Religionen

Die politikwissenschaftliche Forschung hat eine Reihe von plausiblen Erklärungen für die konfliktverschärfende Wirkung von Religionen hervorgebracht. Obwohl religiöse Differenzen allein keine hinreichende Ursache für das Aufflammen von Konflikten und Gewalt darstellen, so ist die demographische Verteilung religiöser Zugehörigkeiten – beispielsweise die Polarisierung zwischen zwei religiös definierten Gruppen oder die Dominanz einer Gruppe – doch eine Voraussetzung für eine mögliche Politisierung von Religion (Montalvo/Reynal-Querol 2005). Besonders virulent werden solche demographischen Strukturen, wenn sie mit ethnischen Identitäten (Basedau et al. 2011), ökonomischen Unterschieden oder nationalistischen Bewegungen verquickt sind (Juergensmeyer 1993).

Der von der konstruktivistischen Friedens- und Konfliktforschung in den Vordergrund gerückte Begriff der Identität ist dabei von zentraler Bedeutung: Die religiöse Zugehörigkeit stellt eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale bei der Konstruktion kollektiver Identitäten dar. Anhand ihrer Religion nehmen Gruppen ihre Selbstbeschreibung, aber auch ihre Abgrenzung zu anderen Gruppen vor (vgl. den Überblick bei Choijnacki/Namberger 2013). Der "richtige" Glauben wird zu Bedingung der Zugehörigkeit zur Gruppe. Abweichler werden ausgegrenzt. Nach außen wird die religiöse Differenz zu einer zentralen Erklärung für die Andersartigkeit des "Feindes". Solche "in-group/out-group"-Mechanismen sind konstitutiv für das Konfliktgeschehen, weil sie erst die Kollektive hervorbringen, die dann einander feindlich gegenüberstehen.

Es bedarf jedoch immer des absichtsvollen Handelns sozialer, politischer und intellektueller Führer, um die konfliktverschärfende Wirkung von Religion hervorzurufen. Darauf machen die Studien von De Juan und Hasenclever (2009; 2015) aufmerksam, die die entscheidende Rolle von politischen Eliten hervorheben. Mithilfe des Framing-Ansatzes zeigen die Autoren, wie Eliten religiös aufgeladene diskursive Rahmungen (engl. frames) entwerfen, die Gewalt legitimieren und die Gläubigen zur Gewaltanwendung mobilisieren sollen. Inwieweit dies gelingt, hängt von einer Reihe von Faktoren ab – beispielsweise von der Kohärenz der Frames und von der Autorität der Eliten, die sie einsetzen, um ihre eigenen Ziele im Konflikt zu erreichen.

Religiöse Ideen, Überzeugungen und Normen sind also bedeutsam, um Gewalt zu rechtfertigen und die gläubigen Anhänger aufzuwiegeln. Aber es gibt keine einfache Gleichung, die die Instrumentalisierung religiöser Dogmen und Traditionen für die Anstachelung zu gewaltsamen Handlungen in Konflikten der Gegenwart erklären kann. Vielmehr sind Religionen nach Appleby (2000) "ambivalent": Sie beinhalten sowohl ethische Prinzipien, Normen und Narrative, die zu Frieden und Versöhnung aufrufen, als auch Inhalte und Deutungen, mit denen sich Gewalt und Krieg rechtfertigen lassen.

Gewalt als mögliche Handlungsoption erscheint vor allem dann gerechtfertigt, wenn die religiöse Gemeinschaft gegenüber ihrer sozialen und politischen Umwelt in die Defensive gerät und sich bedroht fühlt. Dann wird jeder Angriff auf religiöse Regeln und Traditionen und jede Herabsetzung religiöser Symbole als Angriff auf das eigene Leben der Mitglieder und die gesamte Gemeinschaft empfunden. Die Kopenhagener Schule spricht von der "Versicherheitlichung" von Religion. Angesichts der von den politischen und religiösen Führern beschworenen Gefahr für Sicherheit und Überleben wechselt die Gemeinschaft von der Routine in den Ausnahmezustand, in dem auch außergewöhnliche Handlungen, wie Hass und Gewalt, als legitim erscheinen (Laustsen/Waever 2003).

Das Verhältnis von Religion und Staat

Welche Handlungsmodelle aus der religiösen Tradition und Praxis gewählt werden, hängt von der historischen Entwicklung des Verhältnisses der religiösen Gemeinschaft zu den politisch Herrschenden ab. Nach Philpott (2007) bewegt sich das Verhältnis von Staat und Religion zwischen zwei Polen: der vollständigen Integration von Staat und Religion auf der einen Seite und der institutionellen Eigenständigkeit beider Sphären auf der anderen Seite. Je nachdem, wie eng Staat und Religion miteinander verquickt sind, steigt laut Philpott die Wahrscheinlichkeit entweder für Gewalt oder für Demokratisierung. Eine integrationistische politische Theologie, die nach politischer Macht strebt und andere Religionen unterdrückt, erleichtert die Rechtfertigung von Gewalt erheblich.

