"Projekt 48" dokumentiert erneut säkulare Gefangene zum World Atheist Day

Zum vierten Mal veröffentlicht Projekt 48 anlässlich des World Atheist Day eine Liste der säkularen Gefangenen. Damit soll alljährlich daran erinnert werden, dass ein Bekenntnis zum Atheismus, ein profaner Umgang mit Göttern und Heiligkeiten oder die Forderung nach einer säkularen Gesellschaftsordnung in vielen Staaten mit Gefängnis bestraft werden. Dieses Jahr wurden Beispiele aus den Bereichen politischer Aktivismus und komische Kunst ausgesucht.

Auf Fälle aus dem Iran haben die Projektverantwortlichen diesmal verzichtet, dort gibt es die meisten Gefangenen, die sich mit Anklagen wegen Vergehen wie Gotteslästerung, Beleidigung des Propheten oder Entweihung islamischer Heiligtümer konfrontiert sehen. Vor allem erster Vorwurf wird häufig mit der Todesstrafe geahndet.

Politischer Aktivismus

Seit November 2025 befindet sich der ägyptische YouTuber Sherif Gaber in Untersuchungshaft. Ihm wird "Missachtung der Religion" vorgeworfen. Gaber ist für seine atheistische Einstellung bekannt und ist seit 2013 bereits mehrfach wegen der Verbreitung atheistischer Ideen verurteilt worden. Seine jetzige Verhaftung scheint Teil einer größer angelegten Kampagne der ägyptischen Behörden zu sein, bei der auch andere religionskritische Stimmen wie der "Mufti der Menschheit" Majid Zakariya Abdul Rahman und Menschen, die auf der Facebook-Seite des Arab Atheists Network and Forum gepostet hatten, sowie Angehörige religiöser Minderheiten festgenommen wurden.

Der Fall der queerfeministischen Aktivistin Ibtissame Betty Lachgar erfährt derzeit größere Aufmerksamkeit durch die internationale säkulare Szene (der hpd berichtete). Der 50-Jährigen wird vorgeworfen, einen Social Media-Post abgesetzt zu haben, der sie in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Allah is lesbian" ("Allah ist lesbisch") zeigt. Bereits im August 2025 war sie dafür in Untersuchungshaft genommen worden, im September erfolgte die Verurteilung, am 8. Oktober bestätigte das Berufungsgericht in Rabat den Schuldspruch und das Strafmaß: zweieinhalb Jahre Gefängnis. Es ist bekannt, dass Lachgar eine atheistische Einstellung hat.

Komische Kunst

Kunst, insbesondere die komische Kunst, gerät häufig mit religiösen Gefühlen und ihren "Wächtern" in Konflikt. Teils werden derartige Verfahren aber auch eingesetzt, um regierungskritische Stimmen generell zum Schweigen zu bringen.

Logo
Logo der Aktion von Projekt 48.

Der Fall des türkischen Satiremagazins LeMan dürfte in dieser Richtung deuten: Im Juni 2025 wurde ein Heft der Zeitschrift beschlagnahmt, Webseite und Social Media-Kanäle wurden gesperrt. Anlass war eine Karikatur, die zwei Figuren mit Flügeln zeigt, die über einer Stadt unter Beschuss schweben. Sie begrüßen sich und nennen dabei ihre Namen: Muhammed und Musa. Während der Cartoonist erklärte, mit der Zeichnung seinen Protest gegen die Kriegsführung im Gazastreifen auszudrücken, wollten religiöse Eiferer darin eine "Mohammed-Karikatur" sehen. Selbst Präsident Recep Tayyip Erdoğan meldete sich zu Wort und nannte die Abbildung "als Humor getarnte Aufwiegelung". Eine Handvoll LeMan-Mitarbeiter nahmen die Behörden in Untersuchungshaft.

Bis auf den Zeichner Doğan Pehlevan kamen alle im September unter Auflagen frei. Pehlevans Untersuchungshaft hob man im November zwar ebenfalls auf, da er aber in einem weiteren Fall der "Beleidigung des Präsidenten" beschuldigt wird, konnte er das Gefängnis nicht verlassen. Die Staatsanwaltschaft hat für ihn als "Wiederholungstäter" siebeneinhalb Jahre Gefängnis beantragt.

Während dieser Fall auch in Deutschland durch die Medien ging, nahmen sie vom Schicksal Artemy Ostanins (trotz einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters) kaum Notiz. Den russischen Comedian verurteilte im Februar ein Gericht in Moskau wegen "Anstiftung zum Hass" und der Verletzung religiöser Gefühle zu fünf Jahren und neuen Monaten Haft sowie einer Strafe von umgerechnet knapp 3.500 Euro. Ihm wird ein Witz über Jesus zur Last gelegt.

Zwar hatten tatsächlich mehrere Mitglieder einer konservativen orthodox-christlichen Organisation als "Geschädigte" gegen Ostanin ausgesagt, aber höchstwahrscheinlich steckt auch hinter diesem Verfahren eine umfassendere politische Motivation. Denn Ausgangspunkt der Verhaftung Ostanins war ein Witz über einen "Skater ohne Beine", der ihm als verdeckte Kritik an Russlands Krieg in der Ukraine ausgelegt wurde. Als sich die Anklage als mäßig begründet erwies, fanden die Ermittlungsbehörden den etwas älteren Jesus-Witz und ergänzten die Anklage. Besonders bizarr ist an dem Fall, dass Ostanin zur Schaffung und Verbreitung seiner Witze eine kriminelle Vereinigung gegründet haben soll.

Eine ausführlichere Darstellung der vier Beispiele sowie ein Rückblick auf die in den vergangenen Jahren vorgestellten Fälle findet sich auf der Website von Projekt 48.

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