Marienstatue weint Olivenöl, was ist da los?

Gott schmiert uns an

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Es ist Sommer. Die sauren Gurken sprießen. Die Marienstatuen weinen. Bislang kam da immer Wasser. Oder Blut. Oder Farbe. In Hobbs, New Mexico, hat Gott jetzt seine Produktpalette erweitert: Die Maria weint Olivenöl! Es duftet nach Rosen. Wie es dazu kommen konnte? Wir haben den Allmächtigen mal gefragt.

Gott wird jetzt auf Olivenöl umsteigen! Olivenöl mit Rosenduft. Lange Jahre hat er schon herumexperimentiert, was für eine Flüssigkeit er am besten nutzen sollte, um ein wirkliches, wahrhaftiges Wunder werden zu lassen, ein Wunder, das seiner eigenen, unermesslichen Großartigkeit angemessen wäre – allmächtig und -wissend, megaschrankenlos in seinen Fähigkeiten. Gibt ja nicht viele Leute, die schon mal ein ganzes Universum erschaffen haben, mit Galaxien aus tausenden von Sonnen, um die Planeten kreisten, auf denen das Wasser schwappt, die Blumen blühen, die Fische schwimmen, Kühe muhen und Vöglein piepen: Wenn man ehrlich ist, hat das, außer ihm, noch niemand geschafft, niemand, den er kennt. Und er kennt praktisch jeden.

Was Wunder angeht, ist Gott in den letzten Jahrtausenden etwas geschmäcklerisch geworden. Früher, bevor Internet und Handykamera aufkamen, in den Zeiten alter Schriftrollen und Hörensagen-Sagenhören, hat er noch mächtig vom Leder gezogen: Hat ganze Städte bombardiert, hat das Meer auf ein vereinbartes Klopfsignal hin geteilt, hat tote Leute wiederbelebt und in den Himmel fliegen lassen, bis sie eine stabile Umlaufbahn erreichten. Irgendwie findet Gott das mittlerweile selber ein bisschen pathetisch. Immer dieser Theaterdonner! Können die Leute denn nicht anfangen, einfach so an ihn zu glauben und seine paar Regeln zu befolgen statt lieber freiwillig in der Hölle brutzeln? Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt.

Wissenschaft und logisches Denken sind inzwischen so weit fortgeschritten, das haben nicht mal Gottes Prediger und Folterknechte verhindern können, so unnachgiebig sie sich auch über Jahrhunderte darum bemühten. Die Menschen haben Forschen und logisches Denken gelernt und tun sich mächtig dicke damit. Jetzt fliegen sie mit eigenen Mitteln durch die Lüfte, stoppen Flüsse, zerstören ganze Städte mit selbstgebastelten Bomben. Gut, bitte, sollen sie doch.

Gott hat schon vor vielen Jahren beschlossen, nun eben ganz andere Wege zu gehen. ER wird keinen Riesenrabatz mehr veranstalten, wird keine Weltfluten mehr inszenieren, niemanden mehr zur Salzsäule verzaubern. Gott hat seine Vorgehensweise verfeinert und sich auf viele kleinere, unscheinbarere Wunder verlegt. Man muss ja nur ein einziges klitzekleines Phänomen erschaffen, das mit der Anmaßung und der Selbstzufriedenheit der sogenannten Wissenschaft nicht erklärbar ist. Pffft, Wissenschaft! Wenn er das schon hört. Die kann er ja nun gar nicht verknusen, frech und respektlos findet er sie, seit jenem schrecklichen Tag, als seine Lieblingskreaturen ihn im Garten Eden beklaut haben, aus purer, frecher Neugier. Wo er sich schon so auf die schöne Frucht gefreut hatte, am Abend, als Nachtisch!

Sollen Sie doch zeigen, was sie drauf haben. Ob sie wirklich so schlau sind. Das ist Gottes neue Idee, der ihm irgendwann in den Fünfzigern gekommen ist. Winzige Mengen an Flüssigkeit, denkt er, die aber aus dem Nichts auftauchen – das ist doch wohl Wunder genug für diese oberschlaue Menschheit. Da können sie sich die Zähne dran ausbeißen, da können sie forschen und forschen und müssen am Ende doch verzweifelnd einsehen: Nur Gott kann diese winzige Flüssigkeitsmenge dort hinplatziert haben! Und damit die Tröpfchen nicht übersehen werden, beschloss Gott seinerzeit, sie auf Marienstatuen erscheinen zu lassen. Marienstatuen findet er irgendwie schön, sie beruhigen ihn. Sie lassen ihn immer mal wieder daran denken, ob er selbst nicht ruhiger und friedlicher geworden wäre in seinem Charakter, wenn sein Schöpfer ihm eine freundliche Göttin an die Seite gestellt hätte, statt ihn in diese ewige Einsamkeit zu werfen ... nun ja.

