Mit seinem neuen Buch "Das Abendland verteidigen" legt der Althistoriker David Engels einen "hesperialistischen" Gegenentwurf zur heutigen Europäischen Union vor, den er als Antwort auf eine vermeintlich von einer euroföderalistischen Linken dominierte Politik versteht. Aus einer spenglerianisch gefärbten Diagnose des kulturellen Niedergangs entwickelt er eine Vision Europas, die antike Demokratie-Ideale mit einem klar normativen Wertekanon verbinden will. Doch Engels' Entwurf eines moralischen Staates, der traditionelle Lebensformen bevorzugt, wirft die Frage auf, ob seine Alternative zur EU tatsächlich mit den Grundprinzipien liberaler Demokratien vereinbar wäre.
Der Althistoriker Prof. David Engels, der der Neuen Rechten zugerechnet werden kann, hat ein neues Buch veröffentlicht: "Das Abendland verteidigen. Einführung in den Hesperialismus". Darin versucht er sich an einem Gegenentwurf zur aktuellen Europäischen Union, die für ihn von einer "euroföderalistischen Linken" beherrscht wird und deren Gegenentwurf er aktuell in einer "souveränistischen Rechten" sieht.
Von 2008 bis 2023 an der Université libre des Bruxelles Lehrstuhlinhaber für Römische Geschichte und bis 2024 mit einer Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen ausgestattet, ist er Liebhaber der Schriften von Oswald Spengler und einer der Mitbegründer und Präsident der Oswald Spengler Society. Von diesem Vorbild inspiriert ist offensichtlich auch der Titel von Engels' Streitschrift, prophezeite doch der große Meister dereinst den "Untergang des Abendlandes". Sich diesem entgegenzustellen scheint nun auch die Mission des Schülers. Dazu wählt er den Begiff des "Hesperialismus" von griechisch hespera, was "Westen" oder "Abend" bedeutet.
Interessant ist, dass er eine über die Nation hinausgehende Erzählung wiederbeleben will, die auf dem Christentum als der angeblichen gemeinsamen Identität Europas aufbaut. Vielleicht liegt es daran, dass er als Deutsch-Belgier keine starke Bindung an die nationalstaatlichen Erzählungen hat, die sonst im Rechtsaußen-Spektrum dominieren. Zunächst lesen wir jedoch von einer "großen Verwirrung", die zu allerlei Zerstörung führe: der Sinn für Transzendenz, die Familie, die Tradition, die Nationen, die Natur, ja selbst die Schönheit selbst werden scheinbar aktuell zerstört. Am Ende ist es das alte Leiden der politischen Rechten an der Moderne und den mit ihr einhergehenden Umwälzungen; und diese beginnt nicht erst mit der französischen Revolution, sondern mit der "Schwächung" des Christentums durch die Reformation.
Wie so viele, die dem Verlust der Transzendenz nachtrauern, beschreibt er die Aufklärung als eine Bewegung die "aus dem luziferischen 'non serviam' ein prometheisches, angeblich 'aufgeklärtes' Ideal" gemacht hätte und einem "vulgären Glauben an Technologie, Wissenschaft und Fortschritt" anhänge (S. 22). Als säkularer Humanist kann man sich jedoch kaum in dem wiederfinden, was Engels beschreibt, so dass hier bestenfalls Strohmänner angegriffen werden.

Eine Diskussion ist aber David Engels' Demokratiebegriff wert. Denn einerseits beklagt er eine "Zerstörung der Demokratie" und hält zurecht fest, dass auch Begriffe wie "Demokratie" oder "Menschenrechte" zunächst abstrakter Natur sind und einer näheren Bestimmung bedürfen. An anderer Stelle schreibt er jedoch von der (S. 34) "Brechung des Volkswillens durch die parlamentarische Repräsentation und [das] Parteiensystem". Nun kann man wie Engels einem "klassischen demokratischen Ideal der Antike mit ihren Volksversammlungen" anhängen, alleine, wie Vergleichbares in einer Massendemokratie des 21. Jahrhunderts verwirklicht werden sollte, bleibt ein Rätsel.
Ähnlich seinem Vorbild Spengler sieht Engels einen Wettbewerb der "neuen Cäsaren" aufziehen und ähnlich seinem Vorbild bleibt oft unklar, ob er rein beschreibend einen Zustand festhält oder diesen begrüßt, etwa wenn er vom Volk schreibt, das sich historisch mit dem politischen Kompromiss des Augustus arrangiert habe, um zu verhindern, dass die Republik zurück ins Chaos gleite. Diese Anleihen an die römische Geschichte, die bei einem Althistoriker nahe liegen, scheinen dann der heutigen Situation doch nicht angemessen.
Die Alternative, die Engels all diesem von ihm wahrgenommenen Verfall gegenüberstellt, ist eine Konföderation europäischer Nationen, die aus der heutigen Europäischen Union hervorgehen könnte. Diese sollten sich an Werten und Identitäten orientieren und zwar niemand in diese traditionellen Lebensformen, wie etwa den christlichen Glauben oder die traditionelle Ehe, drängen, aber diese bevorzugen und als die wünschenswerte Norm propagieren und fördern. Eine Einstellung, die der liberale kanadisch-australische Philosoph Alexander Lefebvre in einem Artikel über seinen Besuch bei den Intellektuellen Viktor Orbáns in Ungarn ebenso fand. Er nannte dies "die Rückkehr des moralischen Staates" und eine Form eines "teleologischen Regimes", welches dem Selbstverständnis des weltanschaulich neutralen, liberalen Verfassungsstaates fundamental entgegenstehe.
Praktischerweise liefert Engels einen Entwurf einer Präambel für einen solchen Staat in seinem Buch gleich mit. Dort lesen wir, dass die Würde des menschlichen Lebens als höchstes Gut zu betrachten und zu schützen sei, ebenso wie, dass der demokratisch geäußerte Wille des Volkes die ultimative Quelle aller politischen Entscheidungen darstelle. Alleine, betrachtet man die zuvor angesammelten Ansichten, so bleibt zu bezweifeln, dass er diese Begriffe so verwendet, wie es der aktuell geläufigen – oder wie Engels sagen würde: links-liberalen – Verwendung entspricht. So fordert er zwar einerseits die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz, andererseits aber auch "die den Geschlechtern aufgrund ihrer naturgemäßen Veranlagung zukommenden besonderen Eigenschaften, Rechten und Pflichten zu garantieren". Interessant wäre es vor allem zu erfahren, welche Pflichten er genau dem weiblichen Geschlecht aufbürden möchte.
Ein "Europa der Vaterländer" scheint zunehmend die Vision der politischen Rechten von Frankreich über Italien bis nach Ungarn. David Engels hat diesem nun eine nähere Gestalt in Form eines moralischen Staates erzkonservativer Prägung gegeben. Das Abendland als die angebliche historische Form des christlichen Europa unter Ausgrenzung anderer Identitäten, seien sie muslimisch oder säkular, soll der Weg zurück nach vorne sein. Ob dies für Gesellschaften des 21. Jahrhunderts einen gangbaren Weg darstellt, darf bezweifelt werden.
David Engels, Das Abendland verteidigen. Einführung in den Hesperialismus, Renovamen-Verlag 2025, 135 Seiten, 18 Euro