So zwang im Sudan der autoritäre islamistische Staat dem christlichen Süden seine religiöse Gesetzgebung (Scharia) auf, was zu einem brutalen Bürgerkrieg führte. Auch können religiös fanatische nicht-staatliche Gewaltakteure versuchen, einen Staat zu übernehmen bzw. sich einen eigenen Staat zu schaffen, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Die erste Variante ist gerade in zahlreichen Bürgerkriegsländern zu beobachten – z.B. in Jemen, Mali, Nigeria, Philippinen. Die zweite Variante wird besonders konsequent und brutal vom selbsternannten Islamischen Staat in Syrien und im Irak praktiziert.

Bearbeitungsmöglichkeiten politisch-religiöser Konflikte

Gibt es Wege, solche religiös aufgeladenen Konflikte zu bearbeiten? Entscheidend ist eine aktive Zivilgesellschaft. Ob die Hass und Gewalt schürende Propaganda verfängt, hat mit der Offenheit des Diskurses und der Pluralität der Gesellschaft zu tun. Wenn effektive Gegendiskurse existieren und von einflussreichen sozialen bzw. politischen Kräften vertreten werden, schwinden die Chancen religiös-fundamentalistischer Führer, sich durchzusetzen.

Hasenclever und De Juan (2007) identifizieren vier Ansatzpunkte, um der Instrumentalisierung von Religionen zur Rechtfertigung von Gewalt und Krieg vorzubeugen:

  • Religiöse Aufklärung, d.h. eine breite Interpretation der religiösen Tradition, die die innere Vielfalt und Komplexität achtet und so dem selektiven Herausgreifen exkludierender, gewaltlegitimierender Aussagen entgegenwirkt.
  • Strukturelle Toleranz, d.h. die Stärkung und Verfestigung moderater und differenzierter Interpretationsweisen in Institutionen und Diskursen, z.B. an religiösen Schulen, in der theologischen Ausbildung und in Gemeindestrukturen.
  • Autonomiepotenzial, d.h. die Gewährleistung der Unabhängigkeit religiöser Gemeinschaften vom Staat, die es ihnen erlaubt, der Vereinnahmung durch die politische Macht zu widerstehen.
  • Eine lebendige innerreligiöse Öffentlichkeit, die der Abschottung radikaler Gruppen und Interpretationsweisen den Austausch auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene entgegensetzt (Hasenclever/De Juan 2007).

Deutlich wird, dass eine solche Prophylaxe eine hinreichend lange Zeit vor dem Ausbruch eines Konflikts einsetzen muss, um eine Gewalteskalation zu verhindern. Dies gilt auch für Ansätze, die auf den interreligiösen Dialog setzen (Smock 2006). Sie bedürfen eines langen Atems, und sie erreichen in der Regel nur jene Gläubigen, die bereits ein Mindestmaß an Offenheit für den Austausch mit Andersdenkenden aufbringen, nicht aber radikalisierte Kämpfer.

Für die Bearbeitung von Konflikten, in denen Religion eine Rolle spielt, wird es paradoxerweise vielmehr darauf ankommen, die religiöse Dimension gerade nicht hervorzuheben. Wie die Erklärungen für die konfliktverschärfende Wirkung von Religion überwiegend zeigen, kommt diese erst dann zum Tragen, wenn bereits Konflikte um politische und ökonomische Macht schwelen. Angefacht werden diese Konflikte nicht zuletzt von politischen Eliten, die sich politische oder ökonomische Gewinne versprechen, und die religiöse Identitäten gezielt instrumentalisieren.

Wenn Gewaltkonflikte, wie in Syrien oder Irak, dann auch noch von der Außenwelt auf religiöse Differenzen reduziert werden, verschärft das die Gegensätze zwischen den religiösen Gruppen und blendet die ökonomischen und politischen Ursachen aus (Hurd 2015). In diese Falle der Vereinfachung sollten Staaten und internationale Organisationen, die sich in der Konfliktbearbeitung engagieren, auf keinen Fall tappen. Sie sollten vielmehr die Breite und Komplexität der Ursachen in den Blick nehmen, ohne die religiöse Dimension auszublenden.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Claudia Baumgart-Ochse für bpb.de