Die Diskussion über die Zukunft des Sozialstaats gewinnt gerade wieder an Fahrt. Die SPD kündigt ein neues Grundsatzprogramm zur sozialen Sicherung an. Tatsächlich deutet sich an, dass sie sich dabei nicht erneut nur auf operative Stellschrauben konzentrieren wird, sondern dass systemische Fragen in Angriff genommen werden sollen.
Was regelmäßig aus dem Blick gerät, sind die systemischen Grundlagen des Sozialstaats – jene Prämissen, die nicht verhandelbar sind, weil sie den Kern sozialstaatlicher Legitimität bilden. Wer über Reformen spricht, ohne diese Grundlagen zu klären, diskutiert an der entscheidenden Stelle vorbei.
Genau deshalb lohnt es sich, den Blick zunächst auf das zu richten, was am Ende der Sicherungskette steht: die Grundsicherung. Sie ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob der Sozialstaat noch trägt – nicht in seiner Effizienz, sondern in seinem Anspruch. Und sie ist zugleich der Punkt, an dem die politischen Debatten der letzten Jahre besonders deutlich zeigen, wie leicht sich Systemlogik in Steuerungslogik verwandelt.
Der folgende Text bildet den Auftakt zu einer Serie über die Grundlagen des deutschen Sozialsystems, die in den kommenden Wochen im hpd erscheinen wird. Jeder Teil widmet sich einem der zentralen Sicherungsbereiche – Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Pflege, Unfallversicherung – und fragt nicht nach Detailreformen, sondern nach ihrer systemischen Funktion, ihren Grenzen und ihrem inneren Zusammenhang.
Doch beginnen muss diese Serie dort, wo alle Sicherungssysteme enden: beim letzten Netz.
Grundsicherung als Prüfstein echter Sozialstaatlichkeit
Die Grundsicherung nimmt im Gefüge des Sozialstaats eine besondere Stellung ein. Sie ist nicht ein weiterer Baustein sozialer Sicherung, sondern deren äußerster Rand. Wo sie greift, sind alle vorgelagerten Systeme erschöpft. Sie ist nicht Übergang, nicht Ergänzung, nicht Optimierungsinstrument – sie ist das letzte Netz.
Genau daraus ergibt sich ihr Anspruch: Dieses letzte Netz muss vorbehaltlos jedem Bedürftigen zur Verfügung stehen. Es darf nicht konditionalisiert, nicht moralisiert und nicht als Druckmittel eingesetzt werden. Denn an dieser Stelle endet nicht nur das soziale System, sondern auch seine legitime Steuerungsfähigkeit.
Jede weitere Bedingung überschreitet diese Grenze. Sie verwandelt Fürsorge in Disziplinierung und kollidiert mit dem Prinzip der Menschenwürde, das keiner Zweckmäßigkeit unterliegt. Ein Sozialstaat, der an seinem letzten Netz spart oder es als Instrument der Verhaltenssteuerung nutzt, steigert nicht die Effizienz, sondern verliert seinen eigenen Anspruch.
Der kurze Weg ins letzte Netz
Der Weg in die Grundsicherung ist heute kein Ausnahmefall mehr, sondern eine strukturelle Möglichkeit moderner Erwerbsbiografien. Er ist kurz, oft ungeplant und für wachsende Teile der Bevölkerung realistisch.
Die Logik ist schlicht: Nach maximal zwölf Monaten Arbeitslosengeld I folgt – bei ausbleibender Reintegration – unmittelbar die Grundsicherung. Kein weiteres Sicherungssystem, kein Zwischenraum. Dieser Übergang ist kein individueller Sonderfall, sondern systemisch vorgesehen.
Damit steht das gesamte Sozialversicherungssystem unter einem Vorbehalt: Es schützt nicht zuverlässig vor dem Absturz, sondern verzögert ihn. Die vorgelagerten Systeme verlieren dort ihre beruhigende Wirkung, wo ihr Schutz zeitlich oder faktisch begrenzt ist. Was bleibt, ist das letzte Netz.
Wenn dieses Netz nicht vorbehaltlos trägt, entsteht ein System, das Sicherheit nur verspricht, solange alles funktioniert. Gerät eine Biografie aus dem Takt, endet nicht nur der Leistungsanspruch, sondern die Verlässlichkeit des Systems selbst.
Warum Konditionalität am letzten Netz systemfremd ist
Bedingungen sind im vorgelagerten Systemen diskutabel. Dort geht es um Übergänge, um Reintegration, um temporäre Unterstützung. Steuerung und Anreize mögen dort funktional sein.
