In der Schweiz zahlt bald die Krankenkasse für Abtreibungen

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Ab 2027 werden in der Schweiz die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche von der Krankenkasse übernommen. Der entsprechende Beschluss wurde bereits im Juni dieses Jahres vom Parlament gefasst. Die Regelung ist Teil des "Kostendämpfungspakets 2", das Bürgerinnen und Bürger finanziell entlasten soll.

Ungewöhnlich ist, dass das Parlament die Entscheidung ohne weitere Diskussion verabschiedet hat. Auch in der Schweiz löste das Thema Abtreibung in der Vergangenheit heftige Debatten aus. Doch diesmal stand es nicht prominent auf der Tagesordnung. Vielmehr ist die Kostenübernahme für den Eingriff Teil des umfangreichen "Kostendämpfungspakets 2", das zahlreiche Maßnahmen zur Einsparung von Gesundheitskosten für Schweizer Bürgerinnen und Bürger umfasst.

Der fragliche Abschnitt sieht vor, dass alle medizinischen Leistungen bis einschließlich der zwölften Schwangerschaftswoche von der Krankenkasse übernommen werden – dazu gehören auch Abtreibungen, die in diesem Zeitraum in der Schweiz legal sind. Ungewollt Schwangere, die sich für einen Abbruch entscheiden, müssen künftig lediglich eine Kostenbeteiligung zahlen, die bei allen Gesundheitsleitungen anfällt. In der Schweiz sind Schwangerschaftsabbrüche mit 1.000 bis 2.500 Franken relativ teuer. Zum Vergleich: In Deutschland zahlen Frauen zwischen 300 und 800 Euro.

Mattea Meyer, Co-Präsidentin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP), sprach von einem "feministischen Meilenstein" und begrüßte die finanzielle wie emotionale Entlastung für Betroffene. Besonders wichtig sei dieser Erfolg in Zeiten eines "gleichstellungspolitischen Backlash", bei dem das "Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper" durch rechte Kreise frontal angegriffen werde.

Auch in den Reihen der Schweizer FDP zeigte man sich zufrieden mit dem Ausgang der Abstimmung – und dies, obgleich die Partei grundsätzlich gegen neue Ausgaben im Gesundheitssektor ist. Bettina Balmer, FDP-Frauen-Präsidentin, Nationalrätin und Kinderchirurgin, betonte, wenn man Ja zur Fristenlösung sage, dann müsse man auch einen straflosen Schwangerschaftsabbruch in die Mutterschaft integrieren. "Ein Abbruch, bei dem wenige Zellen zerstört werden, ist der vernünftigere Weg, als ein Kind zu kriegen, das in permanenter Überforderung und Krise mündet."

Kathrin Bertschy sitzt für die Grünliberale Partei Schweiz im Nationalrat. Sie wertet die Entscheidung als Zeichen für einen Wandel in der Gesellschaft. "Der Zeitgeist hat sich verändert. Es gibt weniger Abtreibungsgegner im Parlament", so die Politikerin. Inzwischen gebe es es sogar bei den Konservativen Stimmen, die die Abtreibung nicht mehr antasten wollen.

Nicht zu dieser Gruppe gehört offenbar Andreas Gafner, der für die christliche und nationalkonservative Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) im Nationalrat sitzt. Gegenüber dem Tagesanzeiger bedauerte er die Parlamentsentscheidung. Als er von den "Gratis-Abtreibungen" erfahren habe, sei es bereits zu spät gewesen, um eine Diskussion im Rat zu erzwingen. "Wir müssten jede Abtreibung verhindern und den Leuten Perspektiven aufzeigen, anstatt den Anreiz für Abtreibungen noch zu erhöhen", betonte er.

Hierzu verweist Gafner auf ein Rechenexempel. In der Schweiz gebe es etwa 12.000 Abtreibungen pro Jahr, das entspreche dem jährlichen Verschwinden einer Kleinstadt. Diese Entwicklung kritisierte Gafner in Anbetracht des Fachkräftemangels und der alternden Gesellschaft. Der Bundesrat, die Schweizer Regierung, beantwortete eine entsprechende Anfrage des Politikers unmissverständlich: "Der Zugang zu einem sicheren und legalen Abbruch ist Teil einer modernen Gesundheitsversorgung und Voraussetzung für die Selbstbestimmung von Frauen." Schwangerschaftsabbrüche mit demografischen Überlegungen zu verknüpfen sei dagegen grundsätzlich problematisch.

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