Rezension

Suizid ohne Hilfe

Mit "Selbstbestimmt Sterben. Handreichung für einen rationalen Suizid" legt Jessica Düber eine aktualisierte Neuauflage ihres erstmals 2017 erschienenen Buches vor. Es richtet sich an Menschen, die sich eigenständig und ohne institutionelle Begleitung mit Fragen des selbstbestimmten Lebensendes auseinandersetzen möchten.

Vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020, das das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben als Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts bestätigt, beleuchtet das neu aufgelegte Buch einen Weg jenseits von Vereinen und Organisationen.

Jessica Dübers Anspruch ist dabei klar analytisch: Sie möchte informieren, Orientierung bieten und aus ihrer Sicht praktikable Möglichkeiten eines freiverantwortlichen Lebensendes in Deutschland aufzeigen. Ihr Buch positioniert sie bewusst außerhalb der Angebote organisierter Suizidhilfe. Im Mittelpunkt steht nicht die Begleitung durch Vereine oder professionelle Akteure, sondern der Wunsch mancher Menschen, Zeitpunkt und Umstände des eigenen Lebensendes vollständig selbst zu bestimmen – ohne institutionelle Abhängigkeiten oder die Einbindung fremder Personen.

Hintergrund und Zielgruppe

Ausgangspunkt der Argumentation ist ihre Beobachtung, dass bestehende Angebote der Suizidhilfe trotz rechtlicher Absicherung nicht für alle Menschen geeignet sind. Lange Vorlaufzeiten, finanzielle Anforderungen oder Zugangskriterien schließen bestimmte Personengruppen faktisch aus, etwa Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln. Aber auch für jene, die ihr Lebensende bewusst außerhalb institutioneller Strukturen gestalten möchten, sieht Düber eine bislang kaum adressierte Lücke.

Das Buch versteht sich daher als Handreichung für einen mündigen, informierten Umgang mit der Möglichkeit einer selbstbestimmten Lebensbeendigung in eigener Verantwortung. Die Neuauflage bündelt den fortgeschriebenen Wissensstand in kompakter Form und konzentriert sich bewusst auf zwei Ansätze, die die Autorin als vergleichsweise sicher und praktisch handhabbar einordnet: die Hydroxychloroquin- beziehungsweise Chloroquin-Methode sowie die Helium- beziehungsweise Inertgas-Methode.

Autonomie als Leitmotiv

Autonomie bildet das zentrale Leitmotiv des Buches. Düber argumentiert, dass das vom Bundesverfassungsgericht formulierte Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben bislang nur unzureichend mit realen Zugangs- und Unterstützungsstrukturen unterlegt sei. Die daraus resultierende Unsicherheit für Betroffene stellt einen wesentlichen Kritikpunkt dar.

Inhaltlich ist das Werk klar gegliedert. Es verbindet rechtliche Einordnung mit medizinisch-pharmakologischem Grundlagenwissen und knüpft dabei an Dübers langjährige publizistische Arbeit an. Auffällig ist die deutliche thematische Fokussierung: Nach eigener intensiver Recherche und kritischer Auseinandersetzung mit praktischen Erfahrungen hält die Autorin viele diskutierte Ansätze für problematisch oder ungeeignet und beschränkt sich entsprechend.

Diese Schwerpunktsetzung wird bereits im Vorwort sichtbar. Dort erläutert Düber, wie sie zu der Einschätzung gelangt ist, dass lediglich zwei Vorgehensweisen als tragfähig anzusehen seien. Das Buch versteht sich daher ausdrücklich nicht als umfassende Übersicht, sondern als bewusst konzentrierte Darstellung.

Ein zentraler Abschnitt widmet sich der rechtlichen Situation in Deutschland. Jessica Düber beschreibt die bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, erläutert zentrale Begriffe wie Freiverantwortlichkeit, Tatherrschaft und Dokumentationspflichten und ordnet auch die Abläufe im unmittelbaren Anschluss an einen Suizid systematisch ein. Im Vordergrund stehen dabei Nachvollziehbarkeit, Kontrolle und rechtliche Absicherung.

Die beiden Hauptteile des Buches befassen sich schließlich mit den von der Autorin favorisierten Ansätzen. Die Darstellung bleibt sachlich und technisch; persönliche Erfahrungsberichte oder ethische Reflexionen treten in den Hintergrund. Selbstbestimmt Sterben versteht sich hier weniger als begleitende Lektüre denn als strukturierte Darstellung eines aus Sicht der Autorin funktionalen Vorgehens.

