Franz Josef Wetz in Berlin

Das Wirrwarr der Werte

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Franz Josef Wetz
Franz Josef Wetz

Vergangene Woche stellte Franz Josef Wetz die Ideen aus seinem aktuellen Buch "WerteWirrWarr" in Berlin vor. Über das "Unverzichtbare in unversöhnlichen Zeiten" sprach er mit dem Leiter der Humanistischen Hochschule, Ralf Schöppner.

Ein volles Haus war garantiert: War doch Franz Josef Wetz schon einige Male zu Gast in Berlin. Eingeladen hatten wieder die Evolutionären Humanisten Berlin-Brandenburg (ehbb); dieses Mal gemeinsam mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) Berlin-Brandenburg und der Humanistischen Hochschule in das "Haus des Humanismus" nach Berlin-Schöneberg.

In seiner Vorstellung des Gastes verwies Ralf Schöppner darauf, dass Wetz schon viele Bücher geschrieben hat, die "Immer eine Intervention in aktuelle Diskurse, in Stellungnahmen zu politischen Themen und Herausforderungen" waren. So auch das jüngste, in dem es um den Zusammenhalt in der aktuellen Gesellschaft geht und die Schwierigkeiten, einander zuzuhören.

Franz Josef Wetz erklärte gleich zu Beginn seines Vortrags, dass er sich "auf einen besonderen Aspekt" konzentrieren werde. Nämlich auf das, was eben dieses "Unverzichtbare in pluralen Zeiten" sein könnte. Erst einmal sei festzustellen, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben. "Wir haben verschiedene Parteien, wir haben verschiedene Vereine, Gewerkschaften, Verbände, Religionskulturen, Lebensstile. Pluralismus ist überall da." Und deshalb, so Wetz, könnten wir sagen, dass der Pluralismus zu unserem Gemeinwesen gehört. Es stelle sich aber auch die Frage, ob es Einschränkungen geben sollte oder muss. Das bejaht Wetz und bezeichnet es als "ethisch qualifizierten Pluralismus", dessen es bedürfe. "Ein Pluralismus, ethisch qualifiziert, heißt, auch einer, der im Grunde der Vielheit und der Freiheit Grenzen setzt." Das sei umso notwendiger und wichtiger in einer Zeit, in der sehr viele Positionen stärker als früher unversöhnlich aufeinanderprallten.

Buchcover

Es sei zu bemerken, dass viele Menschen – insbesondere bei Diskussionen in den Sozialen Medien – nicht mehr kompromissbereit sind. Sie verträten dort Meinungen und Haltungen hart und viel aggressiver als wenn sie sich gegenüber sitzen würden. "Viele sind von Tagesmeinungen beherrscht, von den Sozialen Medien teilweise aufgestachelt." Das liegt laut Wetz daran, dass Menschen leicht beeinflussbar sind. Doch so schnell wie sie (vermeintliche) Bindungen eingehen, so wenig stabil sind diese Bindungen an Ideen und Meinungen. "man löst sich auch wieder schnell", denn "die Anschlusskraft ist gering und so entsteht ein wirkliches Durcheinander."

In diesem Wirrwarr aus unversöhnlich scheinenden Meinungen braucht es für Franz Josef Wetz "ein unverhandelbares Regelsystem". Diese Regelungen dürfen selbstverständlich nicht willkürlich begrenzen, sondern "dieses Werte-Rahmenwerk soll Freiheit und Vielfalt gewährleisten". Die Offene Gesellschaft ist also "nur in einem geschlossenen Rahmen sinnvoll."

Das verdeutlichte Wetz an mehreren Beispielen: Wann ist es für die Gesellschaft notwendig, in individuelle Rechte einzugreifen, um sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft zu schützen? Diese Abwägung findet selbstverständlich nicht im luftleeren Raum statt, sondern muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Zudem stehen " Freiheit, Teilhabe und Unterstützung […] aber in keinem freien Verhältnis zueinander, sondern sind in einem gespannten Verhältnis". Deshalb benötigten wir Rahmenwerte, die diese Spannungen aushalten und auflösen. Das müsse "ausdiskutiert werden" und "darüber muss gestritten werden" können. Ohne Scheu und ohne Ideologie oder Religion.

"Dazu bedarf es auch wieder bestimmter Werte, die ich Rahmenwerte nennen möchte, dazu gehört der Dialog, das kompromissbereite Gespräch, die parlamentarische Debatte, die niemals zu glatten Lösungen führen wird." Denn was man erreichen könne, sind Kompromisse. Und die könnten niemals vollständig jedem gefallen. "Kompromisse schlichten Konflikte, und Konflikt zu schlichten heißt, sie arrangieren sich in irgendeiner Weise." Denn ein Kompromiss müsse der Anforderung nicht entsprechen, logisch widerspruchsfrei zu sein. "Ein Kompromiss steht nur unter der Anforderung der Handlungsfähigkeit." Das erst ergebe einen funktionierenden Pluralismus. "Wir haben ein pluralistisches Wertewirrwarr gewissermaßen, und ich sage, das ist gar nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn im Grunde die unverhandelbaren Rahmenwerte, die dieser Pluralismus zu einem friedlichen Phänomen, zu einem zivilisierten Phänomen werden lässt" nicht angemessen gewürdigt würden. All das jedoch scheint derzeit nicht zu existieren. Wetz hat den Eindruck, es gebe keine Differenzierungen. "Alles wird sofort verdächtigt, eine Abwertung in irgendeiner bestimmten Hinsicht" zu sein.

In der abschließenden Diskussion mit dem Publikum stellte Wetz noch einmal dar, dass es für ihn auch ein Mangel an Humor ist, der zur scheinbaren Unversöhnlichkeit in jeder Debatte führe. Man solle nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und auch damit zurechtkommen, wenn der Hammer und nicht das Florett benutzt werde.

Der Abend jedenfalls hat die Besucher offenbar dazu animiert, sich mit Wetz' Ideen ausführlicher zu befassen: Sein Buch wurde gut verkauft.

Franz Josef Wetz, WerteWirrWarr. Das Unverzichtbare in unversöhnlichen Zeiten, Aschaffenburg 2025, Alibri Verlag, 176 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-86569-444-7

Ein Interview mit dem Autor lesen Sie hier.

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