Seither hat Gott immer mal wieder Flüssigkeit auf Statuen platziert, nur nicht zu viel davon und nur keine wirklichen Tränen! Man soll es den Leuten ja auch nicht zu leicht machen. Er hat Wasser erscheinen lassen in den rührenden Augen seiner Madonnen. Das war als Kondenswasser erklärt worden. Er ließ rote Flüssigkeit auftauchen, exakt dieselbe, die auch auftauchen würde, wenn ein Kleriker einen Taschenspielertrick versuchen würde – so konnten die Gläubigen einen Rest köstlichen Zweifels behalten, als Lebensaufgabe. Er hat mit Blut experimentiert, das dann leider per DNA-Analyse einem Mann zugeordnet wurde – oh, diese Kleingläubigen! Vielleicht weint Maria ja das Blut von Jesus, hm? Oder von einem Heiligen?

Zum Wuschigwerden ist es mit diesen Menschen. Kurz überlegt Gott, ob er nicht doch mal wieder ein richtiges, krasses, gut bezeugtes, überwältigendes Wunder geschehen lassen sollte, etwa sämtliche in Seenot befindlichen Flüchtlingsboote aus dem Mittelmeer in die Lüfte erheben und sie durch die Lüfte in ein sicheres Land tragen? Da hätten die Leute dann mal einen Aufreger, an dem sich nicht vorbeigehen ließe. Er sah schon die Schlagzeilen vor sich: "Gott: Doch da", "Seehofer: Dieser Gott ist nicht meiner!", "Trump: In Wirklichkeit war ich es", undsoweiter undsoweiter.

Das wäre ein Spaß. Gott streicht sich den langen, weißen Bart. Eines ist allerdings auch klar: Sobald er je, vor Zeugen, vor Handys, für Fernsehteams sichtbar, sich zu erkennen gäbe, wäre alles vorbei. Alle würden an ihn glauben. Alle wären beeindruckt von ihm. Irgendwie, denkt Gott, wäre doch  dann die Luft raus. Es gibt ihn, zack. Seine Beziehung zur Menschheit verlöre alles Spielerische, Erotische. Fang mich doch, fang mich doch! Das gäb's dann nie wieder. Gott kennt sich da nur zu gut: Er müsste dann die bisherige Welt verwerfen und wieder mit einer neuen beginnen. Hm.

Olivenöl! Fällt ihm da ein. Warum nicht mal Olivenöl nehmen? Olivenöl mögen die Leute, es hat einen unmittelbaren Bezug zu ihrer Lebenswelt, und niemand kann daherkommen und nörgeln, das Öl sei eben halt an dieser Stelle kondensiert oder sei aus der Gipsfigur gesickert, bla, bla. Und, noch besser: Er nimmt nicht irgendein Olivenöl, er nimmt sogar ein himmlisches, mit Rosenduft versetztes, eines, wie es in seiner Kirche in Gebrauch ist. Damit ist der Absender dann gleich mal klar. Mit geschlossenen Augen auf die sich drehende Erdkugel tippend, findet der Allwissende den Ort für seine neue Kampagne. Es ist, wie immer, ein Ort weit jenseits von allem: Hobbs, New Mexico. Sie haben da in einer kleinen Kirche eine Marienstatue, der Maria von Guadalupe nachempfunden, ganz hübsch eigentlich. Dort wird er ...

Aber wird er? Vielleicht, denkt Gott, sollte ich jemanden finden, einen Irdischen, einen Menschen, der es für mich tut. Der das Olivenöl dorthin platziert, wo es dank meines weisen Ratschlusses seit Anbeginn aller Zeiten hingehört. Mal sehen. Es wäre charmant, es nicht selber zu tun. Eine Gläubige oder einen Gläubigen zu finden, der das für mich erledigt. Weil er so überwältigend intensiv an mich glaubt. Denn viele tun das! Immer noch! Ach, denkt Gott, Glaube ... Er ist doch das größte Wunder von allen.