Kritische Würdigung: Anspruchsvoll – und nicht für alle machbar

In der Gesamtschau ergibt sich ein ambivalentes Bild. Positiv hervorzuheben sind der nüchterne Ton sowie der Versuch, ein gesellschaftlich sensibles Thema ohne Pathos zu behandeln. Zugleich wird deutlich, dass die beschriebenen Wege ein erhebliches Maß an Informationskompetenz, organisatorischem Geschick und Eigenverantwortung voraussetzen.

Bereits die Vorbereitung – etwa die Beschaffung der erforderlichen Medikamente oder des technischen Equipments – ist mit erheblichem Aufwand verbunden und erfordert Ausdauer. Auch die Durchführung verlangt ein präzises, fehlerfreies Vorgehen. Zwar erläutert die Autorin die zugrunde liegenden pharmakologischen und physikalischen Zusammenhänge ausführlich, um die innere Logik der Abläufe verständlich zu machen. Dennoch dürfte nicht jeder Mensch in der Lage oder bereit sein, diese anspruchsvolle und belastende Vorarbeit zu leisten. Dies gilt insbesondere für die Helium- beziehungsweise Inertgas-Methode, die zusätzlich technisches Verständnis und praktische Fertigkeiten erfordert. Ergänzende grafische Darstellungen oder schematische Visualisierungen hätten hier zu mehr Anschaulichkeit beitragen können.

Gerade hierin wird deutlich: Die komplexen Vorbereitungen bergen Risiken für Fehler und Scheitern und sind nicht für alle Menschen realistisch leistbar.

Fazit

"Selbstbestimmt Sterben" schließt eine Lücke in der deutschsprachigen Literatur, indem es eine Perspektive sichtbar macht, die im öffentlichen Diskurs häufig marginalisiert wird: den Wunsch nach einem vollständig selbstorganisierten Lebensende. Das Buch bietet einen klar konturierten, konsequent vertretenen Standpunkt zur Autonomie des Individuums und fordert zur rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung heraus.

Gleichzeitig versäumt es, die Grenzen, Zumutungen und Risiken eines solchen Weges ausreichend transparent zu machen. Die kritische Einordnung, dass ein selbstbestimmtes Sterben ohne professionelle Begleitung nicht nur Freiheit, sondern auch erhebliche Verantwortung und ein erhöhtes Risiko des Scheiterns bedeutet, bleibt weitgehend den Leserinnen und Lesern selbst überlassen.

Weiterhin verweist das Buch jedoch auf eine grundlegende Leerstelle in der deutschen Debatte: Bislang existieren keine tragfähigen Überlegungen zu einem sicheren, rechtsklaren Weg für eine selbstbestimmte Lebensbeendigung, bei der die Entscheidung und Kontrolle tatsächlich in den Händen der Sterbewilligen liegen. Offene Fragen nach einem verlässlichen Zugang für Menschen, die ihre Entscheidung zur Lebensbeendigung freiverantwortlich getroffen haben, nach transparenten und seriösen Verfahren der Abgabe sowie nach einer sicheren Aufbewahrung und Anwendung entsprechender Mittel werden politisch und gesellschaftlich kaum thematisiert.

Gerade hier setzt das Buch einen wichtigen Impuls. Es macht deutlich, dass der Wunsch nach Selbstorganisation real ist, während die praktischen und institutionellen Konsequenzen dieses Anspruchs weitgehend ungeklärt bleiben. Diese Spannung macht "Selbstbestimmt Sterben" zu einem relevanten, zugleich aber auch kontroversen Beitrag in einer weiterhin offenen gesellschaftlichen Debatte.

Jessica Düber, Selbstbestimmt Sterben. Handreichung für einen rationalen Suizid, Books on Demand 2025, 138 Seiten, 29,99 Euro

Hinweis: Dieser Beitrag behandelt das Thema des assistierten Suizids. Wenn Sie selbst unter Suizidgedanken leiden oder sich in einer Krise befinden, wenden Sie sich bitte an eine Vertrauensperson und suchen Sie sich professionelle Hilfe.

In Deutschland erreichen Sie rund um die Uhr kostenfrei die Telefonseelsorge unter:

0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (auch online).

Junge Menschen bis 25 finden außerdem unter diesem Link Hilfe.

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