Aktuelle Bertelsmann-Studie zu Religionen veröffentlicht

Mehrheit steht zur Demokratie

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Ausschnitt aus dem Titelblatt der Bertelsmann-Studie
Ausschnitt aus dem Titelblatt der Bertelsmann-Studie

Mit dem "Religionsmonitor" will die Bertelsmann-Stiftung regelmäßig die Bedeutung von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellen. Die aktuelle Ausgabe befasst sich damit, ob und wie sehr religiöse und konfessionslose Menschen demokratisch empfinden.

"Die große Mehrheit von 89 Prozent der Bevölkerung – über alle Religionen hinweg – hält die Demokratie in Deutschland für eine gute Regierungsform" schreibt (unter anderem) Spiegel-Online über das Ergebnis der aktuellen Studie. Weiter heißt es: "Bei religiöser Toleranz sieht die Untersuchung aber Defizite. Vor allem der Islam habe es schwer und werde von vielen negativ wahrgenommen."

Und dann gibt es in der dpa-Meldung, die dem Artikel von Spiegel-Online zugrundeliegen und die der Stern unverändert veröffentlicht hat, einen Schlussabsatz, der stutzen lässt: "Der Studie zufolge erweist sich aber die demokratische Kultur grundsätzlich als ein stabiles, von der breiten Mehrheit getragenes Fundament: Unter Christen sprechen sich 93 Prozent, unter Muslimen 91 Prozent, unter Konfessionslosen 83 Prozent für die Demokratie aus."

Danach wären konfessionslose Bürger die mit der geringsten Affinität zur Demokratie?

Nun ist die Bertelsmann-Stiftung in Fragen, die die Religiosität angehen, seit jeher umstritten. Im Jahr 2007 veröffentlichte die Stiftung eine Umfrage, nach der 70 Prozent der Bundesbürger religiös seien. Im Jahr 2015 hieß es bei der Bertelsmann-Stiftung, dass "konfessionslose Jugendliche … immer noch eine Minderheit in Deutschland (23 Prozent)" sind. Diese Beobachtung widerspricht den Ergebnissen des Zensus 2011, nach denen es deutlich mehr Konfessionsfreie gibt, nämlich derzeit bundesweit rund 34 Prozent (Stand 2015).

Bereits dem Religions-Monitor 2015, der die Grundlagen zu dem aktuellen liefert, wurde von Gerhard Czermak widersprochen. Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, sagte einmal: "Nach dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung gehöre ich zu den hochreligiösen Menschen dieser Gesellschaft."

Nun also eine neue Studie zum Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Die Sonderauswertung zum Religionsmonitor 2017 ging drei zentralen Frage nach:

  • Inwiefern unterscheiden sich Angehörige verschiedener Religionen in ihren Einstellungen zur Demokratie?
  • Wie stehen die Deutschen zu religiöser Vielfalt im Allgemeinen und zu einzelnen Religionen im Besonderen?
  • Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen den Haltungen zur Demokratie und den Einstellungen gegenüber religiöser Vielfalt?

In der Presseerklärung zur Studie heißt es: "Bei der Anerkennung religiöser Vielfalt gibt es … Nachholbedarf: Grundsätzlich sind 87 Prozent der Befragten laut Studie offen gegenüber anderen Weltanschauungen. Etwa 70 Prozent sprechen anderen Religionen auch einen Wahrheitsgehalt zu und sind somit als religiös tolerant anzusehen. Doch nur knapp jeder Zweite in Deutschland meint, dass religiöse Pluralität die Gesellschaft bereichert. Mit Blick auf den Islam sinkt dieser Anteil noch einmal: Nur ein Drittel der Bevölkerung betrachtet den Islam als Bereicherung. Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus werden hingegen von einer Mehrheit als bereichernd empfunden."

Hier fällt schon auf, dass Konfessionsfreie in der Auflistung des zweiten Satzes nicht einmal auftauchen. Als wäre mehr als ein Drittel der Bevölkerung einfach nicht vorhanden.

Insbesondere der Islam scheint für viele der Befragten problematisch zu sein: Rund die Hälfte der Befragten empfinden den Islam als Bedrohung. Dabei ist in Ostdeutschland dieser Anteil mit 57 Prozent noch höher als in Westdeutschland (50 Prozent). Eine Erklärung dafür liefert die Religions-Expertin Yasemin El-Menouar: "Offenbar sehen viele Menschen den Islam derzeit weniger als Religion, sondern vor allem als politische Ideologie an und nehmen ihn deswegen von der religiösen Toleranz aus." Sie weist jedoch darauf hin, dass die Studie eine recht weit verbreitete Islamskepsis aufzeigt, "aber die ist nicht unbedingt mit Islamfeindlichkeit gleichzusetzen."

Dabei ergibt die Studie auch, dass die große Mehrheit der Muslime der Demokratie als Regierungsform positiv gegenüberstehen.

Interessant ist aber auch, dass die Studie ergab, dass die Zustimmung zur Demokratie als gute Regierungsform unter Personen mit einer klar islamfeindlichen Haltung auf einen Anteil von 68 Prozent sinkt – und damit mehr als 20 Prozentpunkte niedriger ist als in der Gesamtbevölkerung. Ähnlich sieht es beim Schutz von Minderheiteninteressen aus: Auch dieses demokratische Prinzip findet nur bei zwei Dritteln derer Zustimmung, die sich gegen die Zuwanderung von Muslimen aussprechen.

Kommen wir hier dem Geheimnis der geringen Zustimmung zur Demokratie unter Konfessionslosen näher? Wenn Ostdeutsche – wie die Studie ergibt – islamkritischer (und gar -feindlicher) sind und dieser Personenkreis zudem nicht so positiv über Demokratie denke; zudem vorrangig konfessionslos … dann mag das zwar zutreffen und eine Korrelation ergeben, aber vermutlich keine Kausalität. Ostdeutsche sind nicht deshalb demokratiekritischer, weil sie konfessionslos sind, sondern weil sie – wie die Studie auch aussagt – sich von der Politik verlassen fühlen. Das jedoch war der dpa keine Zeile wert.

"Eine wichtige Erkenntnis des Religionsmonitors lautet, dass Menschen, die regelmäßig Kontakt zu Angehörigen anderer Religionen haben, religiöse Vielfalt und den Islam seltener als Bedrohung empfinden", heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Immerhin – ohne es zu benennen – macht die Pressemitteilung Werbung für einen verpflichtenden Ethik-Unterricht: "Beispielsweise ließe sich bereits in Kita und Schule ansetzen, um Kinder – unabhängig von konfessionellen Grenzen – über Religion und religiöse Vielfalt zu unterrichten. Auf diese Weise könnten sich Kinder über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer verschiedenen religiösen Prägungen austauschen und voneinander lernen." Eine Forderung, die konfessionslose Organisationen schon seit langem vertreten.

Insgesamt ist anzumerken, dass es problematisch ist, dass die Studie an manchen Stellen zwischen Ost und West unterscheidet und an anderen Stellen nicht. Das verzerrt das Bild und macht Konfessionsfreie zu schlechteren Demokraten.