Die Grundsicherung folgt einer anderen Logik. Sie ist kein Übergangssystem, sondern der Endpunkt sozialstaatlicher Absicherung. Wo sie greift, sind alle Steuerungsmechanismen bereits ausgeschöpft. Genau deshalb ist Konditionalität an dieser Stelle kategorial falsch.
Aktivierung setzt Wahl voraus. Existenzsicherung darf sie nicht ersetzen.
In der Grundsicherung gibt es keine Alternativen mehr. Wer hier sanktioniert wird, fällt nicht in ein anderes System, sondern unter das Existenzminimum. Das ist kein Steuerungsinstrument mehr, sondern eine Drohung.
Die semantische Verschiebung: ALG II als Legitimationsmaschine
Die Bezeichnung "Arbeitslosengeld II" hat eine zentrale politische Funktion erfüllt. Sie suggerierte Kontinuität zur Arbeitslosenversicherung, wo in Wirklichkeit ein Systembruch stattfand. Eine Fürsorgeleistung wurde als Teil eines arbeitsmarktbezogenen Sicherungssystems etikettiert.
Genau daraus speist sich die vermeintliche Legitimation von Sanktionen und Mitwirkungspflichten. Wer glaubt, es handele sich um eine arbeitsmarktnahe Leistung, akzeptiert Steuerungsinstrumente eher. Dass tatsächlich das Existenzminimum betroffen ist, wird semantisch verdeckt.
Die spätere Umbenennung in "Grundsicherung" oder "Bürgergeld" ändert daran nur etwas, wenn auch die Systemlogik korrigiert wird. Bleiben Sanktions- und Aktivierungslogiken bestehen, bleibt auch der alte Bedeutungsgehalt wirksam – unabhängig vom Etikett.
Der begriffliche Kurzschluss hat reale Folgen: Was als Arbeitslosengeld erscheint, darf sanktioniert werden. Was Existenzminimum ist, darf es nicht – trotz materieller Gleichheit.
Die ordnungspolitische Verschiebung
Je stärker vorgelagerte Sicherungssysteme entkernt werden, desto häufiger wird das letzte Netz in Anspruch genommen. Je poröser dieses Netz wird, desto größer wird die Absturzangst – auch bei jenen, die noch nicht betroffen sind.
Das Resultat ist keine höhere Erwerbsintegration, sondern präventive Anpassung nach unten: Verzicht auf gesundheitliche Auszeiten, Annahme prekärer Beschäftigung, Rückzug aus gesellschaftlicher Teilhabe.
Und es entsteht ein zweiter Effekt: Wo soziale Sicherung nicht mehr trägt, tritt Ordnungspolitik an ihre Stelle. Wohnungslosigkeit, Überschuldung, psychische Erkrankungen werden nicht mehr als Folgen unzureichender Absicherung verstanden, sondern als ordnungspolitische Herausforderungen. Der Fokus verschiebt sich von Unterstützung zu Aufsicht, von Hilfe zu Verwaltung, von Teilhabe zu Regulierung von Sichtbarkeit.
Dieser Übergang ist keine politische Panne, sondern eine logische Folge der Durchlöcherung des letzten Netzes.
Fazit
Die Grundsicherung ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob der Sozialstaat noch trägt. Nicht in seiner Leistungsfähigkeit, sondern in seinem Anspruch. Hier endet die Legitimität aktiver Steuerung. Wo Bedürftigkeit festgestellt ist, darf es kein "Aber" mehr geben.
Ein letztes Netz, das Bedingungen stellt, ist kein Netz mehr.
Wenn vorgelagerte Sicherungssysteme entleert werden und das Ende der Sicherungskette zugleich porös wird, entsteht kein handlungsfähiger Sozialstaat, sondern ein System permanenter Unsicherheit. Diese Unsicherheit prägt nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern das Verhalten einer ganzen Gesellschaft.
In diesem Sinne ist die Grundsicherung kein Randthema sozialpolitischer Debatten, sondern ihr Prüfstein. Hier entscheidet sich nicht, wie viel Sozialstaat eine Gesellschaft sich leisten will. Hier entscheidet sich, ob sie überhaupt einen will.






11 Kommentare
Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.
Kommentare
Werner Blumenthal am Permanenter Link
bin kein Jurist, aber mir ist so, als habe das Bundesverfassungsgericht den hpd-Artikel Udo Endruscheits längst entschieden - nur sinngemäss: das Existenzminimum darf nicht unterschritten werden (es darf keine "S
Wenn jemand "Politiker" wählt, die das nicht verstehen wollen, dann können wir auch gleich die Verfassung einstampfen.
Udo Endruscheit am Permanenter Link
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben völlig recht, dass das Bundesverfassungsgericht das Existenzminimum (in seiner Funktion, wie die Rechtslehre sagt) grundsätzlich schützt.
Deshalb gelten die früheren Entscheidungen des BVerfG – einschließlich der Sanktionsentscheidung von 2019 – unverändert weiter. Und dort hat das Gericht ausdrücklich zugelassen, dass Sanktionen in engen Grenzen möglich sind. Genau deshalb wird politisch überhaupt über Sanktionen gestritten.
Ich halte selbst diese „zugelassenen“ Kürzungen für problematisch. Wenn das Existenzminimum wirklich das markiert, was ein Mensch zum Leben braucht, dann ist jede Absenkung ein Widerspruch in sich. Das Gericht hat hier eine Relativierung vorgenommen, die ich systemisch und menschenrechtlich nicht überzeugend finde. Wir dürfen davon ausgehen, dass sich das Gericht dieser "dogmatischen Lücke" durchaus bewusst ist - und sie vermutlich bei nächster Gelegenheit korrigieren wird. Vermutlich dann, wenn die politische Sanktionsdebatte noch restriktiver wird - was wir gerade beobachten können.
Werner Blumenthal am Permanenter Link
@ Udo Endruscheit: "Wenn das Existenzminimum wirklich das markiert, was ein Mensch zum Leben braucht, dann ist jede Absenkung ein Widerspruch in sich." Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Diese Frage stellt sich bei den Entscheidungen der aktuellen Bundesregierung nicht mehr, da gibt es gleich die Antwort: "Das ist unmöglich!" Die Leistungen komplett einzustellen, ist Mord auf Raten: Menschen werden in die Obdachlosigkeit geschickt, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit ...
GeBa am Permanenter Link
Der letzte Satz dieses Artikels ist beunruhigend und sollte zum Nachdenken aufrufen!
A.S. am Permanenter Link
Wieviel Sozialstaat konnte sich eine eiszeitliche Jäger- und Sammler-Gesellschaft leisten?
Wieviel Sozialstaat konnte ich eine nomadisierende Hirtengesellschaft leisten?
Die industriellen Produktionsmethoden, basierend auf billiger Energie und Technologie, haben den modernen Sozialstaat doch erst möglich gemacht!
Jede menschliche Gesellschaft hat ihre Leistungsgrenzen, die man um des gesellschaftlichen Friedens willen nicht überbeanspruchen darf. Und sei es noch so gut gemeint.
Uli Schoppe am Permanenter Link
Wie hat sich denn der relative Anteil des Bürgergeldes im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt verändert? So als Preisfrage?
Und was heißt das für die Mythenbildung bei den "leeren Kassen"?
Wo sind bitte die total ausufernden "nicht mehr bezahlbaren" Steigerungen die jetzt noch mehr Ausgrenzung und Drangsalieren nötig machen?
Das Geld soll einfach woanders hin...
Udo Endruscheit am Permanenter Link
Ich habe in einem früheren Artikel hier beim hpd (Relativitität ohne Bezug - Wie politische Zahlen ihre Wahrheit verlieren - 10. Oktober 2025) hierzu einiges klargestellt.
Die Erzählung von der Unfinanzierbarkeit des Sozialstaates ist erstens Unsinn und ist es zweitens, weil es unter falschen Prämissen geführt wird. Ich komme in der angekündigten Artikelserie zum Sozialstaat darauf zurück.
Ich mache zudem keine operativen Vorschläge - mein Anliegen ist, den Blick auf die Grundlagen, die Voraussetzungen und die Folgen der Sozialstaatlichkeit zu schärfen, damit überhaupt ein Rahmen sichtbar wird, in dem operatives Handeln sinnvoll und gerechtfertigt ist.
Ralph Pies am Permanenter Link
Die angesprochenen Gesellschaften haben ihre Akten, Kranken und Kinder mit versorgt. Und das sollte uns auch möglich sein.
Udo Endruscheit am Permanenter Link
Der Verweis auf Jäger und Sammlergesellschaften oder vormoderne Stammesverbände ist ein massiver Kategorienfehler.
Gerade in diesen Gesellschaften war der soziale Solidaritätsverbund das zentrale Organisationsprinzip: Wer krank wurde, wurde versorgt. Wer nicht jagen konnte, bekam dennoch Nahrung. Wer alt wurde, wurde getragen.
Nicht, weil man es sich „leisten konnte“, sondern weil das Überleben der Gruppe davon abhing. Solidarität war kein Kostenfaktor, sondern Überlebensbedingung.
Die Industrialisierung hat die Spätformen dieser Strukturen nicht ersetzt, sondern zerstört: Urbanisierung, Mobilität, Anonymisierung, funktionale Arbeitsteilung – all das hat die vormodernen sozialen Sicherungsmechanismen aufgelöst. Genau deshalb ist der moderne Sozialstaat nicht ein Luxusprodukt des Wohlstands, sondern die institutionelle Antwort auf den Verlust vormoderner Solidaritätssysteme.
Insofern ist die These, die industrielle Produktion habe den Sozialstaat „erst möglich gemacht“, historisch falsch. Sie hat ihn notwendig gemacht.
Das Argument der „Leistungsgrenzen“ wirkt vor diesem Hintergrund deplatziert. Der Sozialstaat ist kein freiwilliges Add on, das man je nach Haushaltslage hoch- oder herunterdreht, sondern ein verfassungsrechtlich verankerter Ordnungsrahmen, der die Funktionsfähigkeit einer modernen Gesellschaft überhaupt erst sicherstellt.
Wer ihn auf „Leistbarkeit“ reduziert, verwechselt Ursache und Wirkung:
Nicht der Wohlstand trägt den Sozialstaat – der Sozialstaat trägt den Wohlstand einer hochkomplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Dass man ihn innerhalb seines Ordnungsrahmens gestaltet und durchaus dabei priorisiert, ist eine andere Sache. Aber ihn per se für „unleistbar“ zu erklären, legt die Axt an die Wurzeln gesellschaftlicher Leistungs- und Funktionsfähigkeit.
Moderne Gesellschaften funktionieren nicht wie Stammesverbände. Und genau deshalb brauchen sie Institutionen, die das auffangen, was früher soziale Nähe geleistet hat.
A.S. am Permanenter Link
Sehr geehrter Herr Endruscheit, sehr geehrter Herr Pries, meiner Meinung nach idealisieren Sie die früheren Verhältnisse. Ja, Gruppensolidarität gab es immer, weil sie einen Überlebensvorteil verschafft.
Ich bin mir sicher, dass "sich auf die faule Haut legen" in diesen Gesellschaften nicht toleriert wurde.
Der andere Aspekt, der mMn unterbelichtet wird, ist, dass es um Annahmen über die zukünftige Entwicklung unseres Staatswesens geht. Wenn sich das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen verändert, wird es Anpasungen geben müssen. Und, was auch richtig ist, in den letzten Jahren wurden andere wichtige Aufgabenbereiche vernachlässigt: Infrastruktur, Militär, ... Ja, auch hierfür wird Geld gebraucht, das woanders gekürzt werden muss.
Ich habe schon den Eindruck, dass sich der "Sozialindustrielle Komplex" in Deutschland verselbständigt hat. Er muss demokratisch eingefangen werden wie ehedem auch der "Militärindustrielle Komplex" eingefangen werden musste.
adam sedgwick am Permanenter Link
Die Grenze des Sozialstaats – Warum das letzte Netz nicht verhandelbar ist.
Ein echtes, funktionierendes Sozialsystem ist für die Stabilität des Landes wichtig. Es gibt viele Menschen, die unverschuldet in eine finanzielle Existenzkrise geraten. Man denke nur an die Schließung von Firmen, wenn auf einen Schlag eine größere Anzahl Bürger bei den gegenwärtigen und hohen Kosten an Wohnung und Ernährung in existentielle Armut fallen.
Natürlich kosten die sozialen Sicherungssysteme, so wie sie hier dankenswerterweise ausführlich beschrieben sind, dem Steuerzahler eine Menge Geld. Dabei sollte man aber beachten, dass dieses Geld nur sehr kurz, weniger als einen Monat beim Empfänger verbleibt, weil es notwendigerweise ausgegeben werden muss! Wo landet das Geld? Natürlich bei den Vermietern, bei den Kommunen (Wohnnebenkosten) und vor allem bei den zwei Lebensmittelkonzernen, ALDI und LIDL. Eigenartigerweise gehören deren Chefs zu den reichsten Bürgern unseres Landes! Also selbst die ganz armen Menschen sorgen für den Reichtum der Superreichen! Je höher die Sozialausgaben für die Bevölkerung, desto besser für die Wirtschaft! Worüber regt sich die Politik und die Wirtschaft bei dem Thema Sozialstaat denn so